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Privatkredit : Ein Häuschen mit Garten

Solist im Kirchenchor: Christian Wulff gärtnert Bild: Localpic / Rainer Droese

Christian Wulff hat sich von der Frau eines Freundes eine halbe Million Euro geliehen. Wirklich von ihr? Und: Was genau ist eine Geschäftsbeziehung?

          7 Min.

          Es ist der Abend des vorigen Mittwochs, das Wetter in Berlin ist hässlich. Im „ewerk“, einem ehemaligen Kraftwerk gegenüber vom Bundesfinanzministerium, unterzieht Bundespräsident Christian Wulff sich einem Reaktionstest. Er muss seine Hand einige Zentimeter weit öffnen. Neben ihm steht ein Wissenschaftler, der einen Holzklotz in der Größe einer Zigarettenschachtel dicht über die geöffnete Hand des Präsidenten hält. Wulffs Aufgabe besteht darin, schnell zu reagieren. Wird der Klotz losgelassen, so soll er die Hand schließen und ihn auffangen. Der Klotz fällt, Wulff schließt die Hand, doch das Holzstück ist schon weiter und kracht vor laufenden Kameras und einigen hundert Zuschauern auf die Bühne, dem Präsidenten vor die Füße. Wulff hat zu spät reagiert. Es geht um die Zukunft, genauer gesagt um den „Deutschen Zukunftspreis“ des Bundespräsidenten, mit dem besonders erfolgreiche Forscher an diesem Abend ausgezeichnet werden.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Den meisten wäre es so ergangen wie Wulff an diesem Mittwoch, weil das menschliche Reaktionsvermögen nicht ausreicht, um das Holzstück rechtzeitig zu fassen. Aber bei einem Bundespräsidenten sehen solche Klötzchenversuche reichlich albern aus, sie haben fast etwas Erniedrigendes. Zumal die Frage, wie schnell Wulff reagiert, in diesen Tagen eine ungeheure Bedeutung für den Präsidenten hat. Nicht wegen des Holzklötzchens, sondern wegen einer halben Million, die Wulff als niedersächsischer Ministerpräsident für den Kauf eines Hauses bekommen hat von . . . ja, von wem eigentlich?

          Eine späte Reaktion

          Wulffs Version heißt, das Geld stamme von der Frau des - beruflich nicht mehr aktiven - Unternehmers Egon Geerkens namens Edith Geerkens. Von ihr habe er „im Zusammenhang mit dem Kauf“ eines Hauses in Burgwedel im Oktober 2008 einen „Privatkredit“ erhalten. Das ließ der Bundespräsident seinen Sprecher, Olaf Glaeseker, am Donnerstag auf dem offiziellen Papier des Bundespräsidialamtes mitteilen. Es war eine späte Reaktion auf einen entsprechenden Bericht der „Bild“-Zeitung vom Dienstag. Die Summe, die Wulff bekam, betrug 500.000 Euro, obwohl das Haus nur 415.000 Euro kostete.

          Der Streit, der seither entbrannt ist, dreht sich darum, von wem Wulff das Geld bekam: von Edith Geerkens oder von ihrem Mann Egon. Das ist wichtig für Wulff, weil er als Ministerpräsident am 18. Februar 2010 vor dem niedersächsischen Landtag gesagt hatte, er habe „in den letzten zehn Jahren keine geschäftlichen Beziehungen“ mit Egon Geerkens gehabt.

          Das Motiv für die Wulffs, das Geld von Frau Geerkens zu nehmen, wird bei genauem Hinsehen weniger klar. Denn offensichtlich hat Frau Geerkens am Markt übliche Zinsen genommen

          Der sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.), seine Frau sei auf die Idee gekommen, den Wulffs das Geld zu leihen, Wulffs Anwälte bestätigten am Freitag, dass das Geld von einem Konto Edith Geerkens’ stamme. Nämliches tat inzwischen der Anwalt von Geerkens. Als damals die Idee mit dem Kredit geboren worden war, sprach aber Egon Geerkens, so stellt der es im Gespräch mit der F.A.S. dar, mit Wulff über die Modalitäten des Vorgangs. Immer drängender stellt sich die Frage: Was eigentlich ist eine Geschäftsbeziehung?

