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Theodor-Heuss-Preis : Proteste bei Auszeichnung Cohn-Bendits

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Bei der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises: Grünen-Politiker Cohn-Bendit Bild: dpa

Der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit hat am Samstag den Theodor-Heuss-Preis erhalten - begleitet von heftiger Kritik an seinen früheren Äußerungen über Intimitäten mit Kindern.

          Der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit hat am Samstag den Theodor-Heuss-Preis erhalten - begleitet von heftiger Kritik an seinen früheren Äußerungen über Intimitäten mit Kindern. In seiner Dankesrede im Stuttgarter Neuen Schloss distanzierte der langjährige Europa-Abgeordnete sich von seinen Aussagen in den 70er und 80er Jahren und sagte, er habe sich nie an Kindern vergriffen. „Kritisiert mich für das, was ich geschrieben habe, bis zu meinem Tod - aber jagt mich nicht für etwas, was ich nicht getan habe.“

          Seine damaligen Äußerungen - etwa über erotische Spiele mit Kindern - seien eine „unerträgliche Provokation“ und hätten „so nicht geschrieben werden dürfen“. Cohn-Bendit ordnete sie ein in den historischen Kontext der 68er Bewegung, die von Tabu-Brüchen geprägt gewesen sei. Ausgelöst hatte die Debatte der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, der seine Festrede für Cohn-Bendit abgesagt hatte. Er wolle den Eindruck vermeiden, das Gericht billige Aussagen wie die von Cohn-Bendit.

          Kinkel: Cohn-Bendits Glaubwürdigkeit ist erschüttert

          Der frühere Außenminister und FDP-Vorsitzende Klaus Kinkel hat die Ehrung Cohn-Bendit mit dem Theodor-Heuss-Preis kritisiert. „Ich bezweifle, ob es eine kluge Idee war, Herrn Cohn-Bendit mit dem Theodor-Heuss-Preis zu ehren“, sagte Kinkel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.). Er zeigte sich erstaunt über die Aussage einer Mutter, die gegenüber der F.A.S. Äußerungen in einem Brief von 2001 korrigierte, der Cohn-Bendit vom Vorwurf des Kindesmissbrauchs entlasten sollte. „Die neuen Äußerungen der Briefschreiberin haben wohl nicht nur mich erstaunt. Sie erschüttern die Glaubwürdigkeit Cohn–Bendits“, sagte Kinkel. Kinkel hatte Cohn-Bendit seinerzeit wegen Schilderungen in seinem Buch „Der große Basar“ zur Rede gestellt und damit den Brief der Mutter provoziert.

          Die Mutter gab gegenüber der F.A.S. zu, dass ihr Sohn zu der fraglichen Zeit nicht von Cohn-Bendit betreut worden sei. „Mein Sohn war damals nicht in der Universitäts-Kita, um die es in dem Buch ging, sondern in der Krabbelstube im Haus der Freien Schule“, sagte Thea Vogel der F.A.S. Sie gestand außerdem ein, dass sie mit Cohn-Bendits Darstellung seiner erotischen Erlebnisse als Kinderbetreuer überhaupt nicht vertraut gewesen sei:  „So genau hatte ich den Großen Basar nicht gelesen.“ Sie habe Cohn-Bendit seinerzeit aus politischen Gründen entlastet, sagte Frau Vogel weiter: „Ich war empört darüber, dass aus einem Buch, das er 1975 geschrieben hatte, 2001, also 26 Jahre nach seinem Erscheinen, eine Kampagne gegen Dany gemacht wurde, um ihn politisch zu diskreditieren.“

          Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, hat seine Festrede für
Cohn-Bendit abgesagt.

          Angelehnt an das Jahres-Motto der Stiftung „Neue Wege in der Demokratie“ sagte der Vorsitzende Ludwig Theodor Heuss - ein Enkel des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss (FDP) - bei der Preisvergabe, wer neue Wege suche, gehe gelegentlich auch in die Irre. Dies gelte für die beanstandeten, auch aus seiner Sicht abstoßenden Textpassagen in Cohn-Bendits Schrift von 1975. Doch sei kein Straftatbestand erfüllt gewesen, und Eltern hätten Cohn-Bendit in Schutz genommen. Für eine „Hetzjagd“ bestehe kein Grund.

          Mitglieder der Jungen Union demonstrieren auf dem Schlossplatz in Stuttgart

          Der Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft, Roger de Weck, lobte Cohn-Bendit für seine Verdienste um den Ausbau einer ökologisch-sozialen Marktwirtschaft. Überdies sei der Sohn eines Deutschen und einer französischen Mutter Brückenbauer zwischen den Nationen, sagte der Publizist, der anstelle von Voßkuhle die Laudatio hielt. Cohn-Bendit sei seit 1994 bis heute abwechselnd für die deutschen und die französischen Grünen ins Europaparlament gewählt worden. „Das ist einzigartig. Davor kann man sich verneigen.“

          Demonstranten: „Schämt Euch“

          In seinem Grußwort warb Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) für Verzeihen, auch wenn die Äußerungen seines Parteifreundes „höchst prekär“ und „unakzeptabel“ seien: „Vergebung ist in der Demokratie elementar, es macht gerade ihre Stärke aus.“ Sie biete die Chance, wieder neu anfangen zu können. Die Demokratie habe auch ihm persönlich nach „linksradikalen Verirrungen meiner Studentenzeit“ die Chance auf einen Neuanfang gewährt, sagte der Regierungschef.

          Vertreter eines Opfer-Verbandes und die Junge Union (JU) kritisierten vor der Veranstaltung die Ehrung des 68-jährigen Cohn-Bendit. Mit „Schämt Euch“-Rufen empfingen etwa 70 Demonstranten die Gäste der Veranstaltung, die von CDU und FDP boykottiert wurde. Beide Landtagsparteien hatten die unabhängige Stiftung aufgefordert, in diesem Jahr die Ehrung abzusagen, und an Kretschmann appelliert, auf das Grußwort zu verzichten. CDU-Fraktionschef Peter Hauk nahm ebenfalls an der Protestaktion teil. Die Veranstaltung leiste der Verharmlosung von Missbrauch Vorschub und verletzte die Opfer.

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