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Prozess in Freiburg : Und wieder wird ein Schwerverbrechen aufgearbeitet

Unter Bewachung: Einer der elf Angeklagten im Landgericht Freiburg Bild: dpa

Nach der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung einer Studentin stehen in Freiburg elf Männer vor Gericht. Den Angeklagten drohen Haftstrafen von jeweils bis zu 15 Jahren.

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          Am Wochenende lädt der Freiburger Techno-Club auf dem Hans-Bunte-Areal zur „Beach-Party“ ein. Wahrscheinlich würden diesen Club in einem ungemütlichen Industriegebiet der südbadischen Stadt, untergebracht in einem Hallenkomplex eines Baumarkts, bis heute nur Eingeweihte kennen, wenn sich unter ein paar Sträuchern, keine fünfzig Meter vom Eingang des Clubs entfernt, am 14. Oktober 2018 gegen 0.30 Uhr nicht ein schreckliches Verbrechen ereignet hätte: Der für seine Gewalttätigkeit stadtbekannte, damals 22 Jahre alte Majid H. soll eine 18 Jahre alte Studentin erst selbst vergewaltigt und dann weitere Männer in der Diskothek wahrscheinlich dazu angestiftet haben, sich an der willenlosen Frau zu vergehen.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Das linksliberale Freiburg wurde durch den Fall, fast auf den Tag genau zwei Jahre nach dem brutalen Mord an der Medizinstudentin Maria Ladenburger, zum wiederholten Mal mit einem Schwerverbrechen konfrontiert, das Flüchtlinge begangen haben sollen, eine Bevölkerungsgruppe, um die man sich in der südbadischen Stadt seit dem Herbst 2015 mit großem Engagement kümmert.

          Deutsche Mitglieder einer Rockergang

          Wer daraus nun schlussfolgern sollte, diese Verbrechen könnten in Freiburg politische Grundfesten zum Einsturz bringen, der findet dafür keinen Beleg, zumindest nicht bei Wahlen: Denn bei der Kommunalwahl im Mai bekam die AfD 3,6 Prozent und verlor sogar leicht. Die Grünen wurden stärker als CDU und SPD zusammen. Von ostdeutschen Regionen, wo die AfD in Umfragen stärkste Partei ist, ist man in Freiburg weit entfernt. Und von fremdenfeindlicher Hetzer lässt sich die Stadtgesellschaft selbst angesichts schlimmer Verbrechen nicht infizieren.

          Am Mittwochmorgen fuhren sechs blaue und grüne VW-Kleinbusse die elf Beschuldigten zum Freiburger Landgericht. Im Innenhof des Gerichts musste erst ein Ententeich mit Holz abgedeckt werden, damit die Transporter aus den unterschiedlichen Justizvollzugsanstalten überhaupt Platz finden konnten. Erst hatte es geheißen, es handle sich um das größte Verfahren und den schwersten Tatverdacht seit Bestehen des Freiburger Landgerichts, dann fand die „Badische Zeitung“ heraus, dass 1983 schon einmal elf Männer in Freiburg vor Gericht standen, die eine Frau vergewaltigt und sexuell genötigt hatten; es handelte sich damals um deutsche Mitglieder einer Rockergang.

          Im aktuellen Fall ermittelte die Polizei ursprünglich gegen 13 Männer. Ein Verdächtiger wird noch gesucht; in einem Fall stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein. Elf Männer, acht Syrer, ein Algerier, ein Deutscher und ein Iraker stehen jetzt vor Gericht. Verhandelt wird mindestens bis Dezember. Die Anklage wirft den Beschuldigten schwere Vergewaltigung und unterlassene Hilfeleistung vor, der 22 Jahre alte mutmaßliche Haupttäter Majid H. muss sich zusätzlich wegen des unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln und wegen der Anstiftung zur Vergewaltigung verantworten.

          „Die Frau weinte leise“

          Als der Staatsanwalt am Mittwoch die drei sich ähnelnden Anklageschriften verlas, wurde der Ablauf des verhängnisvollen Abends detailliert geschildert und das Ausmaß an Brutalität und Enthemmtheit der mutmaßlichen Täter wurden erstmals deutlich: Majid H. soll am Abend des 13. Oktober mit einem mitangeklagten Bekannten Mustafah beschlossen haben, in der Diskothek 20 Ecstasy-Tabletten zu verkaufen. Mehrere junge Diskobesucherinnen interessierten sich dafür, laut Anklage auch die 18 Jahre alte Studentin aus Südbaden, die später vergewaltigt wurde. Nachdem Mustafah dem Mädchen eine Tablette verkauft haben soll, schlug Majid H. ihr offenbar vor, seine außergewöhnlichen Tattoos auf den Oberschenkeln zu zeigen. Beide sollen den Club daraufhin verlassen und zu einer Rasenfläche gegangen sein, die gegenüber vom Baumarkt-Parkplatz an einer wenig befahrenen Straße liegt. Dort soll Majid H. der Frau die Strümpfe und den Slip vom Körper gerissen und sie vergewaltigt haben. „Er führte den ungeschützten Geschlechtsverkehr von hinten durch – gegen den Willen der Frau“, sagte der Staatsanwalt. Dann ließ er die Frau laut Anklage hilflos im Gebüsch liegen, ging in den Club zurück und sagte zu Mustafah und vermutlich auch zu einigen weiteren Bekannten, dass dort draußen eine Frau im Gebüsch liege, mit der sie Geschlechtsverkehr haben könnten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt begannen die Ecstasy-Tablette, ein Glas „Wodka-Bull“ und möglicherweise auch die beigemengten K.-o.-Tropfen im Körper der Frau offenbar vollständig zu wirken.

