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Politische Korrektheit : Wenn die Bürger sich abwenden

Schaumküsse Bild: Wolfgang Eilmes

Ein freies Land, in dem sich viele unfrei fühlen: Nötig ist ein Gefühl für die Grenze zwischen notwendigem Kampf gegen Diskriminierungen und Bevormundung.

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          Es klingt paradox: In einer Zeit, in der jeder Einzelne mehr Freiheit hat als je zuvor in der Geschichte, auf alle möglichen Informationsquellen auf der ganzen Welt zuzugreifen, suchen viele doch nur nach dem, was sie immer schon zu wissen glaubten. Man lebt in seiner Blase und ist mit sich im Reinen. Das gilt auch für die beruflich vermeintlich besonders Kritischen, für Tugendwächter und öffentlich-rechtliche Komiker. Zugleich nimmt das Gefühl vieler Bürger zu, ihre Meinung zu bestimmten und immer mehr Themen nicht mehr frei äußern zu dürfen. Sie fürchten weniger rechtliche denn gesellschaftliche Sanktionen.

          Die Allensbach-Umfragen im Auftrag der F.A.Z. zeigen eine wachsende Kluft, eine Entfremdung von Volk und politisch-medialer Klasse. Während nicht nur Parteien wie die Grünen und Stars des Rundfunks, sondern auch staatliche Organe von Stadtverwaltungen bis zum Bundesverfassungsgericht ohne Grundlage eine vermeintlich geschlechtergerechte Sprache einführen, wenden sich viele Bürger mit Grausen ab. Nicht weil sie gern andere diskriminieren, sondern weil sie womöglich merken, dass das „Gendern“ in ästhetischer und logischer Hinsicht Murks ist, neue Probleme schafft und eine Abgehobenheit von den Sorgen und Nöten der Menschen offenbart, die an Arroganz grenzt.

          Sie wirft auch Fragen nach dem Demokratieverständnis einer Kaste auf, die den „kleinen Leuten“ (also allen anderen) auf die Finger hauen will: Das sagt man nicht. Warum? Weil ich es sage. Was schon Kinder nicht unbedingt überzeugt, ist bei Erwachsenen immer anmaßend. Zigeunerschnitzel, Negerkuss und Mohrenstraße sind keine Fälle für den Verfassungsschutz.

          Natürlich leben wir in einem freien Land. Zur Wahrheit, dass diese Freiheit täglich neu erkämpft werden muss, gehört auch, auf die Wahl der Mittel zu achten. Minderheiten müssen geschützt werden, und niemand muss der Masse nach dem Mund reden. Aber nötig ist ein grobes Gefühl für die Grenze zwischen notwendigem Kampf gegen Diskriminierungen und Bevormundung.

          Reinhard Müller
          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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