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Plagiatsvorwürfe gegen Guttenberg : Übersetzt, gelöscht, vertuscht

Guttenbergs Dissertation wird kritisch unter die Lupe genommen Bild: dapd

Fehlende Quellen, versteckte Übersetzungen, verschwundene Initialen von Autoren: Je mehr Plagiatstellen in der Guttenberg-Dissertation auftauchen, desto sicherer sind sich seine Kritiker: Von Fahrlässigkeit kann keine Rede sein. Mittlerweile ist von über 80 Stellen die Rede.

          Auch wenn Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Doktortitel nicht führen will, bis die Universität in Bayreuth die Plagiatsvorwürfe gegen ihn geklärt hat: Aus der Schusslinie dürfte er damit auch in den nächsten Tagen nicht sein. Immer mehr Stellen werden öffentlich, die er in seiner 2006 eingereichten Doktorarbeit von anderen Autoren abgeschrieben haben soll - viele davon ohne jede Kennzeichnung oder Quellennennung.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Mehr als 80 Stellen listet die Internetplattform GuttenPlag mittlerweile auf - und es werden stündlich mehr. Insgesamt sind bei GuttenPlag derzeit mindestens 76 von 475 Seiten verzeichnet, auf denen angeblich Passagen oder ganze Seiten im Wortlaut von anderen Autoren abgeschrieben wurden.

          Zweifel an „Fahrlässigkeit“ Guttenbergs

          Guttenberg, dessen Doktortitel auf seiner Homepage und der Seite des Bundestages bereits getilgt wurde, plädiert auf „Nachlässigkeiten“ - doch die Art des Abschreibens auf etlichen Seiten in der Arbeit legt nahe, dass diese Argumentationslinie nicht halten sein dürfte. Wie Guttenberg in seiner Dissertation mit fremden Quellen umgeht - so er sie denn überhaupt kennzeichnet -, lässt sich an einer Passage aus einem Sammelband belegen, der - eine offenbar naheliegende Quelle - 2003 in der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung erschien. In diesem findet sich ein Aufsatz mit dem Titel „Europäische Verfassung und Religion“ des Trierer Verfassungsrechtlers Gerhard Robbers, in dem dieser die Frage referiert, ob die amerikanische Trennung zwischen Staat und Religionsgemeinschaften ein Vorbild für Europa sein könne. Auf Seite 402 seiner Arbeit verwendet Guttenberg eine lange Passage des Aufsatzes fast im Wortlaut. Zwar findet sich - im Unterschied zu vielen anderen Stellen im Buch - in einer Fußnote ein Verweis auf Robbers' Text, der sich allerdings nur auf einen einzigen Satz bezieht. „Zu dieser Frage ausführlich G. Robbers“, schreibt Guttenberg in der Fußnote - danach zitiert er Robbers aber weiter über mehrere Absätze im Wortlaut, ohne die Quelle zu nennen. Damit erweckt er den Eindruck, er habe lediglich diesen Satz übernommen, den Rest des Absatzes aber selbst verfasst. Nachlässigkeit sieht anders aus.

          Vorerst kein Doktor mehr: Verteidigungsminister zu Guttenberg

          Einen Satz zitiert, die anderen 30 dafür nicht

          Ähnlich verfährt Guttenberg mit einer langen Passage, die er aus einer Ansprache des früheren Präsidenten des Bundesgerichtshofs, Professor Günter Hirsch, übernimmt. In der Ansprache, die Hirsch am 15. September 2001 in Karlsruhe hielt, heißt es:

          „Europa hat zwar eine eigene Jurisdiktion, den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg, in den jeder Mitgliedstaat einen Richter entsendet. Da jedoch Europarecht von den nationalen Behörden und Gerichten unmittelbar anzuwenden ist und im Kollisionsfall grundsätzlich Vorrang vor nationalem Recht hat, ist jeder nationale Richter auch Gemeinschaftsrichter. Bedenkt man, daß inzwischen mehr als die Hälfte der nationalen Gesetze unmittelbar oder mittelbar auf Europarecht beruht (...)“

          Guttenberg schreibt auf Seite 311f. in nur leicht abgewandelter Form:

          „Die Europäische Union hat zwar mit dem EuGH eine eigene Jurisdiktion, in den jeder Mitgliedstaat einen Richter entsendet. Da jedoch Europarecht von den nationalen Behörden und Gerichten unmittelbar anzuwenden ist und im Kollisionsfall grundsätzlich Vorrang vor nationalem Recht hat, ist jeder nationale Richter auch Gemeinschaftsrichter. Bedenkt man die Anzahl der nationalen Gesetze, die inzwischen unmittelbar oder mittelbar auf Europarecht beruhen (...)“

          Zwar findet sich auch hier eine Fußnote mit einem Verweis auf Hirsch - allerdings in einem vorangegangenen Abschnitt und in völlig anderem Zusammenhang. Die betreffende Passage selbst wird in keiner Weise ausgewiesen. Wirklich ein Versehen, wie der Minister sagt?

          Verräterische Initialen entfernt

          Dagegen spricht vor allem eine andere Stelle der Dissertation, in der Guttenberg eine lange Passage aus einem Arbeitspapier des Politik-Professors Stefan Schieren übernimmt. Das Papier aus dem Jahr 2002 wird an keiner Stelle der Arbeit erwähnt. Dafür entfernte Guttenberg in einem Zitat die Initialen „St.S.“, die auf die ursprüngliche Quelle hinweisen könnten. Ein Versehen?

          Einer anderen Form des Plagiats bedient sich Guttenberg derweil auf Seite 237 seiner Dissertation, auf der er sich in einer längeren Passage mit den Amendments in der amerikanischen Verfassung befasst. Die ins Deutsche übersetzte Passage entspricht fast wörtlich einem Papier mit dem Titel „Proposing a Constitutional Amendment“, das 2004 vom Archiv des amerikanischen Kongresses zusammengestellt wurde. Korrekte Quellenangabe: Fehlanzeige. Sogar die Fußnoten aus dem amerikanischen Original übernimmt Guttenberg eins zu eins.

          Abgeschrieben bei Kirchhof

          Selbst ein Vortrag des Verfassungsrechtlers Paul Kirchhof taucht in der Dissertation ohne Quelle auf. Kirchhof hielt den Vortrag mit dem Titel „Die Gewaltenbalance zwischen staatlichen und europäischen Organen“ am 25. Mai 1998 an der Humboldt-Universität in Berlin. Auf Seite 331f. seiner Arbeit übernimmt Guttenberg eine umfangreiche Stelle aus dem Aufsatz nahezu im Wortlaut. Auf der Seite findet sich zwar ein allgemeiner Verweis auf den Autoren - als Zitat ist die Stelle aber nicht ausgewiesen.

          Die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg, sie liest sich über weite Strecken wie ein Who-is-Who des deutsch-amerikanischen Wissenschaftsbetriebs. Gemessen an den Autoren, derer sie sich bedient.

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