https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/polen-in-deutschland-die-unsichtbaren-nachbarn-13599176.html

Polnische Einwanderer : Die unsichtbaren Nachbarn

  • -Aktualisiert am

Gegen den Erfolgsdruck: Piotr Mordel vor dem Club der polnischen Versager in Berlin-Mitte Bild: Matthias Lüdecke

In Deutschland leben etwa zwei Millionen Polen. Sie arbeiten als Pfleger, Handwerker oder Anwälte. Viele von ihnen folgten lange Zeit der Devise: Bloß nicht auffallen. Doch das ändert sich nun - mit phantasievollen Ideen.

          7 Min.

          Um das „Vater Unser“ auf Polnisch zu sprechen, braucht man eigentlich einen anderen Kiefer. „Ojcze nasz, ktorys jest w niebie. Swiec sie Imie Twoje.“ Die Gemeinde betet laut und mit Kraft. „Przyidz Krolestwo Twoje, Badz wola Twoja, jako w nieb...“ Magdalena stockt. Noch einmal. „Niebi ...“

          Mona Jaeger
          Stellvertretende verantwortliche Redakteurin für Nachrichten und Politik Online.

          Magdalena verschluckt sich fast. Sie bekommt das „im Himmel“, polnisch „w niebie“, einfach nicht heraus. Dann klappt es doch: „Jako w niebie tak i na ziemi.“ Aber die Gemeinde ist längst weiter, und Magdalena schlägt die Augen nieder. So weit ist es also gekommen, wird sie nach der Messe sagen. Sieben Jahre in Deutschland, und ihr bleibt der polnische Himmel im Halse stecken.

          Dabei bezeichnet sich Magdalena als gute Christin, sie war es früher in Polen, und sie ist es heute in Deutschland. Als sie die Herz-Marien-Kirche im Frankfurter Süden an diesem Sonntag betreten hatte, fiel sie auf ihre Knie, schlug das Kreuz, schloss die Augen. Minutenlang. Von den Steinfliesen kroch die Kälte unter ihren Rock. Aber Magdalena wollte nicht nur zu Gott beten, sie wollte ihn auch spüren.

          In Polen war die katholische Kirche für Magdalena ein Ort der Andacht gewesen, in Deutschland ist sie außerdem eine Art Marktplatz geworden, wo Geschichten, Gerüchte und Witze verbreitet werden. „Ich habe mich erst fremd gefühlt in diesem Land“, sagt Magdalena in sehr gutem Deutsch, „aber als ich die Gemeinde entdeckt habe, wusste ich: Hier kannst du gut leben.“

          Bis zu zwei Millionen Polen in Deutschland

          So scheinen es auch viele andere zu sehen, bei der polnischen Messe ist kein Platz mehr frei, die Menschen stehen neben und hinter den Bänken, einige sogar im Flur. Als das Amen gesprochen und der Segen gespendet sind, stehen sie noch eine Weile in der Frühlingssonne und quatschen auf Polnisch. Da sind Fliesenleger und Lastwagenfahrer, aber auch Anwälte und Architekten. Auf den ersten Blick haben sie nicht viel gemeinsam. Aber sie haben alle irgendwann einmal ihre Heimat verlassen, mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Mit Freiheit und Wohlstand.

          Die deutschen Behörden nannten sie Spätaussiedler, politische Flüchtlinge, Saisonarbeiter oder Arbeitsmigranten. Über die Jahrzehnte kamen viele Menschen aus Polen, bis zu zwei Millionen sollen heute in Deutschland leben. Die deutschen Behörden bezahlten ihnen Sprachkurse und vermittelten ihnen eine Wohnung. Die Polen dankten es ihnen und fügten sich ein in die deutsche Gesellschaft. Viele sprachen nun nur noch zu Hause Polnisch, strichen ein paar Konsonanten aus ihrem Namen und trennten den Müll. Manche Polen wurden deutscher als die Deutschen.

          Arbeitsmigration : Immer mehr Polen wandern aus

          Auch Magdalena ist so eine. Sie ist in Krakau geboren, eigentlich Grundschullehrerin, pflegt jetzt aber alte Menschen fast rund um die Uhr, bis sie sterben. „Es ist nicht meine Traumarbeit, aber ich verdiene ganz ordentlich.“ Sie fährt einen Golf, ihre beiden Kinder lernen je ein Instrument. Es ist ein gutes, aber ein unauffälliges Leben. Magdalena steht in der Frühlingssonne und sagt: „Wir Polen sind ein bisschen unsichtbar. Wir sind wie Menschen ohne Schatten.“

          Unsichtbar. Ohne Schatten. Polen und Polnischstämmige sind nach den Türken die zweitgrößte Einwanderergruppe in Deutschland, aber das bleibt weitgehend unbemerkt. Vielleicht deswegen, weil die Polen ihre Spuren buchstäblich weggewischt haben, denn in der Wahrnehmung vieler Deutschen waren die Polen meistens eines: Putzleute. In ihrer Vorstellung schrubbten sie sich einen glänzenden kleinen Wohlstand herbei, fuhren im vollgepackten Fiat Polski ein paar Mal im Jahr über die Grenze, waren fleißig und schlitzohrig. Die Männer trugen in dieser klischeehaften Phantasie Schnurrbärte, die Frauen enge Röcke.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Ruinen der Stadtverwaltung von Ochtyrka, das in den ersten Kriegswochen heftig umkämpft war, in einer Aufnahme vom 26. Juni.

          Patt in der Ukraine : Ein Waffenstillstand brächte keinen Frieden

          Verliert die Ukraine den Krieg, droht ihr ein Schreckensregime wie in dunklen Zeiten des 20. Jahrhunderts. Auch der Westen müsste sich auf viel gefasst machen. Deshalb muss er jetzt mehr Waffen liefern.
          Zelle an Zelle: Solaranlagen sollen auch in Deutschland für immer mehr Strom sorgen.

          Rohstoff für Energiewende : Schmutzige Solarzellen

          In Photovoltaikanlagen steckt ein Rohstoff, der nach Ansicht von Fachleuten in China mit Hilfe von Zwangsarbeit und Kohlestrom gewonnen wird. Das wirft einen Schatten auf den Klimaschutz in Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.