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Politiker und Humor : Das soll wohl ein Witz sein!

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Ein schmaler Grat

Die Geschichte des Aachener Ordens kann jedenfalls als Indiz dafür dienen, dass unter ernstzunehmenden Spaßvögeln die Auffassung besteht, Politik habe doch etwas mit Humor zu tun. Mehr als sechzigmal verliehen die Aachener bisher ihren Preis, annähernd vierzigmal erhielten ihn Politiker. Unter ihnen waren aktive Bundeskanzler wie Konrad Adenauer im Jahr 1959 ebenso wie künftige, nämlich Helmut Schmidt 1972.

Für Politiker ist der Umgang mit Humor allerdings ein schmaler Grat. Das gilt in der Zeit des Internets umso mehr, da die Verbreitung von Äußerungen immer schwerer zu steuern ist. Viele ihrer Scherze sind Versuche, ein Publikum, das nicht immer freiwillig zuhört, bei der Stange zu halten. Über die meisten wird entweder gar nicht oder nur höflich gelacht. Das ist allerdings immer noch besser, als wenn über einen Politiker gelacht wird, noch bevor er versucht hat, einen Witz zu machen. Das prominenteste Opfer von zum Teil ehrabschneidenden Witzen war Helmut Kohl. Über ihn, der aufgrund seiner Kopfform den Spitznamen Birne bekam, wurde anlasslos gespottet.

Edmund Stoiber bot solche Anlässe dagegen immer wieder. Als er darüber schwadronierte, wie er in seinem Garten Hand an einzelne Blumen lege, zunächst davon sprach, dass er sie hinrichte, und sich dann korrigierte und sagte, er richte sie auf, da wurde das schnell über das Internet verbreitet und zu einem großen Lacherfolg. Zur Bekanntheit beider Spitzenpolitiker trug der Hohn über sie dennoch bei. Auch um öffentlich ausgelacht zu werden, muss man bekannt sein und wird zugleich noch bekannter.

Schäubles Humor ist scharf

Mancher Politiker nutzt den Scherz zur Selbstverteidigung. Als Peter Altmaier Bundesumweltminister geworden war, zunehmend öffentlich auftreten musste, dabei sichtbar ins Schwitzen geriet und mit seinem Taschentuch dagegen anarbeitete, reagierte er mit Witzen über seine Leibesfülle. Im Sommer 2012 bekam er bei einem Auftritt vom Gastgeber ein kleines steinernes Flusspferd überreicht. „Das ist wohl das erste Mal, dass ein Hippo mit einem Hippo geehrt worden ist“, nahm Altmaier sich auf den Arm.

Auf eine Art, die einem bisweilen den Atem verschlägt, pflegt auch Wolfgang Schäuble diesen vorbauenden Humor. Kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland im Jahr 2006, dem Sommermärchen, wurde der damalige Bundesinnenminister und damit oberste Dienstherr der Polizei gefragt, ob er sich - wie Millionen von Bürgern - eine Deutschland-Fahne gekauft habe. Er verneinte. Schließlich stehe ja in seinem Amtszimmer eine Fahne. „Und an meinen Rollstuhl mache ich keine Deutschland-Flagge, weil der Berliner Innensenator gesagt hat, Polizeifahrzeuge sollten keine Fahnen haben.“ Bevor irgendjemand auch nur darüber nachdenken könnte, einen Scherz über Schäuble und den Rollstuhl zu machen, hat er das schon selbst getan. Schäubles Humor sticht durch seine Schärfe hervor. Die mutet er nicht nur sich, sondern auch anderen zu. Da darf man nicht zu empfindlich sein.

Politiker müssen, anders als Schlagersänger oder Fußballspieler, Dinge tun, die tief und mit Ernst ins Leben der von ihnen regierten Menschen einschneiden. Das beginnt bei der Steuererhöhung und kann bei einem Militäreinsatz enden. Wenn sie eine Rede halten, ist der leicht daherkommende Spaß nicht selbstverständlicher Teil ihrer Äußerungen. Deswegen ist die Resonanz auf eine witzige Bemerkung, so sie denn gelungen ist, größer als bei anderen Prominenten.

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