https://www.faz.net/-gpf-99rsr

Einsatz in Ellwangen : Plötzlicher Aufstand

Nach dem Rückzug: Am Donnerstag rückten 500 Beamte in Ellwangen an. Bild: dpa

Die Festnahme eines Mannes in einem Flüchtlingsheim eskaliert. Polizisten werden attackiert und ziehen sich zurück. Wie kam es dazu?

          Statistisch betrachtet waren die Verhältnisse in der Landeserstaufnahmestelle (LEA) für Flüchtlinge im baden-württembergischen Ellwangen schon einmal wesentlich schwieriger. Während der Hochzeit der Flüchtlingskrise im Dezember 2015 lebten in der ehemaligen Reinhardt-Kaserne im Ostalbkreis bis zu 4800 Flüchtlinge. Jetzt sind in der Einrichtung gerade mal 500 Menschen untergebracht, aber das Klientel ist schwieriger. Es sind Flüchtlinge aus Kenia, Kongo und Gambia, die häufig durch ihre hohe Gewaltneigung und ihr kriminelles Verhalten auffallen. In den Erstaufnahmeeinrichtungen in Baden-Württemberg machen der Polizei Intensivtäter und sogenannte Integrationsverweigerer immer mehr zu schaffen. Deshalb richtete Innenminister Thomas Strobl (CDU) erst Anfang des Jahres einen „Sonderstab gefährliche Ausländer“ ein, der vor allem schwierige Abschiebungen vorbereiten soll.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          In der Nacht von Sonntag auf Montag kapitulierten zehn Streifenbeamte der baden-württembergischen Polizei nach wenigen Minuten vor einer gewalttätigen Gruppe afrikanischer Flüchtlinge in Ellwangen. Das Ziel der Beamten war es eigentlich, einen 23 Jahre alten Flüchtling aus Togo gemäß dem Dublin-Abkommen nach Italien abzuschieben, innerhalb weniger Minuten eskalierte die Situation in der ehemaligen Kaserne. Gegen 2.30 Uhr nahm die Polizei den Mann in Gewahrsam, doch als er zum Streifenwagen gebracht wurde, solidarisierten sich erst fünfzig, dann 150 Flüchtlinge mit ihm. Innerhalb weniger Minuten mussten die Polizisten dem Mann die Handschließen wieder abnehmen und ihn freilassen, weil die aggressiven Flüchtlinge damit drohten, die Pforte der LEA zu stürmen. „Flüchtlinge, die abgeschoben werden, in Gewahrsam zu nehmen, ist Routine und Alltagsgeschäft. Mit einer derart heftigen Reaktion waren wir noch nie konfrontiert. Diese Eskalation war nicht vorhersehbar“, sagte ein Sprecher des für den Einsatz zuständigen Polizeipräsidiums Aalen. Die Polizei informierte die Öffentlichkeit erst nach 60 Stunden, erste Meldungen über den folgenschweren Vorfall gab es deshalb erst am Mittwochnachmittag. Ob die Eskalation wirklich so überraschend kam, muss noch geklärt werden, jedenfalls soll es schon am Sonntagnachmittag in der LEA zu Rangeleien gekommen sein. Der togolesisches Flüchtling sei dafür bekannt gewesen, Unfrieden zu stiften und den Betrieb der LEA massiv zu stören.

          Warum kam es zur Eskalation?

          Am Donnerstagmorgen gab es dann einen zweiten Einsatz der Polizei in Ellwangen, dieses Mal mit etwa 500 Polizisten, flankiert von Notärzten und Mitarbeitern des Regierungspräsidiums Stuttgart und Fachleuten des Landeskriminalamtes. Damit verfolgte die Polizei zwei Ziele: Erstens sollten die Organisationsstrukturen innerhalb der LEA aufgedeckt werden. Zweitens sollte demonstriert werden, dass der Staat vor gewalttätigen Flüchtlingen keinesfalls zurückweicht. Die Polizei wollte außerdem überprüfen, in welchem Umfang die Flüchtlinge in der Lage gewesen wären, sich zu bewaffnen, vor allem mit „nichttechnischen Waffen“, also abgeschlagenen Stuhlbeinen oder Latten. „Wir hatten in der LEA Hinweise auf Strukturen, mit denen behördliche Maßnahmen unterbunden werden sollten“, sagte Bernhard Weber, der stellvertretende Präsident des Polizeipräsidiums Aalen. Einsatzleiter Peter Hönle sagte: „Die Situation war sehr angespannt, sehr aufgeheizt.“ Beim Großeinsatz leisteten 23 Flüchtlinge massiven Widerstand, zwölf Personen wurden verletzt, 26 versuchten zu flüchten, elf sprangen aus den Fenstern. Insgesamt kontrollierte die Polizei 292 Personen in der LEA. Gegen einige von ihnen wird wegen Diebstahls und wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz ermittelt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der tschechische Ministerpräsident Andrej Babis

          Tschechien : Regierungschef Babis übersteht Misstrauensvotum

          Seit Wochen gibt es Massenproteste gegen den unter Korruptionsverdacht stehenden Milliardär. Doch der Opposition gelang es nicht, die notwendigen Stimmen für eine Absetzung des Ministerpräsidenten zusammenzubekommen.
          Unser Sprinter-Autor: Johannes Pennekamp

          F.A.Z.-Sprinter : Schweiß und Tränen

          Die starke Sonneneinstrahlung könnte bald Baustellen lahmlegen, dem Ehrenamt muss wieder mehr Achtung entgegengebracht werden – und der Weltkonjunktur droht mehr Ungemach. Was sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.