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Politischer Aschermittwoch : „Seehofer und Merkel leben in Zwangsehe“

Prost: Der designierte SPD-Kanzlerkandidat Schulz, Generalsekretärin der Bayern-SPD Natascha Kohnen und der Bundestagsabgeordnete Christian Flisek in Vilshofen Bild: dpa

Martin Schulz heizt dem Bierzelt ein: Die SPD zeigt am Aschermittwoch neues Selbstbewusstsein. Horst Seehofer droht dem SPD-Kandidaten mit einem Spitznamen: „Martin, der Schummler“. Beide werden sehr persönlich.

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          Der Auftritt von Martin Schulz ist der eines Bierzeltpolitikers. Vor ihm eine Bugwelle aus Kamerateams und Journalisten, betritt er das Festzelt in Vilshofen. Jubel brandet auf, kleine SPD-Fahnen werden geschwenkt, Schulz wirft seinen Arm in die Höhe. So viel Ausgelassenheit war beim sozialdemokratischen Aschermittwoch schon lange nicht mehr.

          Timo Steppat
          Redakteur in der Politik.

          Bevor der designierte SPD-Kanzlerkandidat und Parteivorsitzende aber die Bühne betritt, tragen andere ihre Grußworte vor. Zu ihnen gehört der österreichische Kanzler Christian Kern, er nennt sich selbst die „Vorband“. Bei der CSU in Passau, 22 Kilometer entfernt, hat das halblaute Poltern unterdessen bereits zugenommen: Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt nennt SPD und Grüne „Steigbügelhalter der Kommunisten“. Bezugnehmend auf die vielfach kritisierten Bauernregeln des Umweltministeriums, kalauert Dobrindt: „Liegst du ständig falsch und merkst es nie, dann gehörst du zur Sozialdemokratie.“

          Politischer Aschermittwoch : SPD-Kanzlerkandidat Schulz in Vilshofen

          CSU-Vize Manfred Weber sagt über Schulz, mit dem er als Europapolitiker in Brüssel eng zusammengearbeitet hat: „Er steht für eine alte, für eine linke, rückwärtsgewandte Politik.“ Mit seinem Vorschlag für eine europäische Einwanderungspolitik begehe er einen „Verrat an der Jugend Europas“. 

          Als Martin Schulz um kurz vor 12 Uhr zu reden beginnt, geht er nur kurz auf eine Bemerkung von CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer ein. Der war überzeugt, dass „gefühlt“ 10.000 Besucher beim Aschermittwoch der CSU anwesend seien, dabei passen nur 4000 in die Halle. „Ich glaube, die tatsächliche Mehrheit sitzt hier“, sagt Schulz. Es sind die üblichen Scharmützel eines politischen Aschermittwochs. Wer hat mehr? In Zuschauern gemessen gewinnt tatsächlich die CSU, überraschend ist eigentlich nur das neue Selbstbewusstsein der Sozialdemokraten.

          Martin Schulz erinnert an den Friedensgipfel, den CDU und CSU in München veranstaltet haben. Wenn Merkel mit Blick auf die Wahlen von der „Neugier auf Neues“ gesprochen habe, deute das auf Abenteuer außerhalb der Ehe hin. „Seehofer und Merkel leben in einer Zwangsehe“, frotzelt Schulz, beide seien miteinander unzufrieden. Mehr Derbes gibt es vom designierten SPD-Chef nicht. „Auch im Bierzelt wird aus dem politischen Gegner kein Feind“, sagt er. „Wir kämpfen mit harten Argumenten, aber nicht mit Verunglimpfungen.“ Es ist eine deutliche Aussage mit Blick auf das bevorstehende Wahljahr.

          Schulz in Jubelpose
          Schulz in Jubelpose : Bild: EPA

          Schulz spricht frei, nur selten liest er ab oder kommt auf sein Manuskript zurück. Etwa als er auf den Vorwurf eingeht, er würde das Land schlechtreden, zitiert er die „Passauer Neue Presse“. Deutschland sei ein starkes Land, aber es brauche glasklare Antworten auf die Probleme. Das sei, sagt Schulz, ein Zitat des bayrischen Ministerpräsidenten und CSU-Chefs. Horst Seehofer mache also Werbung für die SPD. Die Genossen johlen. Sprechchöre rufen: „Martin, Martin, Martin“.

          Schulz und das „Gefühl im Bauch“

          Schulz' Rede wird persönlich, mehrmals nimmt er Bezug auf seine eigene Biographie. Wenn er von der jugendlichen Begeisterung für Fußball spricht und deshalb nicht die Schulbank gedrückt habe, klingt das wie eine Antrittsrede. „Ich weiß, was es heißt, auf eine bestimmte Art und Weise die Orientierung und den Faden zu verlieren. Wenn man seinen geraden Weg nicht mehr weitergeht. Aber ich weiß auch, wie gut es sich anfühlt, wenn die engsten Freunde zu einem stehen, wie es sich anfühlt, eine zweite Chance zu bekommen.“ Schulz hebt darauf ab, dass er einer Generation angehört, die „von der Wiege bis zur Bahre“ nie einen Krieg erlebt habe. Deshalb müsse man ein „klares Nein" an Nationalisten formulieren, die Europa zerstören wollten. Mit ihm werde es kein Schlechtreden von Europa geben.

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