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Protestantismus : Kirchenhistoriker wirft Käßmann Geschichtsverleugnung vor

  • Aktualisiert am

Margot Käßmann, Lutherbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland Bild: dpa

„Die evangelische Kirche scheint ihre eigene Geschichte zu verleugnen“, schreibt der Historiker Johannes Wallmann in der F.A.Z. Die EKD sei „drauf und dran, dem erinnerungspolitischen Programm der Nationalsozialisten zu einem späten Sieg zu verhelfen“.

          Der Kirchenhistoriker Johannes Wallmann hat der Evangelischen Kirche in Deutschland vorgeworfen, in der Auseinandersetzung über die Judenfeindlichkeit Martin Luthers und des Protestantismus ihre eigene Geschichte zu verleugnen. Wallmann kritisierte in der F.A.Z. insbesondere die von der EKD-Lutherbotschafterin Margot Käßmann vertretene Auffassung, die evangelische Kirche habe erst nach 1945 ihren Antijudaismus überwunden. „Die Ansicht, dass die evangelische Kirche bis 1945 unter dem Einfluss der antijudaistischen Spätschriften Luthers stand, ist weit verbreitet. Doch sie ist fragwürdig“, schreibt der emeritierte Bochumer Professor in einem Gastbreitrag für die F.A.Z.

          Wallmann legt dar, dass nationalsozialistische Historiker der evangelischen Kirche um 1933 zum Vorwurf machten, sie habe Luthers antijüdische Schriften unterschlagen. Auch Dietrich Bonhoeffer habe diese nicht gekannt. „Damit stand er in der Tradition einer in der evangelischen Kirche seit Jahrhunderten vollzogenen Abwendung von den antijüdischen Spätschriften Luthers“, schreibt Wallmann in der F.A.Z.

          Herbeigeführt habe diesen Wandel die nach dem Dreißigjährigen Krieg entstandene Erneuerungsbewegung des Pietismus. „Seitdem setzte sich in der evangelischen Christenheit die Überzeugung durch, dass für die Haltung zu den Juden Luthers judenfreundliche Schrift von 1523 maßgebend sei und seine Spätschriften ignoriert werden müssten.“ Die pietistische Theologische Fakultät in Halle, die größte in Deutschland, habe im 18. Jahrhundert in zahlreichen Gutachten für die Tolerierung und das Gottesdienstrecht der Juden votiert und sei von jüdischen Gemeinden als Fürsprecherin angerufen worden. „Im 19. Jahrhundert feiern Juden Luther als Bahnbrecher der Toleranz“, schreibt Wallmann. Er kritisiert: „Die evangelische Kirche scheint ihre eigene Geschichte zu verleugnen, und die EKD ist drauf und dran, dem erinnerungspolitischen Programm der Nationalsozialisten zu einem späten Sieg zu verhelfen.“

          Den Gastbeitrag lesen Sie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Donnerstag, dem 31. Oktober.

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