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Prozess gegen Verena Becker : Keine neuen Erkenntnisse

Die 58 Jahre alte Verena Becker verfolgt die Aussagen stets regungslos Bild: dapd

Wer erschoss vor 34 Jahren den damaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback? Seit Monaten verhandelt das Stuttgarter Oberlandesgericht über die Anklage gegen die frühere RAF-Terroristin Verena Becker - und gewinnt kaum neue Erkenntnisse.

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          Wer erschoss am 7. April 1977 den damaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback? Seit mehr als sieben Monaten verhandelt das Stuttgarter Oberlandesgericht über die Anklage gegen die frühere RAF-Terroristin Verena Becker. Selbst der Aufklärung verpflichtete Optimisten würden wohl zugeben, dass das Gericht sich einer Klärung dieser Frage in den vergangenen Monaten kaum nähern konnte.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Verhandelt wird in der Regel nicht mehr im für die RAF-Prozesse gebauten Gebäude in Stammheim, sondern in Saal 153 des Landgerichts in der Stuttgarter Innenstadt.

          Immer wenn ehemalige RAF-Terroristen in den Zeugenstand geladen waren, hat der Vorsitzende Richter die Zeugen geradezu flehentlich gebeten, doch ihren Teil zur Aufklärung des Verbrechens beizutragen. Doch fast alle ehemaligen Terroristen machten von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch und schwiegen, egal, ob nun Brigitte Mohnhaupt, Rolf Heisler, Günter Sonnenberg, Christian Klar oder Knut Folkerts geladen waren.

          Book gilt als „RAF-Märchenonkel“

          Das „menschliche Recht“ der Angehörigen, nach 34 Jahren zu erfahren, wer ihre Ehemänner und Väter ermordet hat, ignorieren die ehemaligen RAF-Mitglieder. Nur Silke Maier-Witt und Peter-Jürgen Boock haben überhaupt etwas gesagt. Frau Maier-Witt gab an, die Angeklagte nicht zu kennen.

          Boock machte Andeutungen, der RAF-Terrorist Stefan Wisniewski habe als Sozius und Schütze auf dem Suzuki-Motorrad gesessen, als auf den Generalbundesanwalt und seine Begleiter Wolfgang Göbel sowie Georg Wurster geschossen wurde. Zur Aufklärung der Tat hat auch das wenig beigetragen – Book gilt als „RAF-Märchenonkel“.

          Die 58 Jahre alte Verena Becker verfolgt die Aussagen stets regungslos. So war es auch wieder am Donnerstag, dem 38. Verhandlungstag. Als Zeuge war ein Mann geladen, der vermutlich Christian Klar ein Fluchtfahrzeug verkauft hat, einen silbernen Alfa Romeo vom Typ Giulia. Doch dem Mann geht es wie den meisten Zeugen in diesem Verfahren: „Ich weiß nichts mehr, ich kann dazu nichts mehr sagen.“

          Schlagabtausch zwischen Buback-Sohn und der Bundesanwaltschaft

          Es ist aber nicht nur die Erfahrung mit der Vergesslichkeit der Zeugen, die das Gericht an jedem Verhandlungstag neu macht. Es wiederholt sich in fast jeder Sitzung ein Schlagabtausch zwischen Michael Buback, dem Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts, und dem Vertreter der Bundesanwaltschaft. Buback ist Nebenkläger. Er behauptet, der Staat verhindere die Aufklärung des Falls. Zeugen hätten eine „feminine Person“ am Tag vor der Tat auf der Suzuki gesehen, die Ermittlungsakten enthielten Widersprüchliches.

          Daraufhin nannte der Bundesanwalt Bubacks Aussagen „laienhaft“. „Die Aussagen über die feminine Person haben keine Relevanz für das Verfahren. Die Widersprüche in den Vernehmungen basieren darauf, dass die Zeugen unterschiedliche Aussagen gemacht haben.“

          Auch die Verteidiger von Frau Becker setzten Buback zu: „Herr Professor Buback, ich achte Sie als Chemieprofessor, ich nehme auch nicht an, dass sie ihre Titel gekauft haben, aber sie sind kein Kriminalist.“ Buback und seine Anwälte stellten daraufhin abermals neue Beweisanträge.

          „Schützende Hände“ des Staates?

          Bei den nächsten, schon terminierten Verhandlungstagen wird es um die Rolle des Verfassungsschutzes gehen. Verena Becker ist wegen gemeinschaftlichen Mordes angeklagt. Der Strafsenat hatte auch die Anklage wegen Mittäterschaft zugelassen. Nur der Nebenkläger Michael Buback behauptet, Frau Becker sei auch die Schützin auf dem Motorrad gewesen. Deshalb wird es am Ende des Prozesses wohl darum gehen, ob die Angeklagte als Anstifterin des Attentates und Planerin der „Offensive 77“ wegen Beihilfe zum Mord oder gar wegen Mittäterschaft verurteilt werden kann.

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