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RAF-Trio : Große Löcher im Netz

Spurensicherung soll 36 Stunden geruht haben

Geschehnisse rund um den Raubüberfall in Cremlingen nähren jedoch Zweifel an der Darstellung, dass bei den Ermittlungen alles so glatt läuft, wie Minister Pistorius und LKA-Präsident Kolmey es darstellen. So hatte sich bereits Ende Mai ein Zeuge bei der Polizei gemeldet, der Staub dabei beobachtet haben wollte, wie er den späteren Tatort in Cremlingen ausspähte. Der Zeuge, so wurde der F.A.Z. aus Polizeikreisen bestätigt, will dem früheren Terroristen sogar bis nach Braunschweig gefolgt sein. Die Ermittler nahmen den Hinweis zunächst ernst und postierten verdeckt ein Observationsteam auf dem Parkplatz. Nach einigen Tagen wurde die Aktion jedoch abgebrochen. Man habe nicht mehr an einen Erfolg geglaubt und sei auch bezüglich der Zeugenaussage nicht frei von Zweifeln gewesen sei, heißt es.

In niedersächsischen Polizeikreisen kursiert aber auch die Version, nach der die Maßnahme aus Kapazitätsgründen abgebrochen wurde und es über diesen Schritt interne Differenzen gab. Unverständlich sei der Abbruch gewesen, weil man bereits gewusst habe, dass das Trio seine künftigen Tatorte rund vier bis sechs Wochen vorher auskundschaftet. Die Chance, das Trio auf frischer Tat zu stellen, wurde in Cremlingen jedenfalls vertan, obwohl die Polizei auch wusste, dass das Trio den blauen Opel Corsa gebraucht gekauft hat.

Mit Erstaunen wurde in Polizeikreisen auch das weitere Vorgehen nach dem Überfall registriert. Die Spurensicherung am Tatort soll trotz der Brisanz des Falles und der womöglich aus alten Ostblock-Armeebeständen stammenden Bewaffnung der Täter bis Montagmorgen etwa 36 Stunden lang geruht haben. Die zuständige Polizei in Salzgitter soll in einer sogenannten WE-Meldung verbreitet haben, dass man erst am Montag wieder erreichbar sei. Tatsächlich soll erfolglos versucht worden sein, die Kollegen in Salzgitter zu erreichen. „Ich war fassungslos“, berichtet ein Beamter. Das LKA weist darauf hin, dass die sonntägliche Ruhe nicht für die Fahndung gegolten habe, die man nicht den örtlichen Kollegen überlasse.

LKA und Staatsanwaltschaft weisen Kritik zurück

Ebendiese Verteilung der Arbeit auf unterschiedliche Dienststellen und -ebenen halten Kritiker jedoch für das Grundproblem in dem Fall. „Das zeigt, dass man aus den Fehlern beim NSU nichts gelernt hat“, heißt es. Der Informationsfluss funktioniere nicht, polizeiintern sei etwa nicht mitgeteilt worden, dass Staub vor dem Überfall in Cremlingen in dem Kleinbus unterwegs war. Bei einem Fall dieser Dimension sei es nötig, dass nicht dem „Tatortprinzip“ gefolgt wird, sondern das LKA alle Zuständigkeiten an sich ziehe. „Die Frage ist: Hat das LKA die Ermittlungen, oder hat es sie nicht.“

Die entsprechende Kritik des BDK hatte LKA-Präsident Kolmey mit der Darlegung zurückgewiesen, dass das LKA nicht nur die Fahndung durchführt, sondern auch die Ermittlungen „koordiniert“. Auf Anfrage der F.A.Z. teilt das LKA jedoch mit, dass die Ermittlungsakten „in den ursprünglich zuständigen örtlichen Polizeidienststellen“ liegen. Und die federführende Staatsanwaltschaft in Verden äußert, dass sie bisher nur die Ermittlungen zu drei Überfällen führt. Eine Übernahme der weiteren Fälle werde derzeit „geprüft“.

Die Kritik an ihrer Arbeit weisen LKA und Staatsanwaltschaft, die Gerüchten zufolge untereinander im Clinch über die Organisation der Ermittlungen liegen sollen, jedoch nach wie vor zurück. Wo die Akten geführt würden, sei der Sache nach unerheblich, beteuert ein LKA-Sprecher, denn Kopien und relevante Informationen würden selbstredend ständig untereinander ausgetauscht. Zudem könne sich die Bilanz der bisherigen Ermittlungen sehen lassen: Man verfüge nicht nur über aktuelle Fahndungsfotos, sondern habe auch die Tatvorbereitungen des Trios umfassend rekonstruiert.

Seine entsprechenden Erkenntnisse hatte das LKA bereits Anfang Juni der Öffentlichkeit zum Teil zugänglich gemacht. „Die Täter sind vermutlich in Geldnot, so dass weitere Taten nicht auszuschließen sind!“, war in der damaligen Mitteilung zu lesen. Zuvor waren Staub, Garweg und Klette bei ihren Überfällen in Stuhr, Wolfsburg und Hildesheim jeweils leer ausgegangen. In Cremlingen soll das Trio nun rund 400.000 Euro erbeutet haben. Die nächste Gelegenheit für die Ermittler, bei der man sowohl Hinweise auf den Tatort hat als auch das Tatfahrzeug kennt, könnte also etwas länger auf sich warten lassen.

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