          Das Verhältnis zwischen Unternehmer und Politiker

          Woher seine Frau das Geld hat, will Geerkens nicht sagen. Das sei Privatangelegenheit. Das Geld habe seine Frau gerade frei gehabt. Es sei besser gewesen, es für vier Prozent Zinsen den Wulffs zu leihen, statt drei Prozent fürs Tagesgeld zu bekommen. Man vereinbarte eine Laufzeit von fünf Jahren, Wulff konnte aber früher kündigen, sobald sich etwas Besseres ergeben würde. Geerkens nennt als Motiv für die Kreditvereinbarung „Freundschaft“.

          Das Motiv für die Wulffs, das Geld von Frau Geerkens zu nehmen, wird bei genauem Hinsehen weniger klar. Denn offensichtlich hat Frau Geerkens am Markt übliche Zinsen genommen. Ende Oktober 2008 lagen diese für ein Hypothekendarlehen mit einer Laufzeit von fünf Jahren bei gut vier Prozent und sanken bis Ende 2009 sogar auf 3 Prozent. Im Durchschnitt lag der Zins in der in Rede stehenden Zeitspanne bei 3,5 Prozent. Das geht aus einer Aufstellung des Hypothekenzinsportals Interhyp und des Bankenverbandes hervor. Da hätten die Wulffs ein schlechtes Geschäft gemacht. Jedenfalls legten beide Seiten von Anfang an Wert darauf, die Sache unauffällig zu gestalten. So wurde das Geld nicht von Edith Geerkens’ Konto bei der Stadtsparkasse Osnabrück auf das von Christian Wulff überwiesen, sondern über ein Konto, das die Stadtsparkasse bei der Bundesbank hat, gelenkt und Wulff als Scheck übergeben. Die Methode ist bei Finanztransfers dieser Größenordnung nicht ungewöhnlich. Doch hat sie im vorliegenden Fall vor allem einen entscheidenden Vorteil. Von einem bestimmten Zeitpunkt an konnte der Weg des Geldes nicht mehr nachvollzogen werden, sofern niemand erzählte, wem der Scheck überreicht, wer also begünstigt wurde.

          „Woher haben Sie Ihr Geld?“

          „Wir sind beide sehr bekannt in Osnabrück. Und ich wollte nicht, dass irgendein Bank-Azubi sieht, dass so viel Geld von mir an Wulff fließt“, wird Geerkens im „Spiegel“ zitiert. Entsprechend wird auch im Präsidialamt argumentiert. Bleibt die Frage: Warum denn nicht, wenn die Sache - wie Geerkens dieser Zeitung sagte - „das Normalste von der Welt“ ist? Und wieso sagt Geerkens: „Von mir“? Seit Freitag jedenfalls schweigt Geerkens gegenüber den Medien, lässt nur noch seinen Anwalt sprechen. Das mag die Konsequenz daraus sein, dass seine bis dahin zahlreichen Äußerungen widersprüchlich wirkten. Mal erweckte er den Eindruck, er habe wesentlichen Anteil am Zustandekommen des Kredits für Wulff gehabt, doch stellt er auch klar, das ganze Geschäft sei über seine Frau gelaufen. Wulff schweigt sowieso. Nachdem er zunächst seinen Sprecher agieren ließ, übernahmen das am Freitag die Anwälte.

          Die Verteidigungsstrategie, die Wulff und Geerkens sich inzwischen zurechtgelegt zu haben scheinen, drängt weg von der Frage, ob das Geld nun von Edith oder Egon Geerkens kam. Sie stützt sich vielmehr darauf, das Verhältnis zwischen dem Unternehmer und dem Politiker so darzustellen, als sei Geerkens eine Art Ersatzvater für Wulff. Egon Geerkens sieht sich selbst mit der Bezeichnung „väterlicher Freund“ gut getroffen. Wulffs Beteuerung vor dem Landtag, er habe keine „geschäftlichen Beziehungen“ zu Geerkens gehabt, soll so offenbar weniger angreifbar werden. Von einem Menschen, der in einer Vaterrolle ist, darf sich sogar ein Spitzenpolitiker Geld leihen, scheinen beide Seiten deutlich machen zu wollen.

