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Prozess in Lüneburg : Beweisaufnahme im Fall Auschwitz

Welchen Beitrag hat Oskar Gröning geleistet? Dieser Frage geht das Landgericht in Lüneburg derzeit nach. Bild: dpa

Im Prozess gegen Oskar Gröning versucht das Landgericht in Lüneburg nun den individuellen Tatbeitrag des früheren SS-Angehörigen am Massenmord in Auschwitz zu ermessen - und damit das Unfassbare juristisch fassbar zu machen.

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          Wie lässt sich Auschwitz in juristische Begriffe fassen? In dem Prozess gegen den 93 Jahre alten früheren SS-Mann Oskar Gröning vor dem Landgericht in Lüneburg war am Dienstag ein Rechtsmediziner als Sachverständiger geladen, um die Wirkweise des Nervengiftes Zyklon B zu erläutern, mit dem in den Gaskammern von Auschwitz Hunderttausende Menschen umgebracht wurden. Nachdem in den ersten Wochen des Prozesses vor allem Überlebende des Lagers als Zeugen ausgesagt und die Dimension des Grauens und die Folgen, die der Massenmord an den europäischen Juden und die Vernichtung ganzer Familien selbst für die Nachgeborenen geschildert hatten, ist nun die juristische Bewertung in den Mittelpunkt des Lüneburger Prozesses gerückt.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          Es geht um den konkreten Tatbeitrag des Angeklagten Gröning, der selbst nicht an den Selektionen für die Gaskammern oder an den Vergasungen mitgewirkt hatte, sondern in der Gefangeneneigentumsverwaltung das Geld der Ermordeten zählte, und an der Rampe, an der die Deportationszüge ankamen, das Gepäck der Deportierten bewachte. Und es geht um die Rechtsfrage, wie die Massenmorde in Auschwitz unter den Mordtatbestand des Strafgesetzbuches zu fassen sind. Denn Gröning muss die Beihilfe zum Mord nachgewiesen werden, alle anderen Delikte, auch der „einfache“ Totschlag, sind längst verjährt.

          Mordmerkmale in Auschwitz erfüllt

          In der Anklageschrift listete der Hannoveraner Staatsanwalt Jens Lehmann die sogenannten Mordmerkmale auf. Die Tötung der Deportierten sei heimtückisch und grausam gewesen, führte Lehmann am ersten Prozesstag aus, und sie sei aus Rassenhass erfolgt. Detailliert ging Lehmann darauf ein, wie die ankommenden Menschen in Auschwitz-Birkenau über den wahren Zweck des Lagers getäuscht wurden. Er berichtete von den zynischen Schildern, welche die Gaskammern als Badehäuser tarnen sollten. „Die Opfer waren also arg- und wehrlos“, als sie in den Tod getrieben wurden, resümierte Lehmann – die juristische Definition der Heimtücke.

          Auch die Zeugen berichteten von der Perfidie, mit der die SS sicherstellte, dass sich die Menschen ohne sich zu wehren in die Gaskammern führen ließen. Max Eisen, der mit 15 Jahren mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert worden war und als Einziger überlebte, berichtete von Postkarten, die viele Familie von den bereits deportierten Angehörigen erhalten hätten. „Wir leben hier alle zusammen auf einem Bauernhof“, habe darin gestanden. „Eine gute Nachricht, dachten wir.“ Andere schilderten, wie ihnen bei der Ankunft in Auschwitz gesagt worden sei, sie sollten ihr Gepäck in den Viehwaggons lassen, es werde ihnen dann nach dem Baden auf ihre Zimmer gebracht. Für den Ablauf der industriellen Massentötung war das essentiell, denn hätten die Menschen von ihrem Schicksal gewusst, hätten sie sich kaum so widerstandslos in den Tod führen lassen. Und der SS wäre es kaum gelungen, täglich mehrere tausend Menschen zu töten.

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