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Plädoyers im Halle-Prozess : Die Abrechnung der Überlebenden

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Der angeklagte Stephan B. sitzt zu Beginn des 22. Prozesstages mit einer Mund-Nasen-Bedeckung im Verhandlungssaal in Magdeburg. Bild: dpa

Zahlreiche Augenzeugen und Hinterbliebenen haben sich der Nebenklage angeschlossen. Ihre Anwälte schildern in ihren Plädoyers, wie sie den Terrorprozess geprägt haben.

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          Nicht der Täter sondern die Überlebenden sollten im Prozess um den rechtsterroristischen Anschlag von Halle eine Bühne bekommen, hatten vor Prozessbeginn deren Anwälte gefordert. Am Dienstag begannen die 21 Vertreterinnen und Vertreter der Nebenklage mit ihren Plädoyers und kamen dabei zu dem Ergebnis, dass dies in den bisher 22 Prozesstagen gut gelungen sei - vor allem dank der couragierten, persönlichen und oft sehr emotionalen Aussagen der Augenzeugen und Hinterbliebenen des Anschlags. Ihnen zollten alle der zehn Nebenklage-Anwälte, die am Dienstag plädierten, tiefen Respekt.

          Verachtung äußerten sie hingegen abermals für den Anschlag. „Sie haben gar nichts bewegt mit ihrer Tat“ rief Anwalt Erkan Görgülü in seinem Plädoyer dem Angeklagten zu. Görgülü vertritt den Vater des vom Attentäter getöteten 20 Jahre alten Kevin S.. Der Attentäter hatte nach eigenen Angaben versucht, möglichst viele Juden und Ausländer zu töten. Am Ende tötete er zwei nicht jüdische Deutsche.

          Auch sonst habe der ausbildungs-, arbeits- und freundelose Junggeselle auf der Anklagebank nichts aus seinem Leben gemacht - anders als der getötete Sohn seines Mandanten, so Görgülü. Der war mit einer geistigen Behinderung geboren worden, lange Zeit, so der Anwalt, sei nicht mal klar gewesen, ob er das Erwachsenenalter überhaupt erreicht. Kevin S. und seine Familie hätten aber nie aufgegeben und dem jungen Mann schließlich seinen Platz in der Gesellschaft erkämpft. Wenige Tage vor seinem Tod erst hatte Kevin S. eine Ausbildung angetreten.

          „Das alles hätten Sie auch gekonnt“, sagte Görgülü dem regungslosen Angeklagten. „Stattdessen saßen Sie in Ihrem Kinderzimmer.“ Der Angeklagte hatte nach seinem Abitur keine weiteren Abschlüsse erreicht, nie gearbeitet und in den Wohnungen seiner Eltern gewohnt. Er hatte seine Tat gefilmt und dabei auch dokumentiert, wie er den wehrlosen und um sein Leben flehenden Kevin S. mit mehreren Schüssen tötete. „Sie haben ihn nicht nur erschossen, Sie haben ihn qualvoll hingerichtet“, so Görgülü.

          Am 9. Oktober 2019 hatte ein Terrorist zunächst versucht, die Synagoge von Halle zu stürmen und ein Massaker anzurichten. 51 Menschen hatten darin grad den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur gefeiert. Der Angreifer scheiterte an der massiven Tür, erschoss daraufhin die Passantin Jana L. und später in einem Döner-Imbiss Kevin S.. Auf der anschließenden Flucht verletzte er weitere Menschen. Angeklagt ist in dem seit Juli laufenden Prozess der 28 Jahre alte Deutsche Stephan B. Er gestand die Taten und begründete sie mit rassistischen und antisemitischen Verschwörungserzählungen.

          Die Bundesanwaltschaft hatte in ihrem Plädoyer Mitte November die Höchststrafe gefordert: Eine lebenslange Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung und die Feststellung der besonderen Schwere der Tat. Der Attentäter habe mit dem Anschlag „uns alle“, die ganze Gesellschaft angegriffen, hatte Bundesanwalt Kai Lohse in seinem Schlussvortrag gesagt, wie auch schon viele andere Amtsträger davor.

          „Wir lassen uns nicht teilen“

          Die Zusammensetzung der 45 Nebenkläger hatte diese vermeintliche Phrase im Prozess mit Leben gefüllt: Junge und alte Menschen hatten sich der Klage angeschlossen, Studenten und Rentner, ein Anthroposoph, ein Taxi-Fahrer und viele mehr. Es sind Menschen mit den verschiedensten Biografien, Berufen, Geburtsorten und Religionen, ein Querschnitt der bunten Gesellschaft Deutschlands. „Wir lassen uns nicht teilen“, sagte der Überlebenden-Anwalt Mark Lupschitz am Dienstag. Mit „wir“ meine er dabei ausdrücklich auch die Betroffenen, die nicht im Verfahren ausgesagt hatten. 79 Zeugen hatten in dem Prozess gesprochen, darunter viele Überlebende.

          Viele der Nebenkläger waren dem Verfahren auch jenseits ihrer Aussagen weite Teile im Gerichtssaal gefolgt. So auch Ismet Tekin, der am Tag des Anschlags im Döner-Imbiss gearbeitet hatte und gerade in diesen zurückkehren wollte, als der Terrorist angriff. Als erster Nebenkläger nutzte Tekin die Gelegenheit, auch selbst das Wort zu ergreifen und dankte unter anderem der vorsitzenden Richterin Ursula Mertens dafür, dass die Überlebenden so ausführlich in dem Verfahren zu Wort gekommen waren. Andere Nebenkläger, die am Dienstag verhindert waren, ließen von ihren Anwälten Erklärungen verlesen.

          Darin warnten Überlebende aus der Synagoge abermals davor, den Antisemitismus in Deutschland zu unterschätzen. Das unterstrich auch Nebenklage-Anwältin Kristin Pietrzyk und erklärte, dass es sich bei dem Angeklagten „mitnichten“ um einen Einzeltäter handele. Zwar habe der Mann den Anschlag allein durchgeführt. Auch habe er nie an Fackelmärschen oder sonstigen herkömmlichen Veranstaltungen von Rechtsextremen teilgenommen. Er habe sich aber jahrelang in rechtsextremen Strukturen im Internet radikalisiert, vorbereitet und bewaffnet. „Nur weil wir nicht sehen, was wir alle kennen, heißt es nicht, dass es nicht existiert“, warnte Pietrzyk.

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