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Prostitution im Saarland : Nachts wird es noch grausamer

  • -Aktualisiert am

Nachts sind die Freier betrunken oder stehen unter Drogeneinfluss. Bild: dpa

Das Saarland bereitet sich auf den Ansturm von Freiern aus Frankreich vor. Es herrscht Kondomzwang. Der Straßenstrich wird eingeschränkt.

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          Gabriela steht an einer Kreuzung im Wald. Rechts führt ein schmaler Weg ins Dunkel, links ziehen die Scheinwerfer der Autos vorbei und lassen Gabrielas weißen Kunstfellmantel aufleuchten. Die Kreuzung ist ihr Platz. Sie steht dort jeden Tag bis zum frühen Abend und wartet auf Kunden. An guten Tagen sind es drei oder vier, an schlechten Tagen hält niemand. Heute ist ein schlechter Tag. Die Kapuze schützt Gabrielas Gesicht nicht vor dem Regen, die Tropfen fallen von ihrer Nase und rinnen in den tiefen Ausschnitt. Gabriela schnieft und vergräbt die Hände in den Taschen.

          30 bis 40 Euro ist der aktuelle Preis für Sex, vor einem Jahr war es noch mehr, bis zu 70 Euro. Die Freier erzählen Gabriela, dass die anderen Frauen die Straße runter Richtung Stadt nur 20 Euro nähmen. Dass sie es auch ohne Kondom machten. „Es ist mein Körper, mehr habe ich nicht, und ich brauche das Geld“, sagt Gabriela. Also: nur mit Kondom und mindestens 30 Euro. Den Großteil des Geldes schickt sie nach Rumänien zu ihren zwei Kindern. Die glauben, dass ihre Mutter in einer Bar jobbt. Täglich telefoniert Gabriela mit ihnen, täglich lügt sie.

          „Ich hasse, was ich tue“

          Sie hat keine Ausbildung, und in Rumänien verdiente sie höchstens 200 Euro im Monat, das reichte nicht, um ihre Familie durchzubringen. Sie verließ das Land. 14 Jahre arbeitete sie in Spanien in verschiedenen Aushilfsjobs, die kleinen Kinder ließ sie bei den Großeltern. Aber als die Krise in Spanien losging, fand sie nichts mehr. Eine Freundin überredete sie, nach Saarbrücken zu kommen und ihren Körper für Geld an fremde Männer zu verkaufen. Die Nachfrage ist groß: bei den deutschen Männern sowieso, aber es kommen auch viele aus Frankreich. Da ist das Prostitutionsgesetz strenger, die Anbahnung auf Straßen und öffentlichen Plätzen ist sowohl für Freier als auch für Prostituierte strafbar. Deutschland ist für die Freier so was wie das Schlaraffenland.

          Gabriela sagt: „Ich hasse, was ich tue. Und ich hoffe, dass ich eines Tages vergessen kann, was ich erlebt habe.“ Dann lacht sie über ihre eigene Hoffnung.

          Von April an darf Gabriela nur noch nachts von 22 bis sechs Uhr arbeiten. Das verlangt die neue Sperrbezirksverordnung für Saarbrücken. „Dann wird alles schlimmer“, sagt Gabriela, „schon jetzt ist da ist nur der Wald, wenn ich um Hilfe rufen müsste. Und nachts ist noch weniger los.“

          Prostitution: ein Problem für Saarbrücken

          Die Sperrbezirksverordnung ist eine von mehreren Maßnahmen „zur Eindämmung der Prostitution“, die das saarländische Kabinett kürzlich beschlossen hat. In der Landeshauptstadt wird die Straßenprostitution nur noch nachts erlaubt sein und nur noch auf bestimmten Straßenabschnitten. Die SPD-Oberbürgermeisterin Charlotte Britz unterstützt die neue Regelung. In ihren Augen ist die Straßenprostitution „brutal und entwürdigend“. Deswegen hat sie auch vergangenes Jahr den Appell von Alice Schwarzer gegen Prostitution unterschrieben - so wie die Ministerpräsidentin des Saarlandes, Annegret Kramp-Karrenbauer von der CDU.

          Die Prostitution in Saarbrücken ist für die Oberbürgermeisterin ein Problem. „Wir wollen das nicht“, sagte sie. Von der Bauaufsicht sind in letzter Zeit sechs Bordelle geschlossen worden - für Britz ein Erfolg. Den Neubau eines 6000 Quadratmeter großen Bordells konnte Britz allerdings nicht verhindern. In Zukunft sollen die Bebauungspläne so gestaltet werden, dass keine neuen Rotlichtbetriebe aufgemacht werden können. Außerdem soll das Polizeigesetz verschärft werden: Beamte sollen Prostituierte und Freier besser kontrollieren können, zum Schutz der Frauen und zur Abschreckung von Männern.

          Neu-Regelung kriminalisiert die Frauen potentiell

          Alexander Kuhn von der Aids-Hilfe Saar fürchtet, dass die neuen Regeln den Frauen schaden könnten. Gerade das Deutschmühlental, wo Gabriela arbeitet, hat keine ausreichende Straßenbeleuchtung und nicht genug Fußwege. Am Beginn der Straße sind auf einer Seite dunkle Parkplätze, dann geht es lange durch den Wald. Für die Frauen sei da kein Schutz, deshalb gebe es bisher auch keinen Nachtstrich dort, sagt Kuhn. Mit der neuen Regelung würden die Frauen viel höheren Risiken ausgesetzt. Wenn jetzt die neue Sperrbezirksverordnung greift, wird es auch mehr Kontrollen geben. Kuhn sagt, dann würden die Frauen noch mehr als schon jetzt kriminalisiert. Viele könnten sich in ihrer Not entschließen, in Privatwohnungen zu arbeiten. Dort sind sie für Hilfsorganisationen nicht erreichbar.

          Die Aids-Hilfe empfiehlt stattdessen, „Anbahnungs- und Verrichtungszonen“ einzurichten, wie es sie in Köln schon gibt. Mit geschützten Parkplätzen, auf denen es Alarmknöpfe gibt und von denen Fluchtwege wegführen. Außerdem könnten die Prostituierten dort beraten werden und Toiletten und Duschen nutzen.

          Deutliche Zunahme der Straßenprostitution

          Kuhn findet die derzeitige Situation gar nicht so dramatisch. Es sei zum Beispiel falsch, dass 200 Straßenprostituierte in Saarbrücken arbeiteten, wie manche Medien berichtet hatten. Zusammengenommen seien während eines Tages und einer Nacht nicht mehr als 25 Prostituierte auf der Straße. Im Verlauf eines Jahres seien es vielleicht 100 bis 200 verschiedene Frauen, die in der Straßenprostitution arbeiteten, aber nicht zur gleichen Zeit. Insgesamt gebe es in Saarbrücken nicht viel mehr Prostituierte als vor zehn Jahren.

          Der Sprecher der Stadt Saarbrücken widerspricht dieser Einschätzung. Gerade für die vergangenen zwei Jahre sei im Zuge der EU-Ost-Erweiterung eine deutliche Zunahme der Straßenprostitution festzustellen. Auch gebe es aktuell wesentlich mehr Beschwerden von Bürgern aus anliegenden Wohngebieten als noch vor zwei Jahren. Die Stadt befürchtet zudem, dass demnächst noch mehr Freier aus Frankreich nach Saarbrücken kommen. Die französische Nationalversammlung hat erst vor kurzem das Prostitutionsgesetz verschärft. Wenn jetzt noch der Senat zustimmt, drohen Freiern drastische Strafen.

          Kondompflicht hat auch eine dunkle Seite

          Das „Maßnahmenpaket zur Eindämmung der Prostitution“ der saarländischen Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer sieht auch eine Kondompflicht vor. Wie überwacht werden soll, ob sie eingehalten wird, ist allerdings unklar. In Bordellen sollen Kondomautomaten stehen, und die Männer müssen auf den Kondomzwang hingewiesen werden. Verstöße gegen die Regelung durch Freier und Prostituierte können bis zu 5000 Euro Strafe kosten. Allerdings sollten nicht Scheinfreier eingesetzt werden, die inkognito kontrollieren, ob Kondome benutzt werden, verspricht die Ministerpräsidentin.

          Die Aids-Hilfe traut dem Versprechen nicht. In Bayern gibt es seit 13 Jahren eine Kondompflicht, und Prostituierte berichten, dass verdeckte Ermittler unterwegs seien, die nach ungeschütztem Sex fragen. Wenn sich eine Frau bereit erklärt, wird sie angezeigt. „Das bayerische Beispiel zeigt, dass am Ende meist die Frauen am Pranger stehen“, sagt Manuel Izdebski aus dem Vorstand der Deutschen Aids-Hilfe.

          Auf Freier warten, um das Kind durchzufüttern

          In der Saarbrücker Innenstadt verlässt ein Freier ein mit Herzen verziertes Bordell. Bei dem Wort Kondomzwang muss er lachen. Ja, davon habe er schon gehört, sagt er. Und klar, er selbst achte auf seine Gesundheit. Aber die anderen? „Wie will die Polizei das kontrollieren? Wollen die jetzt beim Sex daneben stehen?“, fragt er und lacht nochmals, diesmal über den eigenen Witz. Dann zieht er die Schultern im verknitterten Anzug hoch und sagt: „Die werden hier nichts ändern können.“

          Im Deutschmühlental stehen Tereza und Dani im Schutz einer Bushaltestelle und warten auf Freier. Es ist Abend, kurz vor neun, gleich wollen sie zurück ins Hotel. Da schlafen sie für 20 Euro die Nacht. Auch sie sind aus Rumänien und müssen Geld verdienen, um ihre Kinder durchzubringen. Tereza ist 27, ihre Tochter zehn. Vom Vater des Kindes lebt sie geschieden, er sei ein guter Mann gewesen, sagt sie, habe Karriere bei der Polizei gemacht. Seit er mit seiner neuen Frau auch ein Kind hat, kümmert er sich nicht mehr. Im Monat zahlt er Tereza 20 Euro Unterhalt. Aber Tereza muss die Schule für die Tochter zahlen, und die Großeltern, die das Kind betreuen, sind krank. Medizinische Hilfe ist teuer.

          Nachtarbeit macht den Prostituierten Angst

          Tereza und Dani regen sich über andere Frauen vom Straßenstrich auf, die immer kürzere Röcke tragen, die sie hochziehen und ihre nackte Scham zeigen, wenn Autos vorbeifahren. Dani sagt, diese Frauen hätten keine Ehre.

          Dass sie bald nachts arbeiten müssen, macht ihnen Angst. Die Freier seien dann oft betrunken oder auf Drogen. Sie hätten schon genug erlebt, sagen sie, seien geschlagen und ausgeraubt worden. Tereza und Dani haben keine Ahnung, wie es ab April weitergehen soll. Zurück nach Rumänien wollen sie nicht. Andere Arbeit in Deutschland finden sie nicht. Sie sprechen nur wenige Brocken Deutsch, es reicht gerade, um über Preis und Sexpraktik mit den Freiern zu verhandeln. „Nachts ist es einfach zu grausam“, sagt Tereza.

          Ein Mercedes hält an der Bushaltestelle. Ein Mädchen, Anfang zwanzig, steigt aus. Ihre Haare sind blond gefärbt, die Schminke im Kindergesicht ist verschmiert, sie hat Tränen in den Augen. Die anderen beiden reden auf Rumänisch auf sie ein. Sie schüttelt abwehrend den Kopf und kramt mit zitternden Händen in ihrer Handtasche nach Zigaretten. „Es ist der Ekel“, sagt Tereza. „Wir ekeln uns vor dem, was wir tun, aber wir haben keine Wahl.“

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