https://www.faz.net/-gpf-762nc

Politik und Publizistik : Das Amalgam

Aufnehmen und ausscheiden

Noch mal Niedersachsen: Das eine sind die Schlüsse auf Grundlagen, die es gar nicht gibt. Oder die nicht feststehen. Das andere ist die Selbstverständlichkeit, mit der entgegengesetzte Schlussfolgerungen einem Wahlergebnis abgesaugt wurden, das erst so und dann anders aussah. Den Ausschlag gaben ein paar hundert Stimmen. Es liegt nun einmal auf der Hand, dass man aus der Entscheidung so weniger Wähler keine gravierenden Schlussfolgerungen ziehen kann. Man kann sagen: so ein Wahlergebnis ist Schicksal - für die Sieger wie die Besiegten. Es ist nicht möglich, schlüssige Begründungen dafür zu geben, welche Strategie oder Taktik welcher Partei und welche Person an welcher Spitze da auf welche Weise das Ergebnis in nennenswerter Weise bestimmt hat, einfach, weil ungeachtet all dieser Argumente das Ergebnis mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit (ja, der geringe Stimmenunterschied erhöht sie!) ebenso gut anders hätte ausfallen können.

Das war aber ein Sonderfall. Wo liegt dessen Relevanz? Ein Gedankenspiel: Was wäre, wenn die erste Vermutung, dass es für die schwarz-gelbe Koalition in Hannover langen würde, sich schließlich auch als zutreffend herausgestellt hätte? Wären dann die Analysen richtig gewesen, die später so eilig kassiert werden mussten? Natürlich nicht.

Und was, wenn ein Wahlergebnis, wie meistens, ziemlich schnell und ziemlich eindeutig feststeht, wenn der Abstand der Lager nicht knapp ist, es keine Zitterpartie gibt? Stimmen die Begründungen, die Politiker und Publizisten abgeben, wenigstens dann?

Es gibt wenig Grund zu dieser Annahme. Es fällt dann nur nicht so auf. Die meisten dieser Erklärungen und Begründungen nach Wahlen sind so wie das Beispiel mit der Zweitstimmenkampagne: Im Kern handelt es sich um politische Forderungen, die als Sachverhaltsfeststellungen verkleidet sind. Oder um Legitimationsbotox für Falten in der Autorität. Unterm Strich ist egal, ob diese Deutungsmuster von Leuten in die Welt gesetzt werden, die das bewusst tun, oder von solchen, die es einfach nachplappern (also bloß aufnehmen und ausscheiden). Wahlergebnisse sind in aller Regel für die Fragen, die mit ihrer Hilfe beantwortet werden sollen, nicht aussagekräftig. Die Wirklichkeit ist kein Labor.

Selbst wenn Wahlergebnisse deutungsabhängige Prognosen zu bestätigen scheinen, kann das dramatisch täuschen. Weil nämlich auch jemand mit falschen Argumenten recht bekommen kann. Zum Beispiel der Regenmacher. Er tanzt, es regnet. Der Regenmacher behauptet und glaubt vielleicht sogar daran, sein Tanz habe den Regen verursacht. Seine Indianer glauben es auch und untermauern es mit Geschichten. Das ist das Amalgam. Regen kann der Regenmacher trotzdem nicht machen. Aber solange keiner das sagt, sind Regenmacher mächtig.

Weitere Themen

Topmeldungen

Rupert Stadler sitzt in München im Gerichtssaal.

Früherer Audi-Chef : Mit der S-Klasse zum Gericht

Rupert Stadler hat eine neue Rolle: Er muss sich im Diesel-Prozess verantworten. Früher, in seiner Rolle als Vorstandschef der prestigeträchtigen VW-Marke Audi, fand er mehr Gefallen an öffentlichen Auftritten.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.