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Politische Talkshows : Weniger Migration, mehr Habeck

Robert Habeck (rechts) bei „Maybrit Illner“ (ZDF) – im Schlagabtausch mit Jens Spahn, Marie-Christine Ostermann und Malu Dreyer. In der Mitte die Moderatorin. Bild: ZDF/Jule Roehr

Andere Besetzung, andere Themen: Niemand war 2018 so oft in Talkshows eingeladen wie der Grünen-Vorsitzende. Das sagt viel über die Kriterien der Gästeauswahl und die Themensetzung aus. Eine Analyse.

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          Twitter, das „Instrument der Spaltung“, mag Robert Habeck nicht mehr, und auch aus Facebook hat er sich nun zurückgezogen. Dass der Grünen-Vorsitzende künftig auf diese nicht ganz unwichtigen sozialen Medien verzichtet, dürfte ihn aber vermutlich nur bedingt schmerzen, solange er in den politischen Talkshows der öffentlich-rechtlichen Sender so präsent ist wie derzeit. Offenbar haben die Fernsehredaktionen Gefallen an dem Lübecker gefunden, dessen Partei die SPD in den Umfragen hinter sich gelassen hat. Auch in der Parallelgesellschaft der Talkshows kommt die sozialdemokratische Konkurrenz kaum hinterher. 

          Habeck saß 2018 insgesamt 13 Mal in den Talkrunden von Sandra Maischberger (ARD), Anne Will (ARD), Frank Plasberg („hart aber fair“, ARD) und Maybrit Illner (ZDF), berichtete das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) am Donnerstag. Auf dem zweiten Platz: Habecks Kollegin an der Parteispitze, Annalena Baerbock, FDP-Chef Christian Lindner und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) mit jeweils zehn Auftritten. Dahinter Politiker wie die Justizministerin Katarina Barley (SPD), Linke-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht (Linke) und der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland. 

          Das sagt zwar nicht viel darüber aus, welche Partei letztlich am häufigsten ihre Vertreter in den Talkrunden platzieren konnte. Aber die Zahlen geben immerhin darüber Auskunft, nach welchen Kriterien Talkshowredaktionen ihre Gäste aussuchen – und welche Themen Konjunktur haben. Zumal das RND gezählt hat, wie oft welches Streithema präsent war: Demnach beschäftigten sich Anne Will und Co. 13 Mal mit der großen Koalition, acht Mal mit Bundeskanzlerin Angela Merkel oder dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Auf sieben Sendungen kam das Thema Migration.

          Merkel und Trump – das überrascht nicht, denn Personalisierungen funktionieren besonders gut im Fernsehen. Dass Migration erst dahinter kommt, ist hingegen eine Überraschung. Denn die Aspekte rund um Einwanderung – Islam, Flüchtlinge – sind seit Jahren das gefühlte Dauerbrennerthema Nummer eins in den Talksendungen. Die Zahlen für 2018 zeichnen hingegen ein anderes Bild. In diesem Jahr spielte es auch deshalb eine geringere Rolle, weil die Flüchtlingspolitik insgesamt an Brisanz verlor – Kritik an der Themenauswahl in den Talkshows war zuvor schon immer lauter geworden.

          Angela Merkel weiß, bei welchem Talkformat die meisten Menschen zuschauen:  „Anne Will“ hat den besten Sendeplatz am Sonntagabend.

          So hatte das ARD-Magazin „Monitor“ bereits im Januar 2017 den Finger in die Wunde gelegt und ausgerechnet, dass es 2016 ganze 40 Mal um Flüchtlinge, 15 Mal um den Islam, Gewalt und Terrorismus ging. Meist mit dem entsprechenden Framing, so als sei Migration ausschließlich mit Problemen behaftet. Zumindest im Talkshowkosmos ist es das auch: „Hart aber fair“ sorgte mit der Sendung „Flüchtlinge und Kriminalität – Die Diskussion!“ im August 2018 im Vorfeld für Kritik, weil bereits im Titel eine Verbindung hergestellt wurde. Im November beschäftigte sich Moderator Plasberg mit dem Thema „Das kriminelle Netz der Clans – sind Polizei und Justiz machtlos?“.

          Neue Themen statt immer wieder Migration

          Das blieben aber einzelne Sendungen; das Jahr 2018 hat wieder eine Normalisierung bei der Wahl der Themen gebracht. Die oft gehörte Kritik, die Talkshows würden sich zu selten an relevante Themen wie Mietpreise oder Kohleausstieg heranwagen, kann so auch nicht mehr aufrechterhalten werden. Allein der Platzhirsch, die Talkrunde „Anne Will“ am starken ARD-Sonntagabendsendeplatz nach dem „Tatort“ oder „Polizeiruf“, thematisierte vor der Winterpause den Ukraine-Konflikt, die Arbeitswelt, den Schwund bei den Volksparteien und den Brexit.

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