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Politiker in Hamburg : Der Kirchentagskomplex

Gottesdienst auf dem Fischmarkt: Auf dem Evangelischen Kirchentag in Hamburg treffen sich bis Sonntag mehr als 100.000 Teilnehmer unter der Losung „Soviel du brauchst“ Bild: Lucas Wahl

Die politische Prominenz nutzt den Markt der Möglichkeiten auf dem evangelischen Kirchentag. Kanzlerin Merkel denkt dabei in großen Linien und Umweltminister Altmaier wird Wahlkampf unterstellt.

          Als Deutschland noch nicht Weltmeister war, Angela Merkel noch nicht geboren und der Volksaufstand in der DDR keine zwei Monate her, da war Walter Wurst schon einmal auf einem Evangelischen Kirchentag in Hamburg. Der fünfte war es; das steht auf der orange-gelben „Teilnehmerkarte 27.046“ von damals, die der schmale, 81 Jahre alte Mann auch jetzt wieder aus seiner schwäbischen Heimat mitgebracht hat. Sechzig Jahre später - genauer: fast sechzig Jahre, denn 1953 fand das Treffen erst im August statt - zeigt Walter Wurst das kleine Stück Papier in einem Messehallen-Café mit mintgrünen Stühlen, viel Stahl und Glas in einer der Messehallen.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Ringsum waschen Diakone willigen Kirchentagsbesuchern die Füße, fragen christliche Sadomasochisten, wo eigentlich Perversion anfängt, strömen Trauben junger Leute mit grellblauem Kirchentagsschal über den „Markt der Möglichkeiten“, um an den Ständen alle Spielarten mehr oder minder christlichen Engagements auszuloten. Auch Walter Wurst trägt einen Kirchentagsschal um den Hals. Mit seiner dunklen Schirmmütze, dem Gehstock und der leisen Stimme wirkt auch er auf dem 34. Evangelischen Kirchentag wie ein Relikt, ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit.

          Sechzig Jahre danach: Walter Wurst mit seiner Frau Mathilde wieder auf dem Hamburger Kirchentag

          Die Gastgeber im „Nordkirchenschiff“

          Die Nordkirche hat für die Zeit des Kirchentags am Hamburger Rathausmarkt festgemacht. Das „Nordkirchenschiff“ ist eine Installation. Ein hoher Bug wird zum Aussichtspunkt und der Schiffsrumpf in Form eines Pontons zur Ausstellungsfläche. Vor dem Bug liegt eine begehbare Karte des Gebietes, über das sich die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland erstreckt - es sind die Länder Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Die Nordkirche ist das jüngste Glied innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland, gegründet zu Pfingsten im vergangenen Jahr im Ratzeburger Dom.

          Auch da war Bundespräsident Joachim Gauck dabei, der nun auch zum Kirchentag gekommen ist; wäre er noch Pfarrer in Rostock, es wäre jetzt seine Kirche. Nach langem Ringen hatten sich die früheren Kirchen von Nordelbien, Mecklenburg und Pommern zusammengetan. Was die Größe der Partner anbelangt, so genügt der Hinweis, dass Mecklenburg-Vorpommern künftig nur einer unter drei Sprengeln sein wird. Der vor kurzem gewählte Landesbischof Gerhard Ulrich hatte noch nicht einmal Gelegenheit, seinen Amtssitz in Schwerin zu beziehen; am 3. Juni soll es soweit sein. Präses der Synode wurde der grüne Landtagspolitiker Andreas Tietze aus Schleswig-Holstein. Neben Ulrich und Tietze sieht man im „Nordkirchenschiff“ von den Gastgebern vor allem Kirsten Fehrs, die Sprengelbischöfin für Hamburg und Lübeck. Mit 2,25 Millionen Mitgliedern ist die Nordkirche die fünftgrößte in der EKD. Im Stadtbild tanzen herzförmige Luftballons mit etwas Plattdütsch: „Gott sien Hart slagt for Platt.“

          Der begleitende Nikolaus Schneider

          Nikolaus Schneider muss sich in Hamburg an einen neuen Titel gewöhnen. „Altpräses“ wird der EKD-Ratsvorsitzende hier bei manchen Gelegenheiten etwas spitz genannt. Der Mann an der Spitze der evangelischen Kirche hat in seiner Rheinischen Landeskirche vor wenigen Wochen das Amt des Präses aus Altersgründen abgeben müssen. Seitdem hat Schneider etwas weniger Macht, aber viel mehr Zeit. Gemeinsam mit seiner Frau ist er nach Berlin gezogen. Die Hauptstadt wird auch für die einst durch und durch föderale evangelische Kirche immer bedeutsamer. Weil die Zahl der Kirchenmitarbeiter in Berlin steigt, gibt es dort inzwischen mancherlei Reibungen. Die Verlagerung des Schwerpunkts ist dennoch augenfällig.

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