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Der Erfolg der Ökopartei : „Heute ist grün cool“

  • -Aktualisiert am

Auf der Wahlparty der Grünen nach der Landtagswahl in Bayern springen Parteichef Robert Habeck und Spitzenkandidat Ludwig Hartmann ins Publikum. Bild: dpa

Der Politikberater Johannes Hillje analysiert im Interview den Erfolg der Grünen. Er sieht die Themen als großen Erfolgsfaktor, aber auch das jugendliche Auftreten der Parteispitze.

          Sie haben bei der Europawahl 2014 als Wahlkampfmanager der Europäischen Grünen Partei gearbeitet. Welche Rolle spielt der Generationenaspekt im Wahlkampf?

          Wenn man ganz nüchtern die Altersstruktur der Wahlberechtigten betrachtet, stellt man fest: Nur 15 Prozent der heutigen Wahlberechtigten sind unter 30 Jahre alt. Aber etwa 36 Prozent sind 60 Jahre und älter. Das sind die Folgen des demographischen Wandels. Hinzu kommt, dass die Jungen ihr Wahlrecht deutlich seltener wahrnehmen. Unterm Strich: Die Jungen beeinflussen das Wahlergebnis geringfügiger, als es in manchen Analysen nach der Europawahl unterstellt wurde.

          Sind sie als Zielgruppe im Wahlkampf also zu vernachlässigen?

          Keinesfalls, das wäre ein Trugschluss. Die jungen Wähler von heute sind die alten Wähler von morgen. Deshalb laufen CDU und SPD Gefahr, dass sie eine ganze Generation an neuen Wählern verlieren. Junge Wähler werden noch viele Jahre wahlberechtigt sein und die Ergebnisse beeinflussen. Jede Partei muss sie ernst nehmen.

          Vor allem junge Wähler haben bei der Europawahl die Grünen gewählt. In der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen holten sie 34 Prozent der Stimmen. Warum konnten die Grünen gerade in dieser Altersgruppe punkten?

          Wichtigster Erklärungsfaktor sind die Themen der Grünen. Ihre Kernthemen wie Klimaschutz, eine humane Flüchtlingspolitik, Geschlechtergerechtigkeit oder auch eine klar proeuropäische Haltung deckt sich mit den Interessen und Einstellungen vieler junger Menschen. Es gibt aber auch noch einen wichtigen kulturellen Erklärungsfaktor. Die neue Parteispitze aus Annalena Baerbock und Robert Habeck hat einen jugendlichen Habitus – das kann man an Sprache, Kleidung und Benehmen festmachen. Nach der Landtagswahl in Bayern 2018 hat Habeck den Wahlerfolg mit Stagediving gefeiert. So etwas kennen junge Menschen von Musikfestivals, bei Älteren hat das vielleicht eher zu Stirnrunzeln geführt. Die Partei hatte früher mitunter ein miefiges Öko-Image, heute ist grün cool.

          Johannes Hillje (33) ist Berater für politische und strategische Kommunikation. Zu seinen Auftraggebern zählen unter anderen das Auswärtige Amt und das Europäische Parlament.

          Wieso gelten die Grünen bei den jungen Wählern nicht als Verbotspartei mit Wohlfühlprogramm, wie es ihnen insbesondere von konservativer Seite häufig vorgeworfen wird?

          Das Label als Verbotspartei ist ein Relikt aus dem Bundestagswahlkampf 2013, als die Grünen einen Veggie-Day einführen wollten. Es ist eine Strategie insbesondere von Union und FDP, den Grünen ein solches Image anzuhängen. Innerhalb der Grünen gilt es mittlerweile als großer Fauxpas, wenn man neue Verbote fordert. Man versucht nun eher, am System statt beim Individuum anzusetzen. Außerdem werden Verbote durchaus auch von anderen Parteien gefordert. Manfred Weber warb beispielsweise im Europawahlkampf für ein Plastikverbot. Wenn es um Nachhaltigkeit und Klimaschutz geht, fallen den anderen Parteien auch nicht unbedingt bessere Lösungen ein, als dass bestimmte Konsumgewohnheiten so nicht weitergeführt werden können. Das Image der Verbotspartei passt heute nicht mehr zur Programmatik der Grünen, das merken auch die jungen Wähler.

          Hat das Ergebnis der Europawahl eine Spaltung zwischen den Generationen offenbart?

          Unterschiede im Wahlverhalten zwischen den Generationen sind zunächst nichts Neues. Junge Menschen haben schon immer anders als der Durchschnitt gewählt. Auch die Piratenpartei hatte eine sehr junge Wählerbasis. Wichtig ist: Der Graben verläuft heute nicht etwa zwischen den Unter-und den Über-30-Jährigen. Bis zum Alter von 45 Jahren sind die Grünen stärkste Kraft, darüber wird es die Union. Deutlich absetzen kann sich die Union von den Grünen aber erst bei der Wählergruppe 60 Jahre und älter. Außerdem muss man auch auf andere Gräben hinweisen.

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