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Politiker und Humor : Das soll wohl ein Witz sein!

  • -Aktualisiert am

Bundeskanzlerin Merkel und der italienische Ministerpräsident Renzi lachen sich auf dem Asem-Gipfel im vergangenen Oktober in Mailand fast schlapp. Worüber, ist leider nicht überliefert. Bild: dpa

Humor kann einem Politiker helfen. Die Kanzlerin, die oft so trocken wirkt, ist eine Meisterin des Witzes. Ein missglückter Scherz kann aber der politischen Karriere auch gefährlich werden.

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          Am 3. September des Wahljahrs 2013 kam es im Bundestag zu einer Begegnung mindestens der dritten Art. Eher war es ein brutaler Zusammenprall, und zwar zwischen Politik und Humor. Andrea Nahles, junge Mutter und damals noch Generalsekretärin der SPD, griff wenige Wochen vor der Bundestagswahl die Regierung mit einer Waffe an, der gegenüber jede inhaltliche Attacke ein Witz ist. Nahles sang.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Oder vielmehr krächzte sie in das Mikrofon des obersten deutschen Parlaments etwas, von dem sie behauptete, sie singe es ihrer kleinen Tochter abends als Schlaflied vor. Angeblich war es das Pippi-Langstrumpf-Lied „Ich mache mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt“. Nahles, zu dem Zeitpunkt Oppositionspolitikerin, wollte auf die Beliebigkeit der Politik von Angela Merkel hinweisen. Auf humorvolle Weise, so dürfte ihr Ziel gewesen sein. So schief war die Tonlage, so falsch die Melodie, dass der einzige Trost für den Zuhörer in der Hoffnung bestand, die vielbeschäftigte Spitzenpolitikerin werde ihr Kind nicht zu oft mit ihrer Sangeskunst heimsuchen. Es war ein Beispiel für eine Art Humor, mit der ein Politiker sich vielleicht nicht schadet, mit der er sich aber doch blamiert.

          Norbert Blüm zeigt beim Lachen Zähne. Bilderstrecke
          Norbert Blüm zeigt beim Lachen Zähne. :

          All diejenigen, die überzeugt sind, dass Politik und Humor nichts miteinander zu tun haben, dass vielmehr das Geschäft von Parlamentariern und Ministern eine staubtrockene Angelegenheit sei und besser auch bleibe, durften sich bestätigt fühlen. Aber das stimmt gar nicht. Der Gegenbeweis wurde schon fast sechzig Jahre zuvor angetreten, ebenfalls im Bundestag. Das war zu Beginn der zweiten Legislaturperiode, am 21. Mai 1954. Das Wort hatte der Bundestagsabgeordnete August Dresbach. Der zum Ende des 19. Jahrhunderts geborene CDU-Politiker nannte sich selbstironisch einen „verfetteten Sechzigjährigen“ und hatte unter anderem als Journalist für die Frankfurter Zeitung gearbeitet.

          Nun hielt er vor dem Plenum eine Rede über den Wert von Qualitätsjournalismus. Der bestehe jedenfalls nicht im Besuch von Pressekonferenzen der Mächtigen. Die Rede war derart von dem intellektuell höchst anspruchsvollen Humor des Rheinländers Dresbach durchzogen, dass sie fünfzigmal durch Gelächter unterbrochen wurde und die Stenographen des Bundestages gar nicht mehr wussten, wie sie die sich steigernde Begeisterung der Abgeordneten noch ausdrücken sollten. Heiterkeit, große Heiterkeit, schallende Heiterkeit, anhaltende Heiterkeit, anhaltende große Heiterkeit und schließlich stürmische Heiterkeit verzeichnet das Protokoll.

          Zu den zentralen Sätzen Dresbachs gehörte der folgende: „Ja, meine Damen und Herren, wer es in Germanien unternimmt, Dinge, dazu noch schwierige Dinge, in kurzweiliger Form darzustellen, der ist eben nicht seriös.“ Aber Dresbach wurde keineswegs geschmäht, sondern vielmehr geehrt. Er war der erste Politiker, dem von den Profis des Humors, den Aachener Karnevalisten, mit dem ausdrücklichen Hinweis auf diese Rede 1955 der „Orden wider den tierischen Ernst“ verliehen wurde. Einfache Abgeordnete werden in der Öffentlichkeit meist nicht wahrgenommen. Dresbach war ein frühes Beispiel dafür, dass dies durch die Kunst der Rede doch gelingen konnte - und zwar besonders gut mit einer humorvollen Rede. Der Oppositionsabgeordnete Joschka Fischer bekam in den neunziger Jahren deswegen so viel Aufmerksamkeit, weil die Abgeordneten von Opposition und Koalition sich köstlich bei seinen Reden amüsierten.

          Ein schmaler Grat

          Die Geschichte des Aachener Ordens kann jedenfalls als Indiz dafür dienen, dass unter ernstzunehmenden Spaßvögeln die Auffassung besteht, Politik habe doch etwas mit Humor zu tun. Mehr als sechzigmal verliehen die Aachener bisher ihren Preis, annähernd vierzigmal erhielten ihn Politiker. Unter ihnen waren aktive Bundeskanzler wie Konrad Adenauer im Jahr 1959 ebenso wie künftige, nämlich Helmut Schmidt 1972.

          Für Politiker ist der Umgang mit Humor allerdings ein schmaler Grat. Das gilt in der Zeit des Internets umso mehr, da die Verbreitung von Äußerungen immer schwerer zu steuern ist. Viele ihrer Scherze sind Versuche, ein Publikum, das nicht immer freiwillig zuhört, bei der Stange zu halten. Über die meisten wird entweder gar nicht oder nur höflich gelacht. Das ist allerdings immer noch besser, als wenn über einen Politiker gelacht wird, noch bevor er versucht hat, einen Witz zu machen. Das prominenteste Opfer von zum Teil ehrabschneidenden Witzen war Helmut Kohl. Über ihn, der aufgrund seiner Kopfform den Spitznamen Birne bekam, wurde anlasslos gespottet.

          Edmund Stoiber bot solche Anlässe dagegen immer wieder. Als er darüber schwadronierte, wie er in seinem Garten Hand an einzelne Blumen lege, zunächst davon sprach, dass er sie hinrichte, und sich dann korrigierte und sagte, er richte sie auf, da wurde das schnell über das Internet verbreitet und zu einem großen Lacherfolg. Zur Bekanntheit beider Spitzenpolitiker trug der Hohn über sie dennoch bei. Auch um öffentlich ausgelacht zu werden, muss man bekannt sein und wird zugleich noch bekannter.

          Schäubles Humor ist scharf

          Mancher Politiker nutzt den Scherz zur Selbstverteidigung. Als Peter Altmaier Bundesumweltminister geworden war, zunehmend öffentlich auftreten musste, dabei sichtbar ins Schwitzen geriet und mit seinem Taschentuch dagegen anarbeitete, reagierte er mit Witzen über seine Leibesfülle. Im Sommer 2012 bekam er bei einem Auftritt vom Gastgeber ein kleines steinernes Flusspferd überreicht. „Das ist wohl das erste Mal, dass ein Hippo mit einem Hippo geehrt worden ist“, nahm Altmaier sich auf den Arm.

          Auf eine Art, die einem bisweilen den Atem verschlägt, pflegt auch Wolfgang Schäuble diesen vorbauenden Humor. Kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland im Jahr 2006, dem Sommermärchen, wurde der damalige Bundesinnenminister und damit oberste Dienstherr der Polizei gefragt, ob er sich - wie Millionen von Bürgern - eine Deutschland-Fahne gekauft habe. Er verneinte. Schließlich stehe ja in seinem Amtszimmer eine Fahne. „Und an meinen Rollstuhl mache ich keine Deutschland-Flagge, weil der Berliner Innensenator gesagt hat, Polizeifahrzeuge sollten keine Fahnen haben.“ Bevor irgendjemand auch nur darüber nachdenken könnte, einen Scherz über Schäuble und den Rollstuhl zu machen, hat er das schon selbst getan. Schäubles Humor sticht durch seine Schärfe hervor. Die mutet er nicht nur sich, sondern auch anderen zu. Da darf man nicht zu empfindlich sein.

          Politiker müssen, anders als Schlagersänger oder Fußballspieler, Dinge tun, die tief und mit Ernst ins Leben der von ihnen regierten Menschen einschneiden. Das beginnt bei der Steuererhöhung und kann bei einem Militäreinsatz enden. Wenn sie eine Rede halten, ist der leicht daherkommende Spaß nicht selbstverständlicher Teil ihrer Äußerungen. Deswegen ist die Resonanz auf eine witzige Bemerkung, so sie denn gelungen ist, größer als bei anderen Prominenten.

          Merkel lacht jeden Tag

          Angela Merkel ist keine Königin des Festzeltbrüllens, bei dem das Starkbier aus dem Seidel schwappt. Sie ist auch keine klassische Witzeerzählerin, die gern mit der Variante „Kennen Sie den schon?“ eröffnet. Aber sie hat Humor. Sie lacht sogar ausgesprochen gern, mal über eine komische Situation, mal über sich selbst. Gelungene Karikaturen oder das Aufspießen einer ihrer Auftritte in der „Heute Show“ können sie zum Lachen bringen. Sie ist eine begabte Erzählerin von Anekdoten. Wenn sie richtig in Fahrt ist, kann es passieren, dass sie ihren eigenen Vortrag unterbrechen muss, weil sie vor Lachen nicht weiterkommt.

          Geistreicher Humor im Sinne von Esprit ist etwas für Menschen, die schnell im Kopf sind. Von daher ist Angela Merkels Freude am Sprachwitz nicht überraschend. Angeblich vergeht kaum ein Tag, an dem sie nicht kräftig lacht. Manchmal aber auch dezent. Da freut sie sich schlicht daran, wenn sie mit einer Bemerkung ihre Zuhörer zum Lachen bringt. Am 21. Oktober vorigen Jahres gelang ihr das ganz besonders gut. Auf dem IT-Gipfel in Hamburg zum Netzausbau wollte sie eine Äußerung des Vorstandsvorsitzenden der Telekom, Timotheus Höttges, zitieren. Es ging um den Datentransport und eine „vernünftige Mischung“ von drei Begriffen, die mit einem F beginnen. Merkel fielen Frequenz und Förderung ein. Dann stockte sie. Kurz guckte sie Höttges an. Als der nicht sofort antwortete, sagte Merkel in der ihr eigenen lapidaren Art: „Weiß er selbst nicht mehr.“ Der Saal prustete. Merkel freute sich über den gelungenen Scherz, der blitzschnell und ungeplant über ihre Lippen gekommen war.

          Dann wurde Verkehrsminister Alexander Dobrindt von seiner Chefin beim Vornamen gerufen, konnte aber ebenfalls nicht liefern. Merkel blieb wild entschlossen, das dritte Wort zu finden, riss plötzlich die Hand empor, stieß den Zeigefinger in die Luft und sagte mit dem Strahlen einer Abiturientin, der die entscheidende Antwort eingefallen ist: Festnetz. Der Saal tobte. Die Szene ist ein Renner im Netz und dürfte Merkel weit mehr Sympathien eintragen als zehn Wahlkampfauftritte auf Marktplätzen.

          Rösler hat sich Hilfe „verscherzt“

          Humor, wenn er echt ist und tief, wenn er natürlich und nicht einstudiert ist, wenn er am besten spontan kommt und nicht von einem Blatt abgelesen wird, das der Redenschreiber gefüllt hat, kann Politiker also sympathisch machen. Das gilt nicht nur für den öffentlichen Auftritt, sondern auch für Verhandlungen in kleineren Runden. Aber der falsche Umgang mit dieser Königsdisziplin kann Politikern auch gefährlich werden. Angela Merkel hat in den Jahren 2009 bis 2013, da sie mit der FDP regierte, genügend Gründe dafür sammeln können, dieses Bündnis nicht zu wiederholen. Jedenfalls rührte sie im Wahlkampf des Herbstes 2013 keine Hand für den Koalitionspartner. Einer dieser Gründe war ein Scherz von Philipp Rösler, und zwar ein misslungener.

          Der damalige FDP-Vorsitzende hatte die Kanzlerin nicht nur dadurch provoziert, dass er sich in der Diskussion über eine Kandidatur von Joachim Gauck für das Amt des Bundespräsidenten an der Union vorbei auf die Seite von SPD und Grünen geschlagen hatte. Er hatte sich in einer Fernsehsendung auch noch auf einen Scherz darüber eingelassen. In diesem tauchte Angela Merkel als Frosch auf, der im kalten Wasser sitzt und dessen Erhitzung erst bemerkt, wenn es schon zu spät ist. Merkels Sprecher Steffen Seibert hatte anschließend Tiergleichnisse als „denkbar ungeeignet“ zur Beschreibung des Verhältnisses zwischen Kanzlerin und Vizekanzler beschrieben.

          Der ehemalige Wirtschaftsminister Michael Glos, nicht unbedingt ein Freund Merkels, aber einer, der die Ränkespiele der Mächtigen kennt, warnte damals, so etwas könne sich eines Tages rächen. Vielleicht hat Philipp Rösler die geringen Hoffnungen auf Wahlkampfhilfe der CDU-Vorsitzenden einer hübschen Pointe geopfert. Das Wort „verscherzt“ bekam in seinem Fall eine neue Dimension.

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