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Prozess in Dresden : „Plötzlich kam ein Schlag“

  • -Aktualisiert am

Der Angeklagte vor dem Beginn des Prozesses am Montag in Dresden. Bild: AP

In dem Verfahren um den Anschlag auf ein homosexuelles Paar sagt der Lebensgefährte des Getöteten aus. Der mutmaßliche Täter, der aus islamistischen Motiven gehandelt haben soll, verfolgt die Übertragung regungslos.

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          Es hatte ein schöner Urlaub werden sollen, doch er endete furchtbar. Gefasst, aber immer wieder auch sichtlich bewegt schilderte am Freitag Oliver L., der Lebensgefährte des im vergangenen Jahr mutmaßlich von einem Islamisten ermordeten Thomas L., was aus seiner Sicht an jenem 4. Oktober in Dresden geschah. L. war ausnahmsweise aus seinem Wohnort Köln per Video in den Verhandlungssaal des Oberlandesgerichts Dresden zugeschaltet – auch weil die Staatsschutzkammer ihm nicht zumuten wollte, dem Mann direkt zu begegnen, der mutmaßlich seinen Lebensgefährten ermordet und ihn selbst schwer verletzt hat.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Abdullah A., 21 Jahre alt, saß wie schon zum Prozessbeginn am Montag völlig regungslos auf seinem Stuhl. Stumm und teilnahmslos blickte er auf den an der Wand vor ihm angebrachten Bildschirm, auf dem der Mann zu sehen war, den er töten wollte. So jedenfalls soll er es seinem Gutachter ausführlich geschildert haben. Er sei „nicht mit vollem Herzen dabei gewesen“, habe A. erzählt, so der Gutachter am Montag. Sonst hätte er die Tat „vollendet“. Also auch L. erstochen.

          Oliver L., 54 Jahre alt, wurde schwer verletzt und hat, auch durch die Hilfe einer aus einem nahen Café herbeigeeilten Touristin, den Anschlag gerade so überlebt. Sein zwei Jahre älterer Freund erlag im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. „Plötzlich kam ein Schlag“, schilderte L. den Beginn jener dramatischen Minuten. „Wir haben uns beide gleichzeitig umgedreht und angeguckt.“ Unmittelbar darauf seien er und sein Lebensgefährte zu Boden gegangen. An vieles, was danach kam, fehle ihm die Erinnerung.

          Seit mehr als sieben Jahren seien er und Thomas L., der aus Krefeld stammte, ein Paar gewesen, berichtete Oliver L. Im Herbst des vergangenen Jahres hätten sie Urlaub gemacht, seien zunächst in Erfurt und Weimar gewesen und am Samstag, den 3. Oktober, nach Dresden weitergefahren, wo sie am Nachmittag ankamen. Es war der Tag der Deutschen Einheit und sehr viel los im Zentrum. Am Abend hätten sie am Neumarkt in Nähe der Frauenkirche essen gehen wollen, doch keinen freien Platz mehr gefunden. Also hätten sie für den kommenden Abend in einem Restaurant reserviert.

          Am Sonntag seien sie dann den ganzen Tag mit Fahrrädern unterwegs gewesen, hätten sich am Nachmittag kurz im Hotel ausgeruht und seien dann zum Restaurant gelaufen. „Die Stadt war auf einmal wie ausgestorben“, erinnerte sich L. „Am Tag vorher waren da noch so viele Leute, und jetzt war es total leer.“ Sie hätten dann zu Abend gegessen und seien über den Neumarkt durch eine Gasse zurück zu ihrem Hotel gelaufen. Ob sie sich an den Händen gehalten hätten, will der Richter wissen. Das könne er ausschließen, sagt L. „Das haben wir eigentlich nie gemacht.“

          Wissen war nie wertvoller

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          Der Schlag sei dann „völlig überraschend“ gekommen, sagte L. „Es war wir ein Knall, als hätte jemand geboxt.“ Dabei habe er vorher niemanden wahrgenommen. In ihrer Anklage spricht die Bundesanwaltschaft von einem „mit hoher Kraft“ ausgeführten Stich mit einem Messer, dessen 21 Zentimeter lange Klinge den Körper von Thomas L. fast vollständig durchdrang und der mit solcher Wucht ausgeführt wurde, dass der Griff abbrach. Zeitgleich soll Abdullah A. mit dem zweiten Messer auf Oliver L. eingestochen haben. Auf dem Rücken liegend soll er sich mit den Füßen gegen den Angreifer gewehrt haben, der ihm daraufhin tiefe Schnittwunden am Knie, Beinen und Füßen zufügte. Daran habe er heute keine Erinnerung mehr, sagt L. Er wisse nur noch, dass sie beide da auf dem Pflaster lagen und um Hilfe geschrien hätten. Er habe schlecht Luft bekommen. „Ich habe immer wieder gerufen, ich krieg’ keine Luft.“

          Eine polnische Touristin rettete ihm wohl das Leben

          Eine polnische Touristin, die am Vormittag im Zeugenstand auftrat, berichtete, wie sie zu den Männern geeilt sei und L. das stark blutende Bein abgebunden habe. Damit, so hätten die Ärzte gesagt, habe sie ihm das Leben gerettet. Sie habe auch gesehen, wie der Angreifer davonlief und dabei das zweite Messer weggeworfen habe, auf das sie die später hinzugekommene Polizei aufmerksam gemacht habe. Am Messer allerdings fanden die Ermittler keine verwertbaren Spuren; erst als sie an den Schuhen von Oliver L. DNA-Spuren von Abdullah A. sicherten, der wegen zahlreicher Delikte bereits aktenkundig war, konnten sie den mutmaßlichen Täter zwei Wochen später festnehmen.

          Die Bundesanwaltschaft wirft Abdullah A. Mord, versuchten Mord und schwere Körperverletzung aufgrund seiner radikal-islamistischen sowie homophoben Gesinnung hervor. Homosexuelle seien Feinde Gottes, habe A. erzählt, berichtete der Gutachter. Sie müssten deshalb bekämpft und getötet werden. Der Verteidiger erklärte, damit habe sein Mandant die Tat praktisch gestanden. Das Gericht wiederum muss entscheiden, ob es A., der vor der hier angeklagten Tat bereits drei Jahre wegen Vorbereitung eines Terroranschlags und Werbens für die Terrororganisation „Islamischer Staat“ im Gefängnis gesessen hat, noch nach Jugendstrafrecht verurteilt wird.

          Anderenfalls drohen ihm 15 Jahre Haft und Sicherungsverwahrung, die von der Bundesanwaltschaft bereits vorsorglich beantragt wurde. Er hoffe, dass die Vernehmung Oliver L. helfe, das Trauma zu verarbeiten, sagte der Richter am Ende der Vernehmung. Wie es ihm seelisch gehe, hatte zuvor noch ein Vertreter des Generalbundesanwalts gefragt. „Was soll ich dazu sagen?“, erwiderte L. Er versuche, die Trauer zu bewältigen und sich mit Arbeit abzulenken.

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