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BfV-Chef Thomas Haldenwang : Waschen ohne Plätschern

Klassische Unions-Biographie

Haldenwang also hatte das Kunststück geschafft, und in der Union loben sie ihn heute. Der Abgeordnete Armin Schuster tut das zum Beispiel, der wichtigste Geheimdienstfachmann der Fraktion. Wenn der von Maaßen und dem „rechten Auge“ spricht, versichert er zwar einleitend genau wie Seehofer, er glaube nicht, dass der frühere Chef des Verfassungsschutzes „die Gefahr von rechts vernachlässigt hat“. Dann aber fügt er hinzu, „von verschiedenen Seiten“ sei so ein Eindruck dann eben doch „konstruiert“ worden. Haldenwang habe deshalb recht, wenn er jetzt versuche, das Bild ein wenig „geradezurücken“.

Das also ist die Aufgabe des Neuen: geraderücken – aber bitte so, dass keiner sagen kann, vorher sei etwas krumm gewesen. Haldenwang bringt vieles mit, was dabei hilft. Er ist dem Vorgänger einerseits so ähnlich, dass seine Ernennung nicht wie eine Kehrtwende aussieht. Lange war er Maaßens Stellvertreter, und wie sein alter Chef ist er Mitglied der CDU. Unter Geheimdienstkennern gelten beide als mit allen Wassern gewaschene Profis.

Seine Biographie entspricht denn auch ganz dem Bild eines Karrierebeamten auf dem Ticket der Union. Er ist dem evangelischen Christentum verbunden, bei seiner Gemeinde in Wuppertal versieht er das Amt eines Presbyters. Anders als viele in seinem Alter – er ist achtundfünfzig – hat er sich als Teenager in den siebziger Jahren nicht der Friedensbewegung angeschlossen. In der Raketendebatte fand er den Nachrüstungsbeschluss der Nato damals vernünftiger als die Ideen der Pazifisten, und statt Zivildienst zu leisten, ging er als Wehrpflichtiger auf den Zerstörer „Schleswig-Holstein“. Später studierte er Jura und brachte es im Innenministerium unter Wolfgang Schäuble zum Referatsleiter. 2013 wurde er Maaßens Stellvertreter beim Verfassungsschutz.

Er weiß auch Linksliberale zu schätzen

Heute ist er schon äußerlich ganz Mann der Dienste. Genau wie Bruno Kahl, sein Gegenüber vom BND, stellt er bei öffentlichen Auftritten eine stählerne Uhr, einen Bürstenschnitt und knochentrockene Amtssprache zur Schau. Die Insignien der harten Kerle. Wenn die beiden in ihren betongrauen Anzügen zu zweit auftreten, wirken sie, als hätten sie denselben Einkaufsberater.

Dann aber ist Haldenwang doch wieder anders. Dass er bei aller Verwurzelung in der Union jemals das Maaßen-Wort „linksradikal“ auf die SPD münzen könnte, ist kaum vorstellbar. Dafür hat er in den Siebzigern zu viel vom Aroma dieses sozialdemokratischen Jahrzehnts eingesogen. Er las Böll, Grass, Lenz, und unter den Brüdern Mann schätzte er den linksliberalen Heinrich mehr als den konservativen Thomas. Er bewunderte den Sozialdemokraten Willy Brandt für seinen Kniefall am Denkmal des Warschauer Gettos, aber er bewunderte eben auch den Christlichen Demokraten Helmut Kohl, als der dem französischen Präsidenten Mitterrand auf einem Soldatenfriedhof bei Verdun die Hand reichte. Mit der deutschen Einheit hatte er nie gerechnet, und umso mehr beeindruckte ihn, wie Kohl sie meisterte.

Mit Brandt und Kohl verband ihn das Bekenntnis zur deutschen Verantwortung für den Holocaust. Zweimal, zuerst mit sechzehn und dann mit achtzehn Jahren, besuchte er das Konzentrationslager Dachau. Später reiste er mit seinem Schulpfarrer nach Israel. Er lebte in einem Kibbuz und hatte prägende Begegnungen mit Überlebenden des Warschauer Gettoaufstandes.

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