          „Die Frau weinte leise, sie war nur sehr eingeschränkt in der Lage sich zu wehren, der Angeklagte machte sich diese Lage zunutze“, sagte der Staatsanwalt am Mittwoch. Bei den Angeklagten Majid und Mustafah seien die Straftatbestände der Vergewaltigung in Tateinheit mit unterlassener Hilfeleistung, unerlaubtem Handel mit Betäubungsmitteln, Anstiftung zur Vergewaltigung in Tateinheit mit unterlassener Hilfeleistung erfüllt. Neun weitere Täter sollen sich in der Tatnacht bis etwa 4 Uhr an der Frau vergangen haben, auch der Deutsche Timo P..

          Während die Staatsanwaltschaft den Angeklagten vorwirft, die Frau gegen ihren Willen zum Sex gezwungen zu haben, sind die Verteidiger der Auffassung, dass es sich um einvernehmliche sexuelle Begegnungen handelte. Zu den Kratzwunden, die sich bei einigen Angeklagten fanden, scheint das aber nicht zu passen; trotz des starken Drogeneinflusses war die Frau offensichtlich noch in der Lage, sich gegen die vielfachen Übergriffe zu wehren.

          Noch bei einem der Täter übernachtet

          In Strafprozessen, in denen Sexualdelikte aufgeklärt werden, steht oft Aussage gegen Aussage und die Einlassung des Opfers sogar in krassem Widerspruch zur Angabe des Täters. Der Verteidiger von Majid. H. sagte demgegenüber: „Wir haben hier nicht Aussage gegen Aussage vorliegen, sondern die Aussage des Opfers, die lautet: Ich weiß es nicht.“ Es handle sich auch keinesfalls um eine „Gruppenvergewaltigung“, wie das in einigen Medien behauptet worden sei. Von einer Gruppenvergewaltigung spreche noch nicht einmal die Staatsanwaltschaft, den es fehlten ein „gemeinsamer Tatplan“ und eine „gemeinsame Ausführung“. Besser sei es, von einer „seriellen Vergewaltigung“ zu sprechen. Im Strafgesetzbuch gibt es beide Begriffe nicht. Der Staatsanwaltschaft warfen einige Strafverteidiger in der Verhandlung vor, die Anklagen aufgrund des Drucks der Öffentlichkeit und der Politik zu schnell erhoben zu haben.

          Den Angeklagten drohen im Falle einer Verurteilung Haftstrafen von jeweils bis zu 15 Jahren. Eine wichtige Rolle bei der weiteren Beweiserhebung dürfte auch die Frage spielen, ob man den Konsum und die Wirkung der Drogen im Körper des Opfers nachweisen kann. Wahrscheinlich ist das nicht, weil die Frau sich zu spät bei der Polizei meldete – nachdem sie bei einem der Täter noch übernachtet hatte.

          Der Freiburger Fall hatte auch einige politische Folgen: Die grün-schwarze Landesregierung richtete in allen vier Regierungspräsidien regionale Sonderstäbe für kriminelle Flüchtlinge ein, arbeitsfähig ist aber wohl nur die in Freiburg. Mit der Stadt schloss das Land außerdem eine Sicherheitspartnerschaft, seitdem arbeiten dort 32 zusätzliche Polizeibeamte. Immer noch nicht von der Regierung beschlossen ist hingegen das im November von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) angekündigte Konzept zum besseren Schutz der Bevölkerung vor Gruppen junger, gewalttätiger Asylbewerber oder anerkannter Flüchtlinge. Eine Anfang des Jahres vorbereitete, umfangreiche Kabinettsvorlage mit sozialpädagogischen und ordnungsrechtlichen Vorschlägen verschwand wieder in der Schublade. Angeblich, weil auch die Ministerpräsidentenkonferenz Vorschläge vorbereiten wollte. Kretschmann hatte nach dem Freiburger Fall sogar davon gesprochen, man müsse solche „Männerhorden in die Pampa“ schicken. In seiner Partei bekam er dafür nicht nur Applaus.

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