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Plagiatsvorwürfe : Uni Gießen prüft Steinmeiers Dissertation

  • Aktualisiert am

Frank-Walter Steinmeier Bild: AFP

Der SPD-Politiker Frank-Walter Steinmeier hat die Plagiatsvorwürfe im Zusammenhang mit seiner Dissertation als „absurd“ bezeichnet. Das Computerprogramm „ProfNet“, das Plagiate enttarnen soll, zieht derweil Kritik auf sich.

          Nach den Plagiatsvorwürfen gegen den SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier will die Universität Gießen seine Dissertation zügig prüfen. Das Verfahren werde nur wenige Wochen dauern, sagte der Präsident der Universität, Joybrato Mukherjee, am Montag. Steinmeier, der den Präsidenten selbst um eine Überprüfung gebeten hatte, war 1991 an der Universität Gießen mit einer juristischen Dissertation zum Thema „Bürger ohne Obdach: zwischen Pflicht zur Unterkunft und Recht auf Wohnraum; Tradition und Perspektiven staatlicher Intervention zur Verhinderung und Beseitigung von Obdachlosigkeit“ promoviert worden. Er hält die Plagiatsvorwürfe für „absurd“. Die Justus-Liebig-Universität hat deshalb am Montag beschlossen, im Rahmen ihrer standardisierten Verfahren zur Sicherung der guten wissenschaftlichen Praxis den in der Computeranalyse enthaltenen Daten nachzugehen. Zunächst wird die Ombudsperson der Universität eine Vorprüfung vornehmen, danach werden die Kommission zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis und der Promotionsausschuss einbezogen.

          Steinmeier bat außerdem den Präsidenten der Fachhochschule Dortmund um Auskunft, wonach Geld von der Zeitschrift „Focus“ an den Urheber der Vorwürfe, Uwe Kamenz, geflossen sei. Kamenz lehrt Betriebswirtschaft an der FH Dortmund und betreibt in Münster ein „Institut für Internet Marketing“. Die Auskunft auf die Frage dieser Zeitung, ob es sich um eine angemeldete Nebentätigkeit handele, verweigerte die FH Dortmund mit der Begründung, es handele sich um personalrechtliche Details.

          „Wie viele Politiker werden wir gemeinsam erwischen?“

          Kamenz hatte schon nach dem Fall des früheren Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg angekündigt, 1000 Dissertationen von Politikern auf mögliche Plagiate hin zu überprüfen, um die „Plagiate in Deutschland auszurotten“. Er hat dafür ein eigenes Computerprogramm (ProfNet) entwickelt und eine Datenbank mit Doktorarbeiten, wissenschaftlichen Aufsätzen, Büchern und Dokumenten aufgebaut. Im Fall Steinmeier hält Kamenz die „Voraussetzungen für ein Überprüfungs- und ggf. Entzugsverfahren“ des Doktorgrades für gegeben, schreibt er in einer E-Mail an die Universität Gießen. Auf der Homepage seines Instituts heißt es: „Wie viele Politiker werden wir gemeinsam erwischen? Aufgrund unserer Erfahrung werden bei dieser Aktion etwa 20 Bundestagspolitikerinnen und -politiker mit deutlichen Plagiatsindizien finden, die eine Untersuchung der betroffenen Dissertation durch die zuständige Hochschule notwendig machen.“ Der sogenannte Prüfbericht von Kamenz, der die computertechnische Auswertung in einer Synopse wiedergibt, umfasst 279 Seiten. Von einer „Gesamtplagiatswahrscheinlichkeit“ von 63 Prozent ist dort die Rede, die allerdings nicht näher erläutert wird.

          Debora Weber-Wulff, die internationale Medieninformatik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW) lehrt und bei der Internetplattform Vroniplag mitarbeitet, kann diese Angabe überhaupt nicht nachvollziehen. Sie hält den Prüfbericht eher für einen Beleg, „dass die Plagiatssoftware nichts taugt“, als für einen Beweis von wissenschaftlichem Fehlverhalten. Bei einem Vergleich mehrerer Erkennungssysteme durch die HTW hatte die Plagiatssoftware ProfNet nicht gut abgeschnitten. Wer nicht wirklich den Text der Dissertation neben die herangezogenen Quellen lege und dann zähle, könne ein Plagiat nicht beurteilen, sagte Weber-Wulff dieser Zeitung. Plagiatsvorwürfe müssten auf nachprüfbaren Verfahren beruhen. Kamenz habe an alle Universitäten geschrieben, um Geld für die Untersuchung der Dissertationen zu bekommen, danach an alle Dekanate.

          Nach Angaben des „Focus“ hat der Burda-Verlag dem Institut Kamenz’ zwei Mal einen dreistelligen Euro-Betrag als Aufwandsentschädigung für das Digitalisieren von Büchern zukommen lassen, weshalb die Zeitschrift das Erstpublikationsrecht gehabt habe. Die Beträge seien allerdings nicht für die Untersuchung bestimmter Dissertationen vorgesehen gewesen.

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