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Privatkredit : Ein Häuschen mit Garten

Das Verhältnis zwischen Unternehmer und Politiker

Woher seine Frau das Geld hat, will Geerkens nicht sagen. Das sei Privatangelegenheit. Das Geld habe seine Frau gerade frei gehabt. Es sei besser gewesen, es für vier Prozent Zinsen den Wulffs zu leihen, statt drei Prozent fürs Tagesgeld zu bekommen. Man vereinbarte eine Laufzeit von fünf Jahren, Wulff konnte aber früher kündigen, sobald sich etwas Besseres ergeben würde. Geerkens nennt als Motiv für die Kreditvereinbarung „Freundschaft“.

Das Motiv für die Wulffs, das Geld von Frau Geerkens zu nehmen, wird bei genauem Hinsehen weniger klar. Denn offensichtlich hat Frau Geerkens am Markt übliche Zinsen genommen. Ende Oktober 2008 lagen diese für ein Hypothekendarlehen mit einer Laufzeit von fünf Jahren bei gut vier Prozent und sanken bis Ende 2009 sogar auf 3 Prozent. Im Durchschnitt lag der Zins in der in Rede stehenden Zeitspanne bei 3,5 Prozent. Das geht aus einer Aufstellung des Hypothekenzinsportals Interhyp und des Bankenverbandes hervor. Da hätten die Wulffs ein schlechtes Geschäft gemacht. Jedenfalls legten beide Seiten von Anfang an Wert darauf, die Sache unauffällig zu gestalten. So wurde das Geld nicht von Edith Geerkens’ Konto bei der Stadtsparkasse Osnabrück auf das von Christian Wulff überwiesen, sondern über ein Konto, das die Stadtsparkasse bei der Bundesbank hat, gelenkt und Wulff als Scheck übergeben. Die Methode ist bei Finanztransfers dieser Größenordnung nicht ungewöhnlich. Doch hat sie im vorliegenden Fall vor allem einen entscheidenden Vorteil. Von einem bestimmten Zeitpunkt an konnte der Weg des Geldes nicht mehr nachvollzogen werden, sofern niemand erzählte, wem der Scheck überreicht, wer also begünstigt wurde.

„Woher haben Sie Ihr Geld?“

„Wir sind beide sehr bekannt in Osnabrück. Und ich wollte nicht, dass irgendein Bank-Azubi sieht, dass so viel Geld von mir an Wulff fließt“, wird Geerkens im „Spiegel“ zitiert. Entsprechend wird auch im Präsidialamt argumentiert. Bleibt die Frage: Warum denn nicht, wenn die Sache - wie Geerkens dieser Zeitung sagte - „das Normalste von der Welt“ ist? Und wieso sagt Geerkens: „Von mir“? Seit Freitag jedenfalls schweigt Geerkens gegenüber den Medien, lässt nur noch seinen Anwalt sprechen. Das mag die Konsequenz daraus sein, dass seine bis dahin zahlreichen Äußerungen widersprüchlich wirkten. Mal erweckte er den Eindruck, er habe wesentlichen Anteil am Zustandekommen des Kredits für Wulff gehabt, doch stellt er auch klar, das ganze Geschäft sei über seine Frau gelaufen. Wulff schweigt sowieso. Nachdem er zunächst seinen Sprecher agieren ließ, übernahmen das am Freitag die Anwälte.

Die Verteidigungsstrategie, die Wulff und Geerkens sich inzwischen zurechtgelegt zu haben scheinen, drängt weg von der Frage, ob das Geld nun von Edith oder Egon Geerkens kam. Sie stützt sich vielmehr darauf, das Verhältnis zwischen dem Unternehmer und dem Politiker so darzustellen, als sei Geerkens eine Art Ersatzvater für Wulff. Egon Geerkens sieht sich selbst mit der Bezeichnung „väterlicher Freund“ gut getroffen. Wulffs Beteuerung vor dem Landtag, er habe keine „geschäftlichen Beziehungen“ zu Geerkens gehabt, soll so offenbar weniger angreifbar werden. Von einem Menschen, der in einer Vaterrolle ist, darf sich sogar ein Spitzenpolitiker Geld leihen, scheinen beide Seiten deutlich machen zu wollen.

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