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Plagiatsaffäre Schavan : Cui bono?

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Geradezu leidenschaftliche Unterstützung mobilisierten Wissenschaft und Kirchen: Amtierende und vergangene Vorsitzende der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die Spitzen der Helmholtz-Gesellschaft, der Charité, der Humboldt-Stiftung, Wolfgang Huber und Kardinal Lehmann, das Zentralkomittee der Deutschen Katholiken, alle, alle beeilten sich, der Forschungsministerin beizuspringen. Im Gegensatz zu den Guttenbergs, Koch-Mehrins und Chatzimarkakis, denen bisher Plagiate vorgeworfen wurden, ist Frau Schavan mit der Wissenschaftsgemeinde beruflich verbunden und persönlich bekannt. Sie bestimmt über die Vergabe von Mitteln und über Karrieren. Sie ist eine engagierte Ministerin, hat den Etat für Bildung und Forschung stetig vergrößert und einen direkten Draht nach ganz oben, zur Kanzlerin. „Ich werde kämpfen“, hatte Frau Schavan gesagt, „das bin ich mir schuldig, und das bin ich der Wissenschaft schuldig.“

„Sie ist kein Guttenberg“

Die Argumente, mit denen Schavan exkulpiert wird, lassen dann auch aufhorchen. Da heißt es, zur Zeit von Schavans Promotion Anfang der achtziger Jahre hätten andere Maßstäbe gegolten. Als sei es damals üblich gewesen, ganze Sätze abzuschreiben, ohne diese als Zitate zu kennzeichnen. Oder es wird in Zweifel gezogen, ob ein Judaist überhaupt in der Lage sei, eine erziehungswissenschaftliche Arbeit zu beurteilen. Als ginge es darum, die Arbeit inhaltlich zu beurteilen. Zudem gibt es in der Plagiatsgeschichte inzwischen so etwas wie die Gnade der späten Entdeckung. Denn schließlich reicht niemand an den Großmeister Karl-Theodor zu Guttenberg heran. Verglichen mit dem Erfinder der werkumspannenden Collagetechnik, sind alle später entdeckten Zitierrabauken Waisenmädchen. „Sie ist kein Guttenberg“, gehört deshalb zum Standardargument der Verteidiger. Und wahrlich: Das ist sie nicht. Aber Frau Schavan hat Dutzende Male Zitate nicht ausreichend gekennzeichnet, so dass abgeschriebene Gedanken als eigene erscheinen. Meist nennt sie die Quelle mit Bezug auf einen einzigen Satz, während sie eine weit größere Passage wörtlich oder geringfügig abgewandelt übernommen hat. Drei Werke, aus denen sie sich bedient, werden im Literaturverzeichnis gar nicht erwähnt.

Fast scheint es, als gälten für die Bildungsministerin dank der Unterstützung der Zunft nicht strengere, sondern weniger strenge Maßstäbe als für andere Politiker unter Plagiatsverdacht. Dabei werden ihr auch Umfang und Anspruch ihrer Dissertation zugutegehalten. Koch-Mehrin oder Chatzimarkakis, die beide ihre Titel verloren haben, verfassten Schmalspurarbeiten, die aufstrebenden Politikern dazu dienten, ihre intellektuelle Satisfaktionsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Schavans Doktorarbeit ist dagegen das ehrgeizige Opus einer jungen Frau, die als Erste in ihrer Familie eine Universität besuchte. „Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung“ - das ist ein ausuferndes Thema, von dem jeder Doktorvater der jungen Studentin, die zuvor noch nie eine längere wissenschaftliche Arbeit verfasst hatte, eigentlich hätte abraten müssen.

Den rührendsten Beistand erhielt Annette Schavan von ihrem Doktorvater: Es sei, sagte er, doch gar nicht möglich, eine Arbeit über das Gewissen zu schreiben und dabei zu täuschen. Aber wie ist das mit dem Gewissen und der Täuschung? Wie oft täuschen wir uns selbst über die Motivation unseres Handelns? Und vielleicht täuschen sich am allermeisten gerade diejenigen, die sich für besonders aufrichtig, integer und gewissenhaft halten. Guttenberg hielt stets, auch als er schon eimerweise Asche auf sein Haupt streute, daran fest, dass er zwar unverzeihliche Fehler gemacht, aber nie getäuscht habe. Damals sprach Frau Schavan von Scham und brachte so den Minister zu Fall.

