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Plagiatsaffäre : „Schavan nicht wegen Plagiats vorverurteilen“

Scheitert Annette Schavan an der eigenen moralischen Messlatte? Bild: dapd

Bei den Plagiatsvorwürfen gegen Annette Schavan mahnt der Präsident des Hochschulverbands zu sorgfältiger Prüfung. Die SPD sieht für die Bildungsministerin besondere Maßstäbe.

          Vor Vorverurteilungen im Falle der Plagiatsvorwürfe gegen Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Kempen, gewarnt. Es gelte jetzt, die Untersuchung des Promotionsausschusses der Philosophischen Fakultät in Düsseldorf abzuwarten, sagte Kempen dieser Zeitung. Er verwies darauf, dass der Deutsche Hochschulverband gemeinsam mit den Vertretern der unterschiedlichen Fächer, mit den Fakultätentagen, ein Papier zu den Regeln und Maßstäben wissenschaftlicher Qualifikationsarbeiten vorbereite. Für alle Fächer gelte, dass sauber zitiert werden müsse und sich Studenten oder Doktoranden nicht mit fremden Federn schmücken dürften. Die Zitiertechniken unterschieden sich allerdings erheblich, und zwar nicht nur zwischen Geistes-, Natur- und Rechtswissenschaften, sondern auch innerhalb der Geisteswissenschaften selbst.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Kempen, der die Bologna-Politik der Bildungsministerin mehrfach hart kritisiert hat und nicht zu ihren Anhängern gehört, hält es für notwendig, die Eigenleistung der gesamten Arbeit ins Verhältnis zu setzen zu den auf der Internetplattform „Schavanplag“ als mangelhaft angeprangerten Zitaten. Er sei überzeugt davon, dass der Promotionsausschuss die inkriminierten Stellen sehr sorgfältig prüfen werde, und warnte davor, die Promotion insgesamt in Misskredit zu bringen. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass Dissertationen durch Abschreiben entstünden.

          Die Grenze zwischen Paraphrase und Plagiat

          Einigkeit herrscht unter Wissenschaftsvertretern darüber, dass die mit der zweitbesten Note „magna cum laude“ bewertete erziehungswissenschaftliche Arbeit von Frau Schavan mit bisherigen Plagiatsfällen wie der Arbeit zu Guttenbergs, der seitenweise nahezu wörtlich abgeschrieben hatte, aber auch mit der Dissertation des niedersächsischen Kultusministers Bernd Althusmann (CDU) nicht vergleichbar ist. Konkret geht es um die Grenzen zwischen Paraphrase, wissenschaftlichem Referat und Plagiat. Frau Schavan wird vor allem vorgeworfen, dass sie Primärquellen wie Texte Sigmund Freuds, die sie möglicherweise in der Sekundärliteratur gelesen hat, nur mit der Primärquelle zitiert, nicht jedoch immer die Autoren textähnlicher Darstellungen in der Sekundärliteratur. Sie erwecke den Anschein, Freud selbst gelesen und zusammengefasst zu haben, obwohl sie auf die Darstellung eines Forschers zurückgegriffen habe. Die Betreiber der Internetplattform „Vroniplag“ hatten sich mit knapper Mehrheit gegen eine Veröffentlichung entschieden, weil ihnen die fragwürdigen Stellen in Frau Schavans Dissertation nicht gewichtig genug erschienen. Einer der überstimmten Plagiatsjäger hatte daraufhin 46 Seiten mit fragwürdigen Textstellen ins Netz gestellt.

          Derweil hat der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion Oppermann Frau Schavan aufgefordert, ihr Schweigen zu brechen. „Für Frau Schavan als Bildungsministerin gelten besondere Maßstäbe. Sie hat Vorbildfunktion für alle Studierenden in Deutschland.“ Die Ministerin müsse daher das größte Interesse daran haben, dass alle Vorwürfe um ihre Doktorarbeit schnell aufgeklärt werden. Die wissenschaftspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Krista Sager, wies darauf hin, dass Plagiatsfachleute die Doktorarbeit von Frau Schavan als Grenzfall bewertet hätten. Die Universität Düsseldorf müsse sich nun die Arbeit genau anschauen.

          „Todeskuss“ für zu Guttenberg

          Scharfe Kritik an der früheren baden-württembergischen Kultusministerin Schavan äußerte der Landesvorsitzende der Jungen Union in Baden-Württemberg, Nikolas Löbel. „Natürlich gilt auch für Frau Schavan die Unschuldsvermutung. Aber eine scheibchenweise Wahrheit ist keine Wahrheit. Und derzeit mauert die Ministerin“, sagte Löbel dieser Zeitung. Die Ministerin habe im Fall Guttenberg die moralische Messlatte sehr hoch gelegt, daran müsse sie sich nun halten, schließlich sei ihre Kritik an Guttenberg als „Todeskuss“ für den Minister gewertet worden. Der Vorsitzende des JU-Bezirksverbandes Nordwürttemberg, Björn Hannemann, wurde in einer internen Diskussion noch deutlicher: „Die Häme innerhalb der Partei ist schon groß, und der Rückhalt für Schavan innerhalb der Partei schwindet fortschreitend.“

          Die Junge Union hatte sich nach der verlorenen Landtagswahl 2011 für einen Erneuerungsprozess der Südwest-CDU ausgesprochen, sich vom früheren Ministerpräsidenten Stefan Mappus distanziert und eher Sympathien für dessen Vorgänger Günther Oettinger bekundet, der einst der innerparteiliche Gegner von Frau Schavan war. Als fraglich gilt auch, ob Frau Schavan abermals für die Bundestagswahl 2013 als Kandidatin für den Wahlkreis Ulm nominiert werden wird. „Ihr Politikverständnis ist präsidial, sie kommt zwar vorbei, aber kümmert sich nicht“, heißt es im Landesverband. An diesem Montag spricht die Ministerin in Langenau. Thema ihres Vortrags: „Aktuelle Themen der Bundespolitik“.

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