          Das Unternehmerpaar Egon und Edith Geerkens

          Spätestens hier drängt sich die Frage auf, wer Egon Geerkens eigentlich ist, in welchem Verhältnis er zu Christian Wulff steht. Geerkens kommt aus kleinen Verhältnissen. Sein Vater war Dreher und angestellt in einem Stahlwerk. Egon selbst hat die Volksschule mit 13 Jahren beendet und war dann Lehrling in einem Elektrobetrieb. Bald nach der Lehre wechselte er in einen anderen Betrieb als Kundendienstmonteur: Er stellte bei der Kundschaft Fernseher auf.

          Nach dem Wehrdienst macht er sich selbständig. Er wollte immer schon was Eigenes aufbauen, mit der Einstufung als Selfmademan fühlt er sich gut getroffen. Auf die Geschäftsidee brachte ihn ein Holländer. Der Mann führte Unfallwagen aus Deutschland in die Niederlande ein, machte sie flott und verkaufte sie. Die Einfuhr von Unfallwagen nach Holland kostete weniger Zoll als die von Neuwagen. Geerkens besorgte die Unfallwagen, zunächst auf Provisionsbasis, später als selbständiger Händler. Von seinem niederländischen Geschäftspartner, „einem anständigen Mann“, habe er viel gelernt. Geerkens war da um die 20 Jahre alt. „Mit 20 wusste ich noch nicht einmal, wie man einen Scheck ausstellt“, sagt er heute.

          Die Frage, woher er sein Geld habe, findet Geerkens frech

          Geerkens lernte später einen Engländer kennen, der mit Antiquitäten handelte. Gemeinsam mit diesem begann er, in Großbritannien Antiquitäten zu kaufen und sie in Deutschland zu veräußern. Zunächst waren seine Kunden Privatleute, später Antiquitätenhändler. Er war Großhändler geworden. Schließlich kam zu seiner eigenen Überraschung ein Juwelier zu ihm und diente ihm das Osnabrücker Juweliergeschäft Gudemann an. Geerkens kratzte seine Ersparnisse zusammen und kaufte das Geschäft, verbesserte und vergrößerte es. „Die Verkäuferin musste mich anlernen“, sagt er heute. 33 Jahre hat er das Geschäft gehabt.

          Gleichzeitig begann Geerkens, Häuser zu kaufen, vor allem in der Osnabrücker Innenstadt. „Ich fand es schön, tolle Häuser zu haben“, erzählt er. So wurde er Immobilienverwalter. Die Theaterpassage, eine Geschäftszeile in der Osnabrücker Innenstadt, entwickelte er, indem er seine Häuser miteinander verband. Weitere Immobilien hat er in Berlin am Deutschen Theater und in Marbella, dem Zweitwohnsitz seiner Familie, entwickelt oder gebaut. Die Frage: „Woher haben Sie Ihr Geld?“ findet er frech. „Ich habe 50 Jahre hart gearbeitet. Wer kann denn das schon behaupten.“ Könnte er heute noch einmal anfangen, dann würde er Jurist oder Architekt werden. „Da kann man gestalten.“

          Ein väterlicher Freund?