Weder dem Verteidigungsminister noch irgendeinem anderen Politiker, dem bisher der Doktorgrad aberkannt wurde, standen die Machtmittel zur Verfügung, über die die Forschungsministerin verfügt. Sie allein hat die Möglichkeit, die von der Wissenschaftsgemeinde geprägte öffentliche Meinung zu beeinflussen. Zudem dürfte es für eine Forschungsministerin nicht allzu schwer sein, dafür zu sorgen, dass eine weitere Stellungnahme nicht zu denselben Schlussfolgerungen kommt wie Professor Rohrbacher. Allein diese Möglichkeit wirft die Frage auf, ob eine Forschungsministerin, deren Doktorarbeit wegen Plagiatsvorwürfen geprüft wird, wirklich im Amt bleiben kann.

Mittlere Begabungen

Die Diskussion um Annette Schavans Dissertation hat keine Absurdität ausgelassen. Offenkundig handelt es sich bei ihrer 1980 eingereichten Arbeit um ein mittleres Produkt einer Disziplin mit überschaubaren wissenschaftlichen Leistungen. Es ist bekannt, dass in der deutschen Erziehungswissenschaft kaum geforscht wird. Den besten Beweis liefert das Fach selbst, das die „empirische Bildungsforschung“ als eigene Richtung ausweist. Na, prima – worin besteht denn dann der Rest?

Annette Schavans Arbeit gehörte zu diesem umfangreichen Rest: im Wesentlichen eine Paraphrase von Texten. Großes Fleißkärtchen. Es ist also absurd, wenn Annette Schavan jetzt findet, sie sei es „der Wissenschaft schuldig“, um ihre Unschuld zu kämpfen. Die Wissenschaft weiß gar nichts von ihrer Dissertation, die ein Verwaltungsvorgang war, aber keiner im Bereich der Erkenntnis. Das wird gern verwechselt, nur weil der Verwaltungsvorgang an einer Universität stattfand.

Der eigentliche Adressat dieser Plagiatsdiskussion ist aber gar nicht Annette Schavan. Der eigentliche Adressat sind die Geisteswissenschaften. Der Befund der Bildungsforscher Heinz-Elmar Tenorth und Helmut Fend lautet, die retouchierten Paraphrasen seien keiner Täuschungsabsicht entsprungen, sondern ein Gattungsmerkmal damaliger, besser: vieler damaliger Dissertationen. Daran ist allein das Wort „damalig“ falsch. Denn nach wie vor pflegen viele Disziplinen eine hohe Toleranz gegenüber Arbeiten, die eigentlich nur im Zusammenfassen anderer Arbeiten bestehen. Und zwar im Zusammenfassen ohne eigenen Gedanken. Typischerweise wird erst gar nicht versucht, ein Problem zu lösen, sondern es gilt, Textmassen zu einem Thema herbeizuschaffen.

Schon das wird dann mitunter ein „Forschungsbericht“ oder ein „interdisziplinärer Ansatz“ – so Schavans Doktorvater – genannt, obwohl es eigentlich nur ein Lektürenachweis ist, bei dem die Bücher aus verschiedenen Fächern stammen. Mit solchen Nachweisen kann man nicht nur in Deutschland promoviert werden. Zugleich erhebt die Wissenschaft den unter solchen Umständen ganz unwahrscheinlichen Anspruch, eine eigenständige Forschungsleistung sei zu erbringen. Sie akzeptiert reine Fleißarbeiten und besteht doch auf Originalität. Woher sie aber nehmen, wenn nicht stehlen? Für mittlere Begabungen mit eisernem Promotionswillen entsteht hier ein Problem. In den Naturwissenschaften würde man ihnen irgendetwas Nützliches aufgeben: eine Messung oder so etwas. In den Geisteswissenschaften hingegen sieht man dabei zu, wie sie sich übernehmen. Die „zeitbedingten“ Schwächen der Annette Schavan sind nur der individuelle Reflex der Überproduktionskrise, in der die Geisteswissenschaften seit Jahrzehnten stecken.

(Jürgen Kaube)

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