https://www.faz.net/-gpf-9of17

Prozess in Freiburg : Und wieder wird ein Schwerverbrechen aufgearbeitet

Unter Bewachung: Einer der elf Angeklagten im Landgericht Freiburg Bild: dpa

Nach der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung einer Studentin stehen in Freiburg elf Männer vor Gericht. Den Angeklagten drohen Haftstrafen von jeweils bis zu 15 Jahren.

          4 Min.

          Am Wochenende lädt der Freiburger Techno-Club auf dem Hans-Bunte-Areal zur „Beach-Party“ ein. Wahrscheinlich würden diesen Club in einem ungemütlichen Industriegebiet der südbadischen Stadt, untergebracht in einem Hallenkomplex eines Baumarkts, bis heute nur Eingeweihte kennen, wenn sich unter ein paar Sträuchern, keine fünfzig Meter vom Eingang des Clubs entfernt, am 14. Oktober 2018 gegen 0.30 Uhr nicht ein schreckliches Verbrechen ereignet hätte: Der für seine Gewalttätigkeit stadtbekannte, damals 22 Jahre alte Majid H. soll eine 18 Jahre alte Studentin erst selbst vergewaltigt und dann weitere Männer in der Diskothek wahrscheinlich dazu angestiftet haben, sich an der willenlosen Frau zu vergehen.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Das linksliberale Freiburg wurde durch den Fall, fast auf den Tag genau zwei Jahre nach dem brutalen Mord an der Medizinstudentin Maria Ladenburger, zum wiederholten Mal mit einem Schwerverbrechen konfrontiert, das Flüchtlinge begangen haben sollen, eine Bevölkerungsgruppe, um die man sich in der südbadischen Stadt seit dem Herbst 2015 mit großem Engagement kümmert.

          Deutsche Mitglieder einer Rockergang

          Wer daraus nun schlussfolgern sollte, diese Verbrechen könnten in Freiburg politische Grundfesten zum Einsturz bringen, der findet dafür keinen Beleg, zumindest nicht bei Wahlen: Denn bei der Kommunalwahl im Mai bekam die AfD 3,6 Prozent und verlor sogar leicht. Die Grünen wurden stärker als CDU und SPD zusammen. Von ostdeutschen Regionen, wo die AfD in Umfragen stärkste Partei ist, ist man in Freiburg weit entfernt. Und von fremdenfeindlicher Hetzer lässt sich die Stadtgesellschaft selbst angesichts schlimmer Verbrechen nicht infizieren.

          Am Mittwochmorgen fuhren sechs blaue und grüne VW-Kleinbusse die elf Beschuldigten zum Freiburger Landgericht. Im Innenhof des Gerichts musste erst ein Ententeich mit Holz abgedeckt werden, damit die Transporter aus den unterschiedlichen Justizvollzugsanstalten überhaupt Platz finden konnten. Erst hatte es geheißen, es handle sich um das größte Verfahren und den schwersten Tatverdacht seit Bestehen des Freiburger Landgerichts, dann fand die „Badische Zeitung“ heraus, dass 1983 schon einmal elf Männer in Freiburg vor Gericht standen, die eine Frau vergewaltigt und sexuell genötigt hatten; es handelte sich damals um deutsche Mitglieder einer Rockergang.

          Im aktuellen Fall ermittelte die Polizei ursprünglich gegen 13 Männer. Ein Verdächtiger wird noch gesucht; in einem Fall stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein. Elf Männer, acht Syrer, ein Algerier, ein Deutscher und ein Iraker stehen jetzt vor Gericht. Verhandelt wird mindestens bis Dezember. Die Anklage wirft den Beschuldigten schwere Vergewaltigung und unterlassene Hilfeleistung vor, der 22 Jahre alte mutmaßliche Haupttäter Majid H. muss sich zusätzlich wegen des unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln und wegen der Anstiftung zur Vergewaltigung verantworten.

          „Die Frau weinte leise“

          Als der Staatsanwalt am Mittwoch die drei sich ähnelnden Anklageschriften verlas, wurde der Ablauf des verhängnisvollen Abends detailliert geschildert und das Ausmaß an Brutalität und Enthemmtheit der mutmaßlichen Täter wurden erstmals deutlich: Majid H. soll am Abend des 13. Oktober mit einem mitangeklagten Bekannten Mustafah beschlossen haben, in der Diskothek 20 Ecstasy-Tabletten zu verkaufen. Mehrere junge Diskobesucherinnen interessierten sich dafür, laut Anklage auch die 18 Jahre alte Studentin aus Südbaden, die später vergewaltigt wurde. Nachdem Mustafah dem Mädchen eine Tablette verkauft haben soll, schlug Majid H. ihr offenbar vor, seine außergewöhnlichen Tattoos auf den Oberschenkeln zu zeigen. Beide sollen den Club daraufhin verlassen und zu einer Rasenfläche gegangen sein, die gegenüber vom Baumarkt-Parkplatz an einer wenig befahrenen Straße liegt. Dort soll Majid H. der Frau die Strümpfe und den Slip vom Körper gerissen und sie vergewaltigt haben. „Er führte den ungeschützten Geschlechtsverkehr von hinten durch – gegen den Willen der Frau“, sagte der Staatsanwalt. Dann ließ er die Frau laut Anklage hilflos im Gebüsch liegen, ging in den Club zurück und sagte zu Mustafah und vermutlich auch zu einigen weiteren Bekannten, dass dort draußen eine Frau im Gebüsch liege, mit der sie Geschlechtsverkehr haben könnten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt begannen die Ecstasy-Tablette, ein Glas „Wodka-Bull“ und möglicherweise auch die beigemengten K.-o.-Tropfen im Körper der Frau offenbar vollständig zu wirken.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Weltweiter Aufruhr: Illustration für die F.A.S. von Kat Menschik

          Die Aufstände und der Westen : Was geht uns das an?

          Libanon, Hongkong, Bolivien, Kolumbien, Chile, Irak, Iran: Überall begehren Menschen auf. Wir haben Autoren, die mittendrin sind oder waren, gefragt: Worum geht es euch? Und was hat das mit uns im Westen zu tun?

          Ärger beim FC Bayern : „Ich könnte durchdrehen“

          Joshua Kimmich kocht nach dem 1:2 der Bayern in Gladbach vor Wut, Thomas Müller faucht, Hasan Salihamidzic ist ratlos. Und Trainer Hansi Flick wirkt angeschlagen. Die Münchner haben ein großes Problem.
          Der Umgang mit Algorithmen und Künstlicher Intelligenz steht zur Debatte: Welcher Regelungen bedarf es?

          Regulierungsbedarf? : Die Bändigung der Algorithmen

          Computer fällen zunehmend Entscheidungen, die tief in das Leben eingreifen und willkürlich anmuten. Dafür gibt es erstaunliche Beispiele aus dem Lebensalltag. Zeit für eine breite Debatte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.