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Politikberatung : Akademie der Skandale

  • -Aktualisiert am

Boris Berger Bild: picture-alliance/ dpa

Boris Berger war der Berater Jürgen Rüttgers’ - und mitverantwortlich für dessen Misserfolg. Nun berät er wieder: Als Geschäftsführer der „Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik“.

          Boris Berger hatte einen verheerenden Ruf, als er in der Düsseldorfer Staatskanzlei für Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) in der Funktion des Abteilungsleiters „Regierungsplanung“ tätig war. Obwohl Berger erst Anfang 30 war, als Rüttgers 2005 die Landtagswahl gewann, entwickelte sich der frühere Feldjäger schnell zum wichtigsten Berater des neuen Ministerpräsidenten. Rücksichtslos und rüde stellte der „Mann fürs Grobe“ zuweilen gestandene Landesminister in den Senkel, trachtete nach einem System unbedingter Kontrolle. Deshalb herrschten auch in der Staatskanzlei bald Frust, Misstrauen und Unsicherheit, und auf zentralen Posten kam es zu ständigen Wechseln. Nur Berger blieb und machte sich und seinem Chef immer weiter Feinde, statt geschickt Loyalitätspflege zu betreiben. Bald hatte er eine geschlossene Ablehnungsfront gegen sich organisiert. Indem Berger den Zugang zu Rüttgers geradezu eifersüchtig kanalisierte, schnitt er den Ministerpräsidenten von wichtigen Wahrnehmungen ab. Berger ist an zentraler Stelle mitverantwortlich für das strukturelle Scheitern der Regierung Rüttgers nach nur fünf Jahren.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Aufstieg und Fall Bergers sind ein Lehrstück, das der genaueren politikwissenschaftlichen Analyse harrt. Dass Berger, ein promovierter Politikwissenschaftler, nun als Geschäftsführer der neu gegründeten „Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik“ firmiert, ist vor diesem Hintergrund so etwas wie eine ironische Wendung.

          „Eine wunderbare biographische Ergänzung“

          Die Akademie kann mit einer langen Liste von renommierten Unterstützern und Mitwirkenden aufwarten. Dem Kuratorium gehören der ehemalige österreichische Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, die WDR-Intendantin Monika Piel, der DGB-Vorsitzende Michael Sommer oder der Chef des Beamtenbundes, Peter Heesen, an. Bundesminister mit CDU- und FDP-Parteibuch haben dem Vernehmen nach ihre Mitwirkung zugesagt. SPD-Chef Sigmar Gabriel will regelmäßig für Lehrveranstaltungen zur Verfügung stehen. Vorsitzender des Kuratoriums ist Klaus Engel, Chef des Chemieunternehmens Evonik.

          Die wissenschaftliche Leitung des komplett von Sponsoren aus der Wirtschaft finanzierten Instituts liegt bei den beiden Bonner Politik-Professoren Frank Decker und Volker Kronenberg. Der Rektor der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Jürgen Fohrmann, ist Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats. Ehrenamtlicher Präsident und gemeinsam mit Berger der „Erfinder“ der Akademie ist Bodo Hombach, der scheidende Geschäftsführer des WAZ-Medienkonzerns.

          Hombach ersann einst als Johannes Raus Wahlkampfmanager die sehr erfolgreiche Kampagne „Wir in NRW“. Er war nordrhein-westfälischer Minister für Wirtschaft und Mittelstand, Technologie und Verkehr sowie später kurzzeitig Chef des Kanzleramts. Zu Rüttgers pflegte der SPD-Mann engen Kontakt. Schon seit einiger Zeit hat Hombach einen Lehrauftrag an der Bonner Universität. „Für mich ist es eine wunderbare biographische Ergänzung, Präsident der Akademie zu sein“, sagt Hombach. Obwohl er weit mehr als mancher Professor veröffentlicht habe, sei es ihm nie gelungen, als „Intellektueller“ wahrgenommen zu werden. Als gelernter Fernmeldehandwerker, der an der Abendschule die Hochschulreife erwarb, habe er vielen immer nur als „Strippenzieher“ gegolten. Er freue sich, junge Leute an seiner Erfahrung teilhaben zu lassen.

          Ein nur mit Hilfe praktischer Psychologie zu lösendes Rätsel

          Das an die Universität Bonn angegliederte Institut versteht sich laut Eigendarstellung als „Brücke zwischen der universitären Politikwissenschaft und der politischen Praxis“. Lehrveranstaltungen sollen in einem „Tandem“ aus Wissenschaftlern und Fachleuten aus der politischen, wirtschaftlichen und journalistischen Praxis geleitet werden. Zudem organisiert die Akademie Tagungen und Diskussionsrunden. Unternehmer können sich beraten lassen, nebenbei ihr Netzwerk pflegen oder ihre Mitarbeiter zu Schulungen im praktischen Umgang mit der Politik schicken. Auch ein „Think Tank“ fehlt an der „Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik“ nicht. Zudem soll das Institut, das vier wissenschaftliche Mitarbeiter beschäftigt, praxisbezogene Forschungsarbeit leisten.

          Keinesfalls werde die Akademie eine „Veteranenveranstaltung“ nach dem Motto „Jetzt erzählen wir mal vom Krieg“, sagt Berger. Die Akademie werde sich mit aktuellen Fragen der Politik beschäftigen, so Berger. Auch der „politische Skandal“ werde auf der Tagesordnung stehen. Seine eigenen Düsseldorfer Jahre will Berger aber nicht von Politikwissenschaftlern erkunden lassen. Dabei könnten junge Nachwuchstalente für Politik und Wirtschaft ohne Zweifel viele Lehren aus dem Fall einer jungen Führungskraft ziehen, die über viele wichtige Eigenschaften und Talente verfügt: Berger ist fleißig, entschlossen und hat einen ausgeprägten Instinkt für politische Stimmungen.

          Als Chefplaner von Jürgen Rüttgers arbeitete er aber nicht an einem belastbaren programmatischen Profil des Ministerpräsidenten, sondern setzte auf schnelle Themenwechsel, politische Effekthascherei und die oberflächliche Inszenierung von Rüttgers als „Johannes Rau II.“, was zu chronischen Authentizitätsproblemen führte und den politischen Gegner geradezu einlud, den Ministerpräsidenten bei erster Gelegenheit als „Sozialschauspieler“ zu denunzieren. Berger ist in hohem Maße intelligent, aber nicht intellektuell, als Politikwissenschaftler ist er bisher  nicht durch bedeutende Veröffentlichungen aufgefallen. Es mangelt ihm sogar an grundlegenden Kenntnissen: Legendär ist ein vier Seiten umfassendes Papier, das Berger kurz nach dem Wahlsieg der CDU im Jahre 2005 zu der Frage schrieb, wie Rüttgers am besten zu inszenieren sei. Berger empfahl unter anderem einen Besuch am Grabe von Konrad Adenauer oder „Arnold Gehlens“, die er für Vorgänger Rüttgers’ im Amt des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten hielt.

          Es bleibt ein vermutlich nur mit Hilfe der praktischen Psychologie zu lösendes Rätsel, warum Rüttgers sich so bedingungslos an Berger band.

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