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Gastbeitrag : „Ein Zurück in etwas mehr Alltag ist möglich“

  • -Aktualisiert am

„Die Fallermittler kommen bei der Nachverfolgung der Kontaktpersonen gut hinterher“, sagen Nicolai Savaskan und Christine Wagner vom Gesundheitsamt Neukölln in Berlin Bild: dpa

Brauchen wir wirklich einen noch härteren, noch längeren Lockdown? Der Leiter des Neuköllner Gesundheitsamtes und die Leiterin des dortigen Pandemiestabs glauben das nicht. Sie werben für gezieltere Maßnahmen – und deutlich mehr Schnelltests.

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          Die Coronapandemie ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Erst freuten wir uns, dass das Jahr 2020 endlich vorbei war. Dann landeten wir in 2021 genauso unsanft, wie wir das alte Jahr verlassen hatten, und nun soll es noch einmal härter werden. Nun müssen „die Zügel“ erneut angezogen werden. „Stay home, save lives“ ist das Gebot der Stunde. Und das ist gewiss nicht falsch. Aber was bringt uns eigentlich dazu, nach einem strengeren Lockdown zu rufen?

          Die Zahlen der Kranken auf den Intensivstationen, das ächzende Gesundheitssystem, die vielen Toten. Immer mehr Bilder erreichen uns, geschweige denn all die Zahlen, Inzidenzen, Stufenpläne und Warnampeln. Heruntergebrochen geht es eigentlich nur um eines: das eigene Verhalten. Die Pandemie ist da. Die Fallzahlen werden wir nicht auf null herunterdrücken in den kommenden Wochen, wie auch immer wir nunmehr Kontakte begrenzen. Das Virus ist in der Bevölkerung angekommen.

          Entscheidend ist, wie wir mit dem Virus leben und was unser Lebensstil uns wert ist. Dabei sind die Inzidenzen die Thermometer des gesellschaftlichen Handelns. Inzwischen wissen wir, wie sich das Coronavirus überträgt, wir wissen auch, dass es neue Virusmutanten gibt. Insbesondere die Mutante B.1.1.7 aus Großbritannien ist es, die uns Sorgen bereitet, so dass der Ruf nach noch mehr Isolation verständlich erscheint, obwohl wir aus Untersuchungen wissen, dass das Zuhausebleiben kaum mehr einen Effekt hat, wenn wir unsere Kontakte sowieso schon stark reduziert haben – wie kürzlich veröffentlicht im Wissenschaftsjournal „Science“.

          „Wir staunen über die Berichterstattung über Gesundheitsämter“

          Aber wir haben inzwischen doch auch dazu gelernt. Wir wissen, dass Masken schützen, dass FFP2-Masken besser sind als die chirurgischen, wir wissen, dass die chirurgischen Masken besser sind als die selbst genähten Community-Masken. Wir wissen, dass wir draußen an der frischen Luft vor einer Ansteckung sicherer sind als drinnen, wir wissen, dass wir Abstand halten müssen, dass wir in Innenräumen unbedingt lüften müssen, im besten Falle Außenluftverhältnisse schaffen.

          Dieses Wissen ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Auch ist angekommen, wer wann wo einen Test herbekommt. