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Politiker-Seminar : Erkenne den Sozi in dir

  • -Aktualisiert am

Die Zukunft der SPD im Standbild: „Weiblicher und diverser“ soll die Partei sein. Bild: Timo Steppat

In einem Seminar in Hessen will die SPD junge Mitglieder zu Politikern ausbilden – da kommt es vor allem auf die richtige „Story“ an.

          6 Min.

          HERBORN, 9. Januar. Neun junge Politiker sitzen an einem Sonntagmorgen in einem Tagungshotel im mittelhessischen Herborn. Einer will in den Landtag, drei wollen Oberbürgermeister werden, manche sitzen schon im Stadt- oder Gemeinderat. In Herborn lernen sie in einem Seminar der SPD, wie man ein guter Politiker wird. Am Ende gibt es ein Zertifikat und einen Talisman. Es ist der letzte Tag des Seminars, die Nacht war kurz. Ein lockeres Spiel zum Auftakt. Seminarleiter Michael Siebel hat kleine Plakate von Filmen auf den Boden gelegt. „In welchem könnt ihr euch am besten wiedererkennen?“, fragt er. Einer wählt den Film über den Whistleblower Edward Snowden, „Ich will Transparenz in die Politik bringen.“ Alle nicken. Michaela greift nach „Kill Bill“, der Rache-Saga über eine Frau, die reihenweise Gegner abmetzelt. „Als Frau muss man sich auch durchsetzen, gegen Widerstände und manchmal auch den alten Männern den Arsch aufreißen.“ Die Gruppe kichert.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Michaela ist 28, hat Lehramt studiert, und bis vor wenigen Jahren hatte sie kein Vertrauen in die Politik. „Nur an den eigenen Dingen interessiert“ seien viele Politiker, war sie überzeugt. Dann wurde Michaela schwanger, suchte eine Wohnung für sich und das Kind, aber fand nichts. Kein Vermieter wollte sie, eine geförderte Wohnung gab es nicht. Und wieso bekommt eine junge Mutter überhaupt so wenig Unterstützung? Sie ging zur SPD, weil sie von der am ehesten dachte, dass sie für Leute wie sie da sei. Familienministerin Manuela Schwesig war da schwanger, wie sie. Michaela wollte sich beschweren. „Aber ich bin geblieben, um etwas zu verändern“, sagt sie. Die „alten Männer“ nerven sie manchmal, auch der Ortsverein als solcher. Er sei schon eine wichtige Ebene, aber auch lähmend. „Wie viele Würste muss ich auf Sommerfesten braten oder Flyer verteilen, um selbst mitsprechen zu dürfen?“ Sie hat sich eine Mentorin gesucht, wurde vor kurzem stellvertretende Ortsvereinsvorsitzende – das sind die ersten Schritte auf der Karriereleiter. Sie will mal Oberbürgermeisterin ihrer Heimatstadt werden. Später, wenn sie das Erlernte von der Rhetorik-Einheit des Seminars einsetzen soll, hält sie eine Bewerbungsrede für die Kandidatur.

          Michael Siebel coacht seit bald 20 Jahren Politiker. Er glaubt, dass „die Mimi“, wie er Michaela nennt, Potential hat. „Die kann sprechen und steht für etwas“, sagt er. Siebel leitet die Akademie für Kommunalpolitik, eine Tochter der hessischen SPD, und sitzt für die Partei als Abgeordneter im Landtag. Wer in einer Kommune in Hessen als Bürgermeister für die SPD kandidiert oder von der Partei unterstützt wird, bekommt einen Anruf von Siebel oder einem seiner zwei Kollegen. 80 Prozent der Neubewerber nehmen das Angebot an, andere haben bereits eine Form der „Supervision“. Siebel sagt: „Die meisten Politiker, auch in den Kommunen, wissen, dass sie an sich arbeiten müssen.“ In drei mal drei Stunden macht er mit ihnen ein „Auftrittscoaching“, gemeinsam bereitet man eine Podiumsdiskussion vor. Es geht auch um Themen wie Zeitmanagement („Man muss als Politiker einen gewissen Mut zur Lücke lernen“). Die Leute, die ihm gegenübersitzen, sind grundverschieden: Manche sind schüchtern, andere extrovertiert, beinahe aufgedreht. „Meine Aufgabe ist es, gemeinsam mit dem Kandidaten zu erkennen, für was er steht“, sagt Siebel. Sie erzählen ihm von ihren Anliegen, von ihrem Werdegang. Er merkt dabei, wo das Entwicklungspotential steckt. „Den perfekten Kandidaten gibt es nicht“, sagt Siebel. Sachliche Politiker könnten für ruhiges, seriöses regieren stehen, was viele Menschen schätzen; im ersten Moment hätte es die Rampensau, die auf Leute direkt zugeht, häufig einfacher. „Aber Authentizität ist entscheidend“. Bloß nicht verstellen. Auch die Jungpolitiker sollen ihre Rolle finden, mit der sie sich den Wählern präsentieren wollen. Eine einfache Regel: Erst wenn du selbst weißt, wer du bist, kannst du es anderen verkaufen, das ist das Credo.

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