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Plagiate : Fremdes Gedankengut

Kopiert, zitiert, Quelle „vergessen”: keine Sache nur des Verteidigungsministers Bild: dpa

Plagiat, Täuschung, Titel und Systemversagen: Abschreiben ist in der Wissenschaft mitnichten ein neues Phänomen. Auch deshalb dürften sich derzeit so viele Wissenschaftler auf das Werk eines Prominenten stürzen - anonym.

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          Wissenschaft bedeutet Abschreiben. Eigentlich natürlich nicht, aber in der Praxis oft schon. Und in Zeiten des Internet mehr denn je. Viele Aufsätze, aber auch Doktorarbeiten und Habilitationsschriften fassen lediglich den Forschungsstand zusammen. Nun ist es gewiss auch eine Leistung, den immens gewachsenen Strom von Veröffentlichungen im Blick zu behalten und in Bahnen zu lenken.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

          Doch fordern die Promotionsordnungen jedenfalls der rechtswissenschaftlichen Fakultäten mehr: So heißt es in der Ordnung der Bayreuther Fakultät: „Die Dissertation muss eine selbständige wissenschaftliche Leistung darstellen und zur Lösung wissenschaftlicher Fragen beitragen. Sie soll zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen führen.“ Die Marburger Fakultät stellt zudem ausdrücklich fest: „Ausschließlich normale Leistungen, insbesondere solche literarischer Berichterstattung, genügen nicht.“ Ferner wird in Bayreuth neben der Erklärung des Bewerbers, dass gegen ihn nicht wegen einer Straftat ermittelt wird, eine „ehrenwörtliche Erklärung“ darüber verlangt, dass er „die Dissertation selbständig verfasst und keine anderen als die von ihm angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt hat“.

          Im Fall einer „Täuschung“ kann die Doktorprüfung nachträglich für nicht bestanden erklärt werden. Im Übrigen richtet sich der Entzug des Titels nach dem Gesetz über die Führung akademischer Grade, das 1939 von der Reichsregierung „beschlossen“ wurde. Dort ist etwa der Entzug für den Fall geregelt, dass sich der Inhaber des Titels durch sein späteres Verhalten der Führung eines akademischen Grades „unwürdig“ erwiesen hat. Man kann sich unschwer ausmalen, dass dieser Begriff auch zur Verfolgung genutzt werden konnte. Heute jedenfalls ist er sehr eng auszulegen, worauf der Stuttgarter Rechtsanwalt Frank Winkeler hinweist. Er hat in erster Instanz erfolgreich einen Physiker der Universität Konstanz vertreten, dem wegen Plagiaten nach Abschluss seiner Doktorarbeit der Titel entzogen worden war.

          „Täuschung über wissenschaftliche Leistung“

          Die Hürden für einen Entzug sind deshalb hoch, weil es hier um einen erheblichen Eingriff geht. Das gilt auch für die „Täuschung“. Es handelt sich um eine Ermessensentscheidung der Promotionskommission, die aber selbstverständlich gerichtlich überprüfbar ist. Viele Entscheidungen gibt es hierzu allerdings nicht. Der Verwaltungsgerichtshof von Baden-Württemberg hat in einer Entscheidung vom 13. Oktober 2008 im Tenor entschieden: „Die nicht gekennzeichnete Übernahme kompletter Passagen aus dem Werk eines anderen Autors in einer Dissertation beinhaltet eine Täuschung über die Eigenständigkeit der erbrachten wissenschaftlichen Leistung. Sofern sie planmäßig und nicht nur vereinzelt erfolgt, kann sie die Hochschule zur Entziehung des verliehenen Doktorgrades berechtigen.“ Zugleich hebt der Verwaltungsgerichtshof hervor: „Auf den Umfang der abgeschriebenen Stellen sowie auf die Frage, ob die Arbeit auch ohne das Plagiat noch als selbständige wissenschaftliche Arbeit hätte angesehen werden können, kommt es grundsätzlich nicht an.“

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