https://www.faz.net/-gpf-830iq

Auschwitz-Prozess : Ein Leben, aus dem Tod geboren

  • Aktualisiert am

Judith Kalmans Halbschwester Eva wurde im Alter von sechs Jahren in Auschwitz ermordet. Bild: Judith Kalman

Der Vater von Judith Kalman hatte vor dem Holocaust schon eine Familie, die jedoch im Holocaust umgekommen ist. Im Prozess gegen Oskar Gröning erzählt Judith von dieser Familie, die sie nie kennenlernte. FAZ.NET dokumentiert die gekürzte Aussage.

          11 Min.

          Ich bin Kanadierin und Tochter von Holocaust-Überlebenden. Ich werde Ihnen berichten, was es für mein Leben bedeutet hat, dass meine Halbschwester Eva Edit Weinberger, damals sechs Jahre alt, im Juni 1944 in Auschwitz zu Tode kam. Der Verlust der Angehörigen meiner Eltern, insbesondere der sechsjährigen Eva Edit, die ich nie kennengelernt habe, haben mir die Last eines geerbten Schuldgefühls auferlegt. Dieses Gefühl – die Schuld, überlebt zu haben – hat mein Leben maßgeblich bestimmt. Die Last dieses Schuldgefühls hat sich in meiner Wahl eines Lebenspartners ebenso niedergeschlagen wie in meiner beruflichen Laufbahn. Dennoch fühlt es sich peinlich unverhältnismäßig an, mich in der Form einer Erklärung als Opfer an dieses Gericht zu wenden. Die Auswirkungen des Holocaust auf mein Leben können nicht auf eine Stufe gestellt werden mit der Weise, in der sich meine Eltern und all jene anderen verändert haben, die das Wüten des Holocaust selbst erlitten haben. Mein persönlicher Verlust von Eva Edit Weinberger ist ein Nichts verglichen mit der Verheerung, die ihr Tod über unseren Vater gebracht hat. 

          Dieser Vater – ihrer und meiner – war Gusztav Weinberger Kalman. Seine Familie stammte aus dem Dorf Vaja im Nordosten von Ungarn. Die Familie besaß einen großen landwirtschaftlichen Betrieb, der auf Tabakproduktion und Alkoholdestillation für den Export spezialisiert war. Mein Vater und seine beiden jüngeren Brüder, Ferenc und Pal, sind in dem Wissen aufgezogen worden, dieses Familienunternehmen eines Tages selbst zu führen. Als mein Vater im Dezember 1940 zur Zwangsarbeit einberufen wurde, war er fast 35 Jahre alt und für die Finanzen sowie viele der Verwaltungsaufgaben des Betriebs verantwortlich. Er war mit seiner jungen Familie in den nahe gelegenen Ort Nyiregyhaza gezogen. 1937 hatte er Mancika Mandula geheiratet, und ihre Tochter Eva Edit war im April 1938 auf die Welt gekommen.

          Als nach der deutschen Besatzung Ungarns die nordostungarischen Juden unter den ersten waren, die nach Auschwitz deportiert wurden, entwischte mein Vater dem von Eichmann ausgeworfenen Netz. Als Zwangsarbeiter war er nicht zu Hause, ebenso sein Bruder Ferenc. Pal hingegen war auf Heimaturlaub und wurde mit dem Rest der Familie deportiert. Ferenc, der den Todesmarsch aus den grauenhaften Bedingungen in den Kupferminen im serbischen Bor überlebt hat, starb später im Konzentrationslager Flossenbürg.

          Meine Mutter, Anna Swarcz, hat Auschwitz überlebt, außerdem Sklavenarbeit in Munitionsfabriken in Deutschland wie auch den langen Zwangsmarsch, der sie durch Buchenwald geführt hat – auch das hat sie wie durch ein Wunder überlebt – und irgendwann in Richtung Dresden. Als die Amerikaner sie endlich befreit hatten, ging sie mit ihrer einzigen überlebenden Schwester zurück nach Ungarn. Da kein anderes Familienmitglied in ihren Heimatort Beregszasz zurückgekehrt war, ging meine Mutter wieder fort. Bei sich trug sie nichts als das Portrait ihrer liebsten Schwester Magda. Magda war in einer Munitionsfabrik durch Bomben der Alliierten gestorben, als die jüdischen Sklavenarbeiter nach draußen getrieben worden waren, damit die Wachen in den Baracken Schutz finden konnten.

          Weitere Themen

          Leben, Tod und Schreiben

          Zsuzsa Bánk über neues Buch : Leben, Tod und Schreiben

          Die Schriftstellerin Zsuzsa Bánk berichtet in ihrem neuen Buch „Sterben im Sommer“ vom Tod ihres Vaters und davon, wie man das eigene Erleben erzählt. Getröstet hat sie das Schreiben nicht – aber es hat ihr dabei geholfen, sich heute besser zu fühlen.

          Bremst Corona die Fridays for Future Bewegung aus? Video-Seite öffnen

          Luisa Neubauer im Interview : Bremst Corona die Fridays for Future Bewegung aus?

          Inmitten steigender Corona-Zahlen geht „Fridays for Future“ nach langer Pandemie-Pause wieder auf die Straße. Warum die Entscheidung für die Streiks gefallen ist und was die die Klimabewegung aus der Corona-Krise mitnehmen will, erzählt die Klima-Aktivistin Luise Neubauer im Video. Das ganze Interview hören Sie im „F.A.Z. Podcast für Deutschland.“

          Topmeldungen

          Besucherinnen bei der Kampagnenveranstaltung Donald Trumps Mitte September in Phoenix.

          Wahlkampf in Amerika : Mein Latino, dein Latino

          Amerikas Demokraten haben im Wahlkampf Arizona, einst eine republikanische Bastion, im Visier. Der demographische Wandel ist auf ihrer Seite. Doch Donald Trump hält dagegen.
          Bas Dost traf für die Eintracht zum 2:0.

          3:1 bei Hertha BSC : Die starke Eintracht stürmt auf Platz eins

          Hertha BSC wollte den Schwung vom Auftaktsieg mitnehmen. Der Plan geht gewaltig nach hinten los. Frankfurt verliert zwar früh einen Spieler, nutzt aber die Torchancen – und steht vorerst an der Tabellenspitze.
          Pandemie in der Luft: Eine Flugbegleiterin auf einem Flug von Kairo nach Scharm al Scheich

          Reisewarnungen wegen Corona : Wie wird eine Region zum Risikogebiet?

          Das Auswärtige Amt tüftelt an den neuen Regeln für Reisen während der Corona-Pandemie. Einige Warnungen könnten wegfallen. Aber das ist kein Grund für allzu große Freude mit Blick auf Herbst- und Winterferien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.