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Polit-Pensionäre : Die Front der „alten Säcke“

Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

Ob Roman Herzog, Norbert Blüm oder Hans-Olaf Henkel: Eine ganze Heerschar rüstiger Pensionäre aus Politik und Wirtschaft hat sich aufgemacht, dem Land auf die alten Tage ihren Stempel aufzudrücken. Abwählen kann man sie nicht.

          5 Min.

          Gerade war Hans-Olaf Henkel in Dubai. Ein Großinvestor will in eine Nanotechnik-Firma einsteigen, an der er beteiligt ist und in der „emeritierte Professoren zu großer Form auflaufen“, berichtet Henkel in seiner Wohnung über den Dächern Berlins. Auf dem Weg vom Persischen Golf hat der ehemalige Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) schnell in Hamburg einen Stopp eingelegt, um an einer Fernsehsendung teilzunehmen. Am Abend muss der Sammler chinesischer Gegenwartskunst in den exklusiven „China-Club Berlin“. Am nächsten Tag wird er wieder in der Hansestadt sein, um bei einer Bootsfahrt auf der Elbe über Umweltschutz zu sprechen.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Das Telefon klingelt. Ob Henkel übermorgen an einer Runde bei „Phoenix“ über Afrika teilnehmen kann. Klar kann er. Ist zwar keine wichtige Talkshow, sagt er. Aber Henkel muss den Zuschauern klarmachen, dass Globalisierung eine klasse Sache ist. „Von morgens bis abends bin ich an der Aufklärung der Bevölkerung beteiligt“, sagt der 67 Jahre alte ehemalige IBM-Manager. „Ich lasse keine Gelegenheit aus, meine Meinung zu sagen.“ Und: „Wenn es mehr Leute gäbe wie mich, brauchte ich nicht so oft aufzutreten.“

          Front der „alten Säcke“ ist auf dem Vormarsch

          Norbert Blüm ist anders. Der ehemalige Arbeitsminister von der CDU sitzt nicht in einem Penthouse an der Friedrichstraße und nicht in sieben Aufsichtsräten wie Henkel. Den Bundestag hat Blüm, heute 72, vor fünf Jahren verlassen. „Man muss wissen, wenn man geht, dann ist es auch vorbei“, sagt er. Vorbei ist allerdings auch für Blüm nichts. Er schreibt Bücher wie Henkel, nimmt an Talkshows teil, gibt selbst der fundamentalistischen Internetseite „muslim-markt“ ein Interview. Nun spielt er Kabarett zusammen mit dem Tatort-Kommissar und Linkspartei-Sympathisanten Peter Sodann.

          Henkel stellt sein neues Buch vor
          Henkel stellt sein neues Buch vor : Bild: dpa

          Dass die Kritiker den Auftritt verspotten, ärgert Blüm. Er will, wie Henkel, viel bewegen, nur in die andere Richtung. Die Vertreter der Arbeitgeberverbände bezeichnet er als „Wahnsinnige“, dem Neoliberalismus verfallen. „Natur, Familie, Freiheit, Selbstbestimmung - alles wird der Flexibilität und der Mobilität geopfert“, klagt er. Deshalb muss er, „auch als alter Sack“, weiter mitmischen. „Wenn Sachen, für die ich einmal gekämpft habe, geschleift werden, dann würde ich mich als Verräter fühlen, wenn ich nichts sage“, begründet der ewige Sozialpolitiker seinen Kampf gegen die Riester-Rente und andere Übel der Gegenwart. „Da musst du noch einmal an die Front gehen.“

          Die Front der „alten Säcke“ ist in Deutschland auf dem Vormarsch. Es sind nicht nur die „elder statesmen“, wie der allgegenwärtige Kettenraucher und Altkanzler Helmut Schmidt, 88, FDP-Denkmal Hans-Dietrich Genscher, 80, oder Bundespräsident a.D. Richard von Weizsäcker, 87. Nein, eine ganze Heerschar rüstiger Polit-Pensionäre hat sich aufgemacht, dem Land auf die alten Tage ihren Stempel aufzudrücken. Ihre neue Freiheit nutzen sie, um das zu sagen, was sie schon immer loswerden wollten. Dabei beschränken sie sich nicht auf das Schreiben von Büchern, meist aus belanglosen Erinnerungen und flotten Polit-Thesen zusammengeschustert, nicht auf Talkshows, Reden und Interviews. Schon längst haben die einstigen Spitzenleute aus Politik und Wirtschaft allerlei Initiativen, Bündnisse und Vereine gegründet, um gezielt Einfluss auszuüben.

          Das Durchschnittsalter beträgt 68,5

          Die bekannteste Organisation ist ein Kind Henkels: der „Konvent für Deutschland“. Zwölf Herren und zwei Damen wollen durch ihn schlicht „das politische Entscheidungssystem Deutschlands verändern“, wie Henkel sagt. Von Roland Berger bis Erwin Teufel, von Otto Graf Lambsdorff bis Jutta Limbach, von Wolfgang Clement bis Monika Wulf-Mathies reicht der Reformer-Kreis. Als „Rat der Weisen“ sieht Henkel seine Schöpfung, die vom früheren Bundespräsidenten Roman Herzog, 73, geführt wird. Das Durchschnittsalter beträgt 68,5 - den Schnitt drückt nur der grüne Oberliberale Oswald Metzger, 52, das Küken. Henkel hatte seine Konvent-Idee schon 2002 Edmund Stoiber verkaufen wollen, als der Kanzlerkandidat der Union war. Aber Stoiber begeisterte sich so wenig dafür wie ein Jahr später Gerhard Schröder. Heute, sagt Henkel, bedaure Schröder, dass er den Vorschlag nicht angenommen habe.

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