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Plagiatsvorwürfe : Ohne Anhörung

  • -Aktualisiert am

Die Glaubwürdigkeit von Bundesbildungsministerin Annette Schavan ist beschädigt Bild: dapd

Das Gutachten über die Doktorarbeit Frau Schavans ist bekannt geworden, noch bevor sie dazu Stellung nehmen konnte. Der Fakultätsrat sollte ein weiteres, externes Gutachten einholen, ehe er darüber entscheidet, ob die Ministerin ihren Doktortitel behalten darf.

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          Das Gutachten über die Doktorarbeit von Bundesbildungsministerin Schavan ist vernichtend, die Glaubwürdigkeit als Wissenschaftsministerin beschädigt. Noch nicht entschieden ist, ob die CDU-Politikerin ihren Doktortitel behalten kann. Aber die Entscheidungsspielräume für den Fakultätsrat, dessen Urteil den Ausschlag geben wird, sind deutlich kleiner geworden. Denn das Gutachten ist vorzeitig bekannt geworden.

          Dem niedersächsischen Kultusminister Althusmann (CDU) hatte es einst den Kopf gerettet, dass die Potsdamer Universität bei aller sonstigen Unbeholfenheit wenigstens darauf geachtet hatte, das Gutachten unter Verschluss zu halten. Das ist der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf nicht gelungen. Auch nach sechs Monaten war sie nicht imstande, zu einer Beurteilung einer vor 32 Jahren eingereichten Arbeit zu kommen. Das Gutachten wurde aus dem Promotionsausschuss einer Zeitschrift zugespielt, womöglich verkauft. Wie korrupt muss man als Wissenschaftler eigentlich sein, um derlei Indiskretionen zu begehen?

          Aber das ist nicht die einzige Merkwürdigkeit im Düsseldorfer Überprüfungsverfahren, das im Nachhinein die konzentrierte Arbeit der Universität Bayreuth an der Dissertation des Karl-Theodor zu Guttenberg als geradezu untadelig erscheinen lässt. Sollte das Gutachten von einem einzigen Wissenschaftler stammen, entspräche das nicht den gängigen Verfahrensweisen. Das Vier-Augen-Prinzip, das bei der Beurteilung der Dissertation gilt, muss auch bei der Überprüfung von Plagiatsvorwürfen gelten. Zudem wird die Überprüfung der Vorwürfe in dem Gutachten systematisch mit der Überprüfung der Täuschungsabsicht vermischt. Genau das hatte die Universität Bayreuth im Fall Guttenberg bewusst vermieden.

          Üblich ist auch, den Betreffenden anzuhören. Doch die Universität hat Frau Schavan bisher keine Gelegenheit dazu gegeben. Zuweilen wird das Gewicht der Argumente eben auch aus der Popularität der angegriffenen Person bezogen. Das lässt die Plagiatsvorwürfe gegen Politiker, so berechtigt sie sein mögen, so abgeschmackt erscheinen. Nach dieser Vorgeschichte wäre der Fakultätsrat gut beraten, ein weiteres, externes Gutachten einzuholen, um sein Urteil auf eine breitere Grundlage zu stellen, auch wenn sich das Verfahren dadurch noch mehr in die Länge zöge.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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