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Plagiatoren-Jäger Kamenz : Aufklärer aus dem Wintergarten

Uwe Kamenz macht sich immer wieder angreifbar Bild: dpa

Uwe Kamenz bläst zur Jagd auf Plagiatoren. Medienwirksam macht er auf vermeintliche Schummeleien aufmerksam. Mancher nennt ihn einen „Kopfgeldjäger“.

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          Ob man hier wirklich richtig ist? Die Adresse des „ProfNet Institut für Internet-Marketing e.V.“ lautet Stiftsherrenstraße 4. Aber an dem gelben Stadthäuschen, das sich mitten in Münster hinter die Martinikirche wegzuducken scheint, findet sich weder ein Hinweis auf „ProfNet“, noch auf irgend sonst ein Institut. Nur „Kamenz“ steht auf dem Briefkasten. Der Hausherr sagt entschuldigend, das Schild sei wohl etwas ausgeblichen. Merkwürdig. Uwe Kamenz, der an der FH Dortmund Marketing lehrt, scheint doch sonst so an Bekanntheit zu liegen. Vor sechs Jahren schrieb Kamenz ein populärwissenschaftliches Buch mit dem Titel „Professor Untat. Was faul ist hinter den Hochschulkulissen“. Es ging um Hochschullehrer, die zu wenig oder nur im Nebenverdienst arbeiten, lukrative Gutachten verfassen und ihre Doktoranden ausbeuten.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Auch einem anderen akademischen Phänomen hat sich Kamenz schon vor einiger Zeit zugewandt: den Schummeleien in Doktorarbeiten. Nach der Guttenberg-Affäre vor zwei Jahren sah er seine Chance, auch medial mit der Sache durchzudringen. Er kündigte das Projekt „Plagiatsfreies Deutschland“ an. Wie jede andere Seuche könne man die Plagiatsseuche nur „durch eine flächendeckende Impfung ausrotten“. Kamenz hatte einen konkreten Vorschlag: Es gelte mit Hilfe seines Computerprogramms sämtliche Abschlussarbeiten an deutschen Universitäten auf Plagiate zu überprüfen. Weil aber auch der ambitionierteste Aufklärer klein anfangen muss, bot Kamenz dem Bundesbildungsministerium an, „für einen Betrag von unter 50.000 Euro alle geschätzt 1000 Dissertationen der jetzigen und jemals aktiven Bundespolitiker vollständig auf Plagiatsindizien zu überprüfen“. Das Ministerium ging nicht darauf ein. Kamenz schrieb 400 Politiker an und bat sie, ihm ihre Dissertationen zuzuschicken, um die Arbeiten von studentischen Hilfskräften einzuscannen und dann von seiner Software mit anderen wissenschaftlichen Büchern und Aufsätzen automatisch abgleichen zu lassen. Noch 2011 wolle er eine Rangliste mit 100 Politiker-Dissertationen veröffentlichen.

          Aber dazu kam es dann auch nicht. Die Rückläufe waren zu schlecht. Mühsam musste sich Kamenz die meisten Arbeiten selbst besorgen. Im Internet nahm er einen neuen Anlauf. Er erfand das Projekt „PolDiss Bundestagswahl 2013“. Interessierte sollten ihren ganz persönlichen Politiker-Plagiatsverdacht mitteilen, Vergleichsquellen nennen und „ProfNet“ für den Abgleich mit zehn dieser Quellen „einen Betrag ab 100 Euro“ überweisen. „Aufgrund unserer Erfahrungen werden wir bei dieser Aktion etwa 20 Bundestagspolitikerinnen und -politiker mit deutlichen Plagiatsindizien finden, die eine Untersuchung der betroffenen Dissertationen durch die zuständige Hochschule notwendig machen“, versprach Kamenz vollmundig. Im August plane man die Publikation in einer Zeitschrift.

          „Gesamtplagiatswahrscheinlichkeit“: 89 Prozent

          Auch dazu kam es dann nicht. Die Zeitschrift wartete lieber bis nach der Bundestagswahl. Am 30. September endlich meldete der „Focus“: „Ärger für Dr. Steinmeier.“ Unter Berufung auf Kamenz berichtete die Zeitschrift von umfangreichen Plagiatsindizien und Verschleierungen in der juristischen Abhandlung „Bürger ohne Obdach“, mit der Steinmeier 1991 an der Universität Gießen promoviert worden war. Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion wies die Vorwürfe als „absurd“ zurück. Er sehe einer Überprüfung durch seine Alma Mater gelassen entgehen.

          Kamenz macht sich immer wieder selbst angreifbar. Kritiker werfen ihm vor, vom „Focus“ einen dreistelligen Betrag für seine Arbeit genommen zu haben. Die Plagiatsjägerin und Berliner Professorin Debora Weber-Wulff entdeckte schon vor einigen Monaten zahlreiche Fehler im Prüfbericht, den Kamenz über die Dissertation der mittlerweile zurückgetretenen Ministerin Annette Schavan (CDU) veröffentlicht hatte. Der Essener Kulturwissenschaftler Claus Leggewie warf Kamenz vor wenigen Tagen in dieser Zeitung vor, ein Kopfgeldjäger zu sein und mit fragwürdigen Methoden zu arbeiten, um eine eigene Plagiats-Software zu vertreiben. Auch den Umstand, dass Kamenz per Computer eine „Gesamtplagiatswahrscheinlichkeit“ ermittelt (im Fall Steinmeier sollte sie bei 63 Prozent liegen), kritisiert Leggewie.

          Kamenz bittet freundlich in sein „Institut für Internetmarketing e.V.“. Es entpuppt sich als sein privates Arbeitszimmer. Auf einem Tisch in einem Wintergarten stehen zwei Monitore. Leise surrt daneben der Rechner vor sich hin. Kamenz hat neue Vergleichsliteratur – einen Aufsatz eines renommierten Rechtswissenschaftlers – in seine Datenbank eingepflegt. Nun läuft abermals ein Steinmeier-Abgleich. Die „Gesamtplagiatswahrscheinlichkeit“ sei nur so etwas wie ein Anfangsverdacht. „Es geht um einen Hinweis für Prüfer, ob sie überhaupt mit einer intensiven Plagiatsuntersuchung beginnen müssen oder nicht.“ Die „Gesamtplagiatswahrscheinlichkeit“ setze sich aus drei Elementen zusammen: der Anzahl der Textübereinstimmungen, der Zahl der betroffenen Seiten und der Qualität der Treffer. Alles das könne sein Programm, versichert Kamenz. Um Mängel abzustellen, brauche man jedoch Geld. Aber weder bei der Politik noch bei den Hochschulen dringe er durch. „Oh“, Kamenz gibt sich überrascht. Der Computer hat den Steinmeier-Prüfbericht aktualisiert. Auf einem der Bildschirme steht „Gesamtplagiatswahrscheinlichkeit: 89 Prozent“.

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