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Prostitution : Deadwood

Prostitution ist Missbrauch. „Freiwilligkeit“ ist kein Argument. Es darf ja auch niemand seine Organe verkaufen.

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          Deadwood hieß eine amerikanische Fernsehserie über eine Goldgräberstadt im Wilden Westen, auf Indianergebiet, rechtsfrei. Die Serie erhielt Preise, war aber auch umstritten - wegen ihres Frauenbildes. Die meisten Frauen in „Deadwood“ sind Huren. Fast alles, was ihnen geschieht, ist rücksichtslos, grob und brutal. Man hört und sieht in dieser Serie fast nur Frauen, die gehorchen müssen, gedemütigt, benutzt, geschlagen und getötet werden. Entsprechend wird auch über sie, ihre Körper und über Sexualität gesprochen. Sie werden entwertet - und diese Entwertung ist die Voraussetzung für ihre Unterdrückung. Entwertung der Opfer ist immer die Legitimation der Gewalt, des Missbrauchs von Macht in asymmetrischen Verhältnissen. Wer jemanden misshandelt, muss ihn runtermachen.

          Aber Deadwood ist nicht nur eine TV-Serie, die Stadt gab es wirklich. Und ungefähr so, wie es auf dem Bildschirm gezeigt wird, ist es dort in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zugegangen. Weil es immer so zugeht an Orten, in denen das Recht des Stärkeren herrscht, und besonders schlimm, wenn Gold im Spiel ist. Dann ist mehr Druck auf dem Kessel. Die Stärkeren sind stärker und die Schwächeren sind schwächer. Heute ist die Siedlung ein Touristenort. Und die TV-Serie ist in Vergessenheit geraten.

          Warum aber damals die Aufregung? Es wurde ja nicht nur die Entrechtung von Frauen in Szene gesetzt, sondern auch die von Chinesen, Schwarzen, von Behinderten, von Grubenarbeitern. Niemand in Deadwood ist vor Gewalt sicher, die Ermordeten, denen man kein Begräbnis gönnt, werden den Schweinen zum Fraß vorgeworfen, die Verbrechen bleiben ungesühnt. Auch darüber hätte man sich aufregen können. Tat aber keiner. Vielleicht, weil es vorbei ist. Die Unterdrückten sind frei. Die Menschenrechte sind garantiert. Es gibt diese Greuel nicht mehr.

          Bis auf die Prostitution.

          Der „Spiegel“ hat in diesem Jahr aufgezeigt, dass Deutschland zu einem Dorado von Zuhältern und Menschenhändlern geworden ist, die Frauen wie „Frischfleisch“ handeln. Die rot-grüne Koalition hatte 2002 die Strafbarkeit der „Förderung der Prostitution“ abgeschafft, gewiss in bester Absicht, nämlich um die Prostituierten aus ihrer Entwertung zu befreien, indem man ihre Ausbeutung oder Selbstausbeutung zu Arbeit erklärte, einer gewöhnlichen Dienstleistung. Das hat sich in dramatischer Weise als falsch herausgestellt. Die geschäftsmäßige sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen hat sprunghaft zugenommen, auch der Menschenhandel. Deadwood liegt mitten in Deutschland.

          Schwarzer hat recht

          Nun hat Alice Schwarzer einen Appell gegen Prostitution gestartet. Sie fordert die Abschaffung dieser modernen Form der Sklaverei. Schwarzer hat das Herz eines Boxers, sie tut alles mit Wucht. Wenn sie unrecht hat, dann mit Wucht. Hier hat sie recht mit Wucht. Prostitution ist ein anachronistischer Überrest der Unterdrückung von Frauen. Sie ist Missbrauch, dem man nicht zu Leibe rücken kann, indem man ihn umtextet, rhetorisch normalisiert.

          In einer Gesellschaft, die gerecht sein will, darf man sich nicht alles nehmen, man darf nicht alles tun, und man darf nicht mit allem handeln. Auch „Freiwilligkeit“ spielt dabei keine Rolle: Niemand darf seine Organe verkaufen. Der sogenannte „Zwergenweitwurf“ ist nicht zulässig; das Argument, man nähme Kleinwüchsigen damit die Erwerbsquelle, ist falsch. Das Aufgeben der Menschenwürde ist logisch keine Option von Autonomie. Unter Menschen, die einander respektieren, kann Sexualität keine Handelsware sein. In einer Gesellschaft, die sich selbst respektiert, auch nicht.

          Die Argumente, die zugunsten der Prostitution ins Feld geführt werden, sind zynisch: Es war schon immer so, wenn wir es nicht tun, machen’s die Nachbarn, das Ganze ist ein unentbehrliches Ventil, Männer sind halt so, wie sollen Behinderte sonst an Sex kommen. Jeder Missstand, den man mit solchen Augen betrachtet, bleibt. Klar gibt es auch Prostitution von Männern (genauso unerträglich), klar mag es Prostituierte geben, auf die persönlich kein Zwang ausgeübt wird. Vom Kern lenkt das nur ab: dass hier Gewalt gegen Frauen geduldet wird. Wer das bestreitet, soll bitte mal erklären, warum all die „Hells Angels“, Messerstecher und Schlägertypen eigentlich in den Rotlichtvierteln herumstehen. Um die Selbstbestimmung von Frauen voranzutreiben?

          Eine Gesellschaft, die Prostitution hinnimmt, mutet allen - allen! - Frauen und Mädchen zu, das käufliche Geschlecht zu sein. Sie toleriert gleichgültig das Fortbestehen einer furchteinflößenden Perspektive des Frauenlebens. Allein das schon ist Gewalt. Niemand, der eine Frau liebt, sei es die Freundin, Gattin, Mutter oder Tochter, kann gleichmütig ertragen, dass Deadwood um die Ecke liegt. Aber ist es wirklich so schwer, sich eine Welt vorzustellen, in der es keine Prostitution gibt? Wir haben doch schon ganz anderes hingekriegt.

          Volker Zastrow

          Correspondent at large.

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