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Prozess gegen Sauerland-Gruppe : Auf den Spuren der Kofferbomber

  • -Aktualisiert am

Die Festgenommenen werden dem Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof vorgeführt Bild: ddp

Heute beginnt der Prozess gegen die „Sauerland-Gruppe“, in Deutschland aufgewachsene Islamisten, die einen terroristischen Anschlag vorbereitet haben sollen. Im Internet kursiert indes ein weiteres Video mit Terror-Drohungen von Islamisten.

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          Der Tipp kam aus Amerika. Schon im Oktober 2006, knapp ein Jahr vor seiner spektakulären Festnahme, informierte die amerikanische National Security Agency den Bundesnachrichtendienst über die verdächtigen Aktivitäten eines jungen Mannes aus dem Raum Stuttgart. Dieser unterhalte Verbindungen zur Islamischen Dschihad Union (IJU) - einer mit Al Qaida assoziierten islamistischen Organisation aus Usbekistan, von der die Beamten in Berlin bis dahin nichts gehört hatten.

          Das änderte sich schnell: Nur zwei Monate später werden der in Ulm aufgewachsene deutsche Konvertit Fritz Gelowicz (29) und sein Freund Attila Selek (24) dabei beobachtet, wie sie im hessischen Hanau eine amerikanische Kaserne auskundschaften. Ein Haftrichter genehmigt daraufhin Hausdurchsuchungen bei den beiden Männern, gegen die neben Daniel Schneider (23) und Adem Yilmaz (30) heute vor dem 6. Strafsenat des Düsseldorfer Oberlandesgerichts Anklage erhoben wird - wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Anschlagsvorbereitung und Verabredung zum Mord.

          „Man hat versucht, ihn umzudrehen“

          Das Verfahren gilt als erster Fall, bei dem in Deutschland aufgewachsene Islamisten die Bundesrepublik angreifen wollten. Anschläge vom Ausmaß derer in Madrid im Jahr 2004, wo 191 Menschen getötet wurden, und London 2005 mit 56 Toten sollen ihr Ziel gewesen sein. Doch nicht nur das aus Überwachungsprotokollen gewonnene Wissen über die brutalen Pläne der vier jungen Männer wird den Senat um Richter Ottmar Breidling beschäftigen. Auch um die Rolle deutscher Geheimdienste und Sicherheitsbehörden geht es. Schließlich verfolgten diese die Männer fast ein Jahr lang auf Schritt und Tritt, ehe Eliteeinheiten der GSG 9 im September 2007 in der sauerländischen Gemeinde Medebach-Oberschledorn zugriffen.

          „Mein Mandant wurde schon nach der Rückkehr aus Pakistan vom Verfassungsschutz angesprochen“ sagt etwa Rechtsanwalt Johannes Pausch: „Man hat versucht, ihn umzudrehen - wenn auch vergeblich.“ Im Prozess sei daher zu klären, bei wem der Geheimdienst möglicherweise mehr Erfolg hatte, so Pausch, der auch den im vergangenen Dezember zu lebenslanger Haft verurteilten „Kofferbomber“ Youssef El Hajdib vertritt. Der war, gemeinsam mit dem im Libanon verurteilten Dschihad Hamad, im Juli 2006 mit dem Versuch gescheitert, zwei Regionalzüge in Nordrhein-Westfalen in die Luft zu sprengen.

          Dubiose Geheimdienstquellen

          Anders als die „Kofferbomber“ sollen die Mitglieder der „Sauerland-Gruppe“ Verbindungen zu islamistischen Netzen unterhalten haben - und nach Aufenthalten im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan den Heiligen Krieg im Auftrag der IJU nach Deutschland getragen haben. Das zu beweisen wird ohne Verwendung dubioser Geheimdienstquellen wie Verhörprotokollen aus Usbekistan oder Kasachstan nicht funktionieren, sagen Kritiker.

          Bereits ein Jahr nach der Festnahme der von acht Pflichtverteidigern vertretenen Sauerland-Angeklagten hatte die Zeitschrift „Der Spiegel“ über die Unterwanderung der Zelle berichtet. So sollen Selek 26 militärische Zünder unter den Augen der CIA und eines türkischen Geheimdienstes geliefert worden sein. Außerdem habe die deutsche Polizei früh zwei Vertrauenspersonen an Daniel Schneider herangeführt. An der Operation „Alberich“ schließlich, die vor eineinhalb zur Festnahme der Verdächtigen führte, beteiligten sich zeitweise mehr als 600 Beamte, davon allein 300 vom Bundeskriminalamt.

          Weiteres Drohvideo

          Im Internet kursiert indes nach einem Bericht der „Bild“-Zeitung ein neues Terror-Drohvideo. Wie das Blatt berichtet, hetzt ein „Comander Mohammad“ darin gegen Deutsche und Juden. Er nennt die Bundesregierung eine „verbrecherische Regierung“, deren „Großvater Hitler“ die Juden getötet habe. In Anspielung auf den Afghanistan-Einsatz sagt er auf arabisch weiter, heute würden „ihre Söhne im Dienste der Juden“ stehen. Eingeblendet seien Szenen von den Anschlägen am 11. September 2001 in New York.

          Urheber dieser dritten Videobotschaft mit Deutschland-Bezug in diesem Jahr ist nach Angaben der Zeitung abermals die Islamische Bewegung Usbekistan. In dem vor knapp zwei Wochen vom Verfassungsschutz auf einer usbekischen Internetseite entdeckten Video tritt wiederum ein den Sicherheitsbehörden bekannter Islamist marokkanischer Abstammung aus Bonn in Erscheinung. Er nennt sich „Abu Ibraheem aus Deutschland“ und verherrlicht die Anschläge vom 11. September.

          Verfassungsschutz beunruhigt

          Nach Informationen des Blattes werten die Sicherheitsbehörden dieses Video als Aufruf an radikale Islamisten in Deutschland, sich durch den Düsseldorfer Prozess nicht entmutigen zu lassen. Es sei davon auszugehen, dass weiterhin Vorbereitungen für einen Anschlag in Deutschland laufen.

          Das Bundesamt für Verfassungsschutz ist beunruhigt über die zunehmende Ausreise militanter Islamisten aus Deutschland. Es sei zu befürchten, dass die Betroffenen in Terrorcamps gereist seien oder Anschluss an kämpferische Auseinandersetzungen suchten, heißt es in einer Stellungnahme für den Bundestags-Rechtsausschuss, die der „Braunschweiger Zeitung“ vorliegt.

          Es bestehe „erhebliches Gefährdungspotential für deutsche oder amerikanische Streitkräfte“. Anlass der Stellungnahme des Verfassungsschutzes ist eine Anhörung im Bundestag zu den Plänen der Bundesregierung, unter anderem die Ausbildung in einem Terrorcamp unter Strafe zu stellen.

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