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Prozess gegen KZ-Wachmann : Schuldig fühlt er sich nicht

Der angeklagte Bruno D. am Donnerstag im Gerichtssaal Bild: Reuters

In Hamburg hat der Prozess gegen einen früheren Wachmann im KZ Stutthof begonnen. Bruno D. ist heute 93 Jahre alt – und in mindestens 5230 Fällen wegen Beihilfe zum Mord angeklagt.

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          Bevor es losgeht, steht Ben Cohen im Gerichtsgebäude und erzählt die Geschichte seiner Großmutter. Aus New York ist er gekommen, um bei dem Prozess in Hamburg dabei zu sein. Seine Großmutter Judy Meisel konnte nicht mehr anreisen, sie ist 90 Jahre alt. Sie ist eine Überlebende des Terrors der Nationalsozialisten. Als Kind war sie im Sommer 1944 in das deutsche Konzentrationslager Stutthof nahe Danzig verschleppt worden. Im November 1944 wurde ihre Mutter in der Gaskammer getötet. Auch Judy Meisel stand in der Schlange vor dem Gebäude, doch sie wurde wieder herausbeordert. In Hamburg steht seit Donnerstag ein damaliger Wachmann der SS in Stutthof vor Gericht, ein Rentner aus der Hansestadt. Die Anklage wirft Bruno D. vor, zwischen dem 9. August 1944 und dem 26. April 1945 „die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge“ unterstützt zu haben. Es geht um Beihilfe zum Mord in mindestens 5230 Fällen. Er hoffe, sagt Ben Cohen am Donnerstag, dass man in diesem Prozess mehr darüber lerne, was die Wachmänner getan hätten, was ihre Rolle bei den Morden gewesen sei.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Bevor der Mann, der die Antworten darauf geben soll, in seinem Rollstuhl in den Gerichtssaal geschoben wird, gibt die Richterin ein paar organisatorische Hinweise. Für den Fall, dass er eine Pause brauche oder gar kollabiere. Bruno D. ist 93 Jahre alt, wurde als eingeschränkt verhandlungsfähig eingestuft. Seine Tochter schiebt ihn herein. Bruno D. hält sich einen roten Hefter vor das Gesicht, solange die Kameras im Gerichtssaal sind. Als er ihn senkt, kommt das zerfurchte Gesicht eines sehr alten Mannes zum Vorschein, die Haut fahl. Als Bruno D. noch ein sehr junger Mann war, im Sommer 1944 mit 17 Jahren, war er als Wachmann der SS in das Konzentrationslager in Stutthof gekommen. Unter anderem tat er in einem der Wachtürme Dienst, bewachte Arbeitskommandos, stets bewaffnet. Der Lagerkommandant hatte zu dieser Zeit den Befehl erhalten, die Juden im Lager zu töten. Stutthof wurde zum Vernichtungslager, etwa 65.000 Menschen wurden dort ermordet. Weil Bruno D. damals so jung war, wird vor der Jugendgerichtskammer verhandelt.

          Wie wurden die Menschen ermordet?

          Der Staatsanwalt zählt zu Beginn drei Arten auf, wie die Menschen ermordet wurden, bei denen Bruno D. Beihilfe zum Mord vorgeworfen wird. 30 starben durch Genickschuss. Als sie glaubten, man würde ihre Größe mit einer Leiste an der Wand messen, erschoss sie ein SS-Mann, versteckt im Nebenraum, durch ein Loch in der Leiste. Etwa 200 Menschen starben durch Giftgas, erst in der Gaskammer und später in einem Zugwaggon, den sie in dem Glauben betraten, an einen anderen Ort transportiert zu werden. Die meisten Menschen aber wurden ermordet, sagt der Staatsanwalt, durch die Aufrechterhaltung lebensfeindlicher Bedingungen. Durch Nötigung zur Schwerstarbeit, die Verweigerung von Nahrung, Wasser und medizinischer Hilfe und durch katastrophale hygienische Umstände. Bruno D., sagt der Staatsanwalt, habe „teilweise bis ins Detail“ Kenntnis gehabt von den Vorgängen im Lager. Direkte Beteiligung an einem Mord wird ihm nicht vorgeworfen.

          Der Prozess gegen ihn dürfte eines der letzten NS-Verfahren in Deutschland sein. Die mutmaßlichen Täter werden immer älter oder sind schon gestorben. Erst in den vergangenen Jahren war das Personal in Konzentrationslagern mehr in den Fokus der Justiz gerückt. Die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen gibt an, dass noch 23 Verfahren zu Personal in Konzentrationslagern bei Staatsanwaltschaften offen seien. Der Anwalt von Bruno D. liest im Hamburger Gerichtssaal eine Erklärung vor. Sein Mandant stehe zu den Aussagen, die er bei den Ermittlungen gemacht habe, und werde im Verlauf des Prozesses Fragen beantworten. Vor dem Prozess hatte Bruno D. seine Tätigkeit als Wachmann bestätigt. Als schuldig sieht er sich aber offensichtlich nicht an. Weil er für den Einsatz an der Front nicht als verwendungsfähig eingestuft worden war, habe er den Marschbefehl nach Stutthof erhalten. „Er war zu dieser Zeit nicht freiwillig in die SS eingetreten, er hat sich den Dienst im Konzentrationslager nicht ausgesucht“, sagt sein Anwalt. Er fragt: „Wo ist die Grenze der Verantwortung?“

          Was kann ein Siebzehnjähriger tun?

          Nach dem ersten Verhandlungstag sagt Cornelius Nestler, es sei schon mal wichtig, dass der Angeklagte vernehmungsfähig sei, reagiere und zuhöre. Nestler vertritt die Überlebende Judy Meisel als Nebenklägerin in dem Verfahren. Er sagt, Bruno D. habe gewusst, wofür seine Wachdienste gebraucht worden seien. Solche Lager hätte es ohne Wachmänner nicht gegeben. Nun geht es auch um die Frage, was ein Siebzehnjähriger hätte tun können in so einer Situation. Und dann spricht Nestler noch kurz mit Meisels Enkel Ben Cohen. Der hatte angekündigt, dass er gleich seine Großmutter anrufen wolle, um ihr von dem ersten Verhandlungstag zu erzählen.

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