https://www.faz.net/-gpf-9qfhx

Populismus im Museum : Heimat hinter Glas

  • -Aktualisiert am

Im August vergangenen Jahres trafen sich Anhänger der rechten Szene im „Goldenen Löwen“ zu einem Neonazi-Konzert in Kloster Veßra. Bild: dpa

Wenn Populisten ins Museum gehen: Warum es gut ist, dass sich der Thüringer Museumsverband mit „Populismus und Extremismus als Herausforderung“ beschäftigt.

          2 Min.

          Der Thüringer Museumsverband beschäftigt sich mit „Populismus und Extremismus als Herausforderung für Museen“. So heißt die aktuelle Ausgabe in der Schriftenreihe des Verbandes. Das Heft lenkt den Blick auf einen Zusammenhang, über den wenig gesprochen wird, der aber eigentlich auf der Hand liegt. Museen vermitteln Geschichte. Und über den Umgang mit Geschichte wird gerade heftig gestritten, etwa über Straßennamen oder die Namen von Hochschulen. Es geht dabei um Politik, um Deutungshoheit, auch um Wiedergutmachung und die Frage, wie weit die gehen soll.

          Einerseits sind Museen selbst Gegenstand solcher Auseinandersetzungen, etwa bei der Rückgabe von jüdischem Eigentum oder von Sammlungsteilen, die aus der Kolonialzeit stammen. Andererseits erleben sie auch die Debatten unter ihren Besuchern oder in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft – und müssen damit umgehen lernen. Ein Beispiel dafür ist das Kloster Veßra, ein Freilichtmuseum in Thüringen. Ein Neonazi hat den benachbarten Gasthof „Goldener Löwe“ erworben und veranstaltet dort Treffen seiner Kameraden. Seitdem gibt es nicht nur Streit um die Museumsparkplätze. Viel schwerer wiegt, dass Veßra jetzt als „braunes Dorf“ gilt – mit negativem Einfluss auf die Besucherzahlen des Museums.

          Anderenorts aber wird das Museum selbst zum Streitpunkt. So erging es dem Friedrich-Ludwig-Jahn-Museum in Freyburg, Sachsen-Anhalt. In der Stadt verbrachte der „Turnvater“ seine letzten Lebensjahre, dort wurde er auch beigesetzt. Für die einen ist er ein Patriot und der Erfinder des Geräteturnens, für die anderen ein Chauvinist und Antisemit. Das Museum hat immer wieder Besucher aus dem rechtspopulistischen Milieu, die das Haus loben und Jahn-Fans sind. Sie kommen auch gern auf Politik zu sprechen, beklagen die „überbordende politische Korrektheit“ und fragen, ob das Museum auch darunter leide und wie es überhaupt um die Zukunft des Hauses stehe. Was aber soll ein Mitarbeiter des Jahn-Museums auf solche Fragen sagen, wenn er doch die Nachtigall trapsen hört? Linksextremisten wiederum scheuen sich nicht, das Museum in die Nähe von rechtsextremistischen Vereinigungen zu stellen.

          Flüchtlingscontainer im Museum

          Was dem Jahn-Museum passiert, lässt sich in jedem Heimatmuseum denken, auch in den ganz kleinen, ehrenamtlich geführten. Staubige Vergangenheit aus lauter Harmlosigkeiten? Von wegen. Kein Heimatmuseum war je ganz unpolitisch, immer spiegelte es auch die jeweils vorherrschende Macht oder Ideologie. Oft war es selbst Spielball politischer Interessen. Doch das hat zugenommen, der Begriff Heimat ist aktuell so umstritten wie lange nicht.

          Wie lassen sich da Grenzen ziehen? Der Museumsverband gibt eine wichtige Hilfestellung, indem das Heft Zahlencodes und Symbole der Rechtsextremen zeigt mit der Botschaft: Darauf sollten die Kollegen achten bei Besuchern. Und eine grundsätzliche Anregung lautet, die Museen sollten politischer werden. Gut so – denn gute Museen dürfen sich nicht darauf beschränken, von dem zu erzählen, was verloren ist. Sie sind auf der Höhe der Zeit, politisch, kritisch, mit Blick auf das, was die gesellschaftliche Gegenwart ausmacht, um dann Geschichte zu werden. Sie holen die Debatten bewusst in ihr Haus. Das Freilichtmuseum Kommern in der Eifel etwa zeigt einen Wohncontainer, in dem eine Zeitlang Flüchtlinge untergebracht waren.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.