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Kritik an Kardinal Woelki : „Rücktritt darf kein Tabu sein“

Der Kölner Erzbischof, Rainer Maria Kardinal Woelki, am 2. Februar während eines Gottesdienstes im Kölner Dom Bild: dpa

Von führenden Vertretern der katholischen Kirche in Deutschland kommt scharfe Kritik am Erzbistum Köln. Viele zweifeln am Willen zur vollständigen Aufklärung sexuellen Missbrauchs. Kardinal Woelki hatte schon zuvor Fehler eigestanden.

          5 Min.

          Führende Vertreter der katholischen Kirche in Deutschland haben den Umgang des Kölner Erzbischofs, Rainer Maria Kardinal Woelki, mit der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs deutlich kritisiert. Die Vorgänge im Erzbistum Köln hätten dazu geführt, „dass Viele am Willen kirchlicher Autoritäten zu vorbehaltloser Aufklärung zweifeln“, heißt es in einer Erklärung, die das Präsidium des „Synodalen Wegs“ am Donnerstag veröffentlichte.

          Thomas Jansen
          Redakteur in der Politik.

          Dem Präsidium gehören der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, und dessen Stellvertreter, der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode, an. Die Laien werden darin vertreten durch den Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, und seine Stellvertreterin, Karin Kortmann. Es seien „erhebliche Irritationen“ entstanden und ein „Verlust an Vertrauen“ eingetreten, „der nur schwer wieder behoben werden kann“, heißt es darin weiter, ohne dass der Name „Woelki“ genannt wird.

          In der Erklärung des Präsidiums, die während einer Video-Konferenz von 220 Mitgliedern des „Synodalen Weges“ am Donnerstag verlesen wurde, wird auch der Rücktritt eines Bischofs als mögliche Konsequenz von Fehlverhalten im Umgang mit sexuellem Missbrauch genannt. Alle, die in der Kirche Leitung ausübten, müssten die Konsequenzen tragen und sie gegebenenfalls auch selbst ziehen, „wenn sie im Umgang mit Missbrauch Recht gebrochen, Pflichten verletzt oder gravierende Fehlentscheidungen getroffen haben. „Dabei kann auch ein Rücktritt kein Tabu sein“, schreibt das Präsidium des „Synodalen Wegs“. Es müsse selbstverständlich sein, „dass sich die Verantwortlichen an den rechtlichen, kirchenrechtlichen, moralischen und geistlichen Ansprüchen messen lassen, die mit ihren Ämtern verbunden sind“.

          „Ist das denn wirklich ernst gemeint mit der Kirche und der Aufklärung?“

          Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Bätzing sagte am Donnerstag, er bedauere „die stockende Aufarbeitung“ im Erzbistum Köln sehr. Sie führe dazu, dass Betroffene sich fragten: „Ist das denn wirklich ernst gemeint mit der Kirche und der Aufklärung“. Es sei zwar verständlich, dass der Kölner Erzbischof ein rechtssicheres Gutachten vorlegen wolle. Aber die Krise sei „nicht gut gemanagt“ worden, sagte der Limburger Bischof.

          Kardinal Woelki hatte schon vor der Veröffentlichung der Erklärung des Präsidiums mit einer Stellungnahme reagiert, die an alle Teilnehmer der Video-Konferenz des „Synodalen Wegs“ versandt wurde. „Ihm sei „sehr schmerzlich bewusst“, dass Vertrauen verloren gegangen sei, heißt es darin. „Als einer der ersten, die einen Betroffenenbeirat eingerichtet haben und eine unabhängige Untersuchung mit Namensnennung in Auftrag gegeben haben, haben wir, habe ich Fehler gemacht“, so Woelki.

          Der „Synodale Weg“ ist ein Dialogprozess, in dem die deutschen Bischöfe mit Vertretern katholischer Verbände und Organisationen über Reformen beraten. Schwerpunkte sind die Rolle von Frauen in der Kirche, die Machtverteilung zwischen Priestern und Laien, die Sexualmoral sowie der Zölibat. Ins Leben gerufen wurde er im Dezember 2019 als Reaktion auf eine Missbrauchsstudie, die von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegeben worden war. Sie war zu dem Ergebnis gekommen, dass Missbrauch in der Kirche durch ein Zusammenspiel systemischer Ursachen begünstigt wird. Während der Video-Konferenz am Donnerstag trugen erstmals drei Vertreter des neugeschaffenen Betroffenenbeirats der Deutschen Bischofskonferenz ihre Stellungnahmen vor.

          Woelki: Wir haben Fehler gemacht

          In einem am Donnerstag veröffentlichten Interview der „Kölnischen Rundschau“ ließ Woelki unterdessen weiterhin offen, welche Konsequenzen er nach der Veröffentlichung des neuen Missbrauchsgutachtens am 18. März ziehen werde. Zugleich bekräftigte er, dass er das zuerst von ihm in Auftrag gegebene Gutachten der Münchner Kanzlei Wastl Spilker Westpfahl nicht veröffentlichen werde.

          Er erwarte, „dass jeder der in diesem Erzbistum Verantwortung getragen hat, sich dazu bekennt. Ich werde das auch tun,“ sagte der Kölner Erzbischof weiter. Direkt auf Forderungen nach seinem Rücktritt angesprochen antwortete er: „Wir haben Fehler gemacht, wir haben Vertrauen verspielt, ich verstehe die Ungeduld“. Woelki warb jedoch abermals um Geduld und bekräftigte, dass am 18. März die Verantwortlichen genannt würden. „Was dann weiter geschieht“, entscheide nicht mehr er selbst, „sondern in Abstimmung mit der Landesregierung die Unabhängige Kommission“.

          Woelki bezog sich damit auf eine Kommission zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt, die das Erzbistum einrichten werde. Für das neue Gremium sollen demnach die Kriterien und Standards gelten, welche die Deutsche Bischofskonferenz und der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Missbrauchs, Johann-Wilhelm Rörig, im Juni 2020 vereinbart haben. In welchem Zusammenhang das mit möglichen personellen Konsequenzen in der Kölner Bistumsleitung steht, blieb offen.

          Betroffene kommen an letzter Stelle

          Zu dem Vorwurf, er selbst habe sexuellen Missbrauch vertuscht, sagte Woelki: „Ich habe mein Gewissen geprüft und bin persönlich der Überzeugung, dass ich mich korrekt verhalten habe“. Er werde sich aber seiner Verantwortung stellen und „warte darauf, dass jetzt von unabhängiger Seite in Rom geprüft wird“.

          Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße, dem ebenfalls vorgeworfen wird, in seiner Zeit als Personalchef des Erzbistums Köln Missbrauch vertuscht zu haben, sagte der „Osnabrücker Zeitung“, er habe darüber nachgedacht, sein Amt ruhen zu lassen. Er könne dies jedoch nicht von sich aus tun und die vatikanische Bischofskongregation habe ihm „ganz klar“ signalisiert: „Im Moment gibt es nur Dinge, die in der Zeitung stehen. Es gibt noch kein Studie, deswegen haben wir keine Veranlassung jetzt Maßnahmen zu ergreifen.“ Heße verwies darauf, dass ihn nur der Papst zu einem Amtsverzicht auffordern könne.

          Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße im Februar 2018
          Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße im Februar 2018 : Bild: dpa

          Kardinal Woelki nannte in dem Interview als „Fehler“, die er begangen habe, an erster Stelle, „dass wir immer wieder den Zusagen der Münchener Kanzlei vertraut haben, eine rechtssichere Aufarbeitung vorzulegen“. Ebenfalls als Fehler bezeichnete es der Kölner Erzbischof, dass man von Journalisten für ein Hintergrundgespräch eine Verschwiegenheitserklärung verlangt habe. An dritter und letzter Stelle führte er den Umgang mit Betroffenen an. Die Entscheidung, dass Münchner Gutachten nicht zu veröffentlichen, hätte das Erzbistum allein vertreten müssen, „anstatt dem Angebot von Betroffenenvertretern nachzukommen, mit dafür einzustehen“, sagte Woelki. Außerdem hätte man dem Betroffenenbeirat mehr Zeit geben müssen, um „darüber nachzudenken, ob eine neue Kanzlei beauftragt werden soll“.

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          Woelki, sein Generalvikar Markus Hofmann sowie mehrere juristische Berater hatten einen völlig unvorbereiteten Betroffenenbeirat des Erzbistums Ende Oktober damit konfrontiert, dass das Missbrauchsgutachten der Münchner Kanzlei aus ihrer Sicht nicht veröffentlicht werden könne, weil es „schwerwiegende methodische Mängel“ aufweise und nicht „gerichtsfest“ sei. Unter diesem Eindruck stimmte das Gremium zu, ein neues Gutachten in Auftrag zu geben.

          In einer am folgenden Tag vom Erzbistum formulierten und vom Betroffenenbeirat gebilligten „Gemeinsamen Erklärung“ wurde der Eindruck erweckt, das Erzbistum habe diese Entscheidung – die intern schon seit längerem feststand – vor allem auf Betreiben der Betroffenen gefällt. Daraufhin traten beide Sprecher des Betroffenenbeirats sowie ein weiteres Mitglied zurück, weil sie sich durch das Erzbistum instrumentalisiert sahen.

          Auch das Angebot der Münchner Kanzlei Wastl Spilker Westpfahl, ihr Gutachten auf eigene Verantwortung selbst zu veröffentlichen, lehnte Woelki in dem Interview ab. Die neue Unabhängige Kommission des Erzbistums für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt werde das Münchner Gutachten nach dem 18. März erhalten. „Betroffenen, Journalisten und anderen Interessierten“ werde Einsicht gewährt, versprach Woelki.

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