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Politiker auf Reisen : Das Sommerloch als Wahlkampfpool

  • -Aktualisiert am

Witzigkeit kennt kein Pardon: „Roland Koch kocht für Sie” Bild: dpa

Winken, Hände schütteln, kochen: Seit kaum mehr als zwanzig Jahren gibt es politische Sommerreisen in Deutschland, aber es ist, als seien sie urdemokratisches Brauchtum. Wulf Schmiese über die Geschichte des politischen Tourismus.

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          Wer auf Sommerreise geht, der hat es nötig. Das gilt für Politiker in besonderer Weise: Wem eine Wahl droht, wer schlecht dasteht in Umfragen oder sich auch sonst zu wenig wahrgenommen fühlt vom Volk, der geht auf Werbetour in eigener Sache.

          Kaum mehr als zwanzig Jahre gibt es politische Sommerreisen in Deutschland, aber es ist, als seien sie urdemokratisches Brauchtum: Gabriel, Koch, Müller, Steinmeier, Wulff, Westerwelle, Ypsilanti und wie sie alle heißen im Sommer 2007 - jeder von ihnen verspricht sich dadurch Besserung der eigenen Lage.

          „Roland Koch kocht für Sie“

          An diesem Montag macht sich Hessens Ministerpräsident Roland Koch auf den Weg. Ein Tross von Journalisten wird ihn begleiten und die Lokalpresse erwarten - das ist auf solchen Reisen immer so und wohl das Wichtigste. In Hessen wird im Januar gewählt, und Kochs CDU steht nicht gut da in Umfragen. Die absolute Mehrheit ist danach längst verloren, selbst für ein Bündnis mit der FDP könnte es knapp werden. So ist es schon Kochs zweite Sommerreise in diesem Jahr.

          „Neue Energie für Hessen”: Andrea Ypsilanti und Hermann Scheer

          Die erste unternahm er Mitte Juli als hessischer Ministerpräsident, besuchte „herausragende Beispiele hessischer Wirtschafts- und Forschungstätigkeit“, wie es die Landesregierung kundtat. Nun reist er als CDU-Landesvorsitzender, und es soll weniger amtlich zugehen. Eine „Koch-Tour“ haben sich seine Werbeleute ausgedacht und erfanden ganz gewitzt: „Roland Koch kocht für Sie“. An insgesamt fünf Nudelpfannen wird sich der Regierungschef in Freibädern und auf Sommerfesten rührend um sein Wahlvolk kümmern.

          „Neue Energie für Hessen“

          Während Koch alles in allem eine Woche unterwegs gewesen sein wird, hat sich seine Herausforderin Andrea Ypsilanti weit mehr Zeit genommen. Sie, die hessische SPD-Vorsitzende, will daheim bekannter werden durch sechs hellblau lackierte Tour-Autos, auf denen jeweils ein feuerrotes Y prangt. „Neue Energie für Hessen“ ist ihr Slogan, der Sinn ergeben soll, weil die Y-Karawane von Windkraftpark zu Windkraftpark fährt, Solardächer anschaut, bei Biogasanlagen einkehrt und zum krönenden Abschluss nach drei so ereignisreichen Wochen sogar noch ein Wasserkraftwerk aufsucht.

          Das Programm der diesjährigen „Sommertour des Ministerpräsidenten“ im Saarland klang ähnlich aufregend: „Mit neuer Energie in die Zukunft!“ So hatte es sich Peter Müller ausgedacht, als müsse er, der CDU-Landes- und Regierungschef, dringend selbst aufgeladen werden. Im Juli unternahm er eine „themenorientierte Bereisung der saarländischen Landkreise“, wie die Landesregierung die von der Presse begleiteten Kurzbesuche Müllers in Forschungszentren, Gruben- und Biogasanlagen nennt.

          Die „Küstenreise“, deren Start der FDP-Bundesvorsitzende Guido Westerwelle für Dienstag angekündigt hat, dient ebenso wenig der Sommerfrische. Westerwelle plant neben Ausstellungsbesuchen in Oldenburg und Emden auch Betriebsbesichtigungen, und dass wohl kaum, weil ihn die Meyer-Werft in Papenburg und ein Lack-Zentrum in Aschendorf so anziehen: In Niedersachsen wird ebenfalls im Januar gewählt und die FDP will weiter regieren mit der CDU.

          „Kasperei“ in Safari-Parks

          Deren Landesvorsitzender, Ministerpräsident Christian Wulff, war schon für sich unterwegs. 2000 Kilometer legte er binnen einer Juliwoche zurück und traf nach eigener Schätzung an die 10.000 Menschen. Wulff ging in die Ferien- und Freizeitparks, fütterte kleine Elefanten und ließ sich mit einem Löwenbaby auf dem Arm fotografieren. Als sich das jedoch auf dem Pullover des Ministerpräsidenten erleichterte, hatte sofort Schluss zu sein mit der Knipserei. Aufnahmen von diesem Sommerspaß soll sich Wulff energisch verbeten haben.

          Die Landesopposition hielt Wulffs Sommerreise durch Safari-Parks ohnedies für „Kasperei“, wie Wulffs Herausforderer, der SPD-Landesvorsitzende Wolfgang Jüttner, maulte. „Kängurus und Löwen sind halt beliebter als die SPD“, wehrte sich Wulff. Er hätte auch erwidern können: Ihr habt doch angefangen mit alldem. Denn auch der frühere Ministerpräsident der SPD, Sigmar Gabriel, begab sich jährlich auf Tour.

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