          2003 kam ein Wendepunkt. Geerkens erkrankte an Krebs. „Ich war fast tot.“ Er beschloss, die geschäftlichen Aktivitäten aufzugeben und trennte sich von seinen Immobilien. Bis 2007 war alles verkauft, außer den selbst genutzten Immobilien in Luzern und Florida und einem Objekt in Osnabrück. Er musste entscheiden, wo er künftig leben wollte. Zur Auswahl standen Spanien (genauer Marbella), wo seine Frau oft war, und die Schweiz. Er entschied sich für die Schweiz, der ärztlichen Versorgung wegen. „Nichts gegen Deutschland, aber die Schweiz hat mir einfach besser gefallen.“ Steuerliche Motive hätten keine Rolle gespielt, sagt er. Trotz seines Vermögens gehörte Geerkens in Osnabrück nie zu jenem bürgerlichen Establishment, das etwa im Rotary- oder Lions-Club Mitglied ist. Vielleicht hat ihm das den Wegzug erleichtert, vielleicht hat ihn das auch mit Wulff verbunden, der sich ebenfalls aus kleinen Verhältnissen nach oben gearbeitet hat. Wulff hat Geerkens dreimal bei offiziellen Auslandsreisen in seiner Delegation mitgenommen, eine Gelegenheit, die er ohne die Beziehung zu Wulff kaum bekommen hätte. In der Beziehung der beiden Männer scheint Geerkens’ Währung das Geld zu sein, Wulffs Währung der Zugang zu höchsten politischen Kreisen.

          Egon Geerkens sagt, er sei mit Wulffs Vater befreundet gewesen, aber doch deutlich weniger eng als später mit Christian. Die Berichte, er sei ein Skatbruder des Vaters gewesen, seien falsch: „Ich kann überhaupt nicht Skat spielen, noch nicht einmal Mau-Mau.“ Doch väterlicher Freund? Gar Vaterersatz? In einer mehr als 250 Seiten starken Wulff-Biographie aus der Feder des Journalisten Armin Fuhrer taucht der Name Geerkens kein einziges Mal auf, obwohl Fuhrer ausführlich darüber schreibt, wie schwierig es für Wulff war, mit der frühen Trennung der Eltern zurechtzukommen und wie sehr er dafür gekämpft hat, den Kontakt zu seinem leiblichen Vater zu halten. „Bei meinen Recherchen ist Herr Geerkens nicht aufgefallen, als Vaterersatz schon gar nicht“, sagt Fuhrer heute. Geerkens lernte die Familie Wulff erst kennen, als Christian schon ein junger Mann war. Unzweifelhaft gibt es eine enge Bindung, immerhin war Geerkens Wulffs Trauzeuge, lud ihn nach Florida ein, stellte ihm seine Wohnung für die Hochzeitsfeier zur Verfügung.

          Bundespräsident Christian Wulff hat am Donnerstag seinen Sprecher unter anderem folgenden Satz verbreiten lassen: „Es wäre besser gewesen, wenn ich auf die Anfrage der niedersächsischen Abgeordneten im Landtag über die konkreten Fragen hinaus auch diesen privaten Vertrag mit Frau Geerkens erwähnt hätte, denn in der Sache hatte und habe ich nichts zu verbergen.“ Damit gibt er keine Schuld zu, sondern sagt nur, wie er damals besser hätte mit den gegen ihn gerichteten Vorwürfen umgehen können. Er bedauert, dass ein falscher Eindruck habe entstehen können. Kurz vor seinem Auftritt im Februar 2010 vor dem Landtag hatte er im NDR Grundsätzliches über den Umgang von Politikern mit Fehlern gesagt, das an die Rhetorik des gestrauchelten Karl-Theodor zu Guttenberg erinnert: „Ich hoffe sehr, dass man gerade durch das Umgehen mit einem Fehler sich Vorbildhaftigkeit erhält. Die braucht die Politik nämlich.“

          Derzeit verlangt die Opposition in Berlin nicht Wulffs Rücktritt. Aber sie erhöht den Druck. „Bedauern reicht nicht“, sagt SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, und sieht das höchste Amt im Staat in Gefahr, wenn Wulff hinsichtlich der Vorwürfe nicht „reinen Tisch“ macht. In der Union herrscht Ungewissheit. Längst gezählt sind die Stimmen, die man in der Bundesversammlung hat: „Vier über den Durst.“ Zwei Monate würde es dauern, bis ein neuer Präsident gewählt wäre, sagt einer: „Ist halt so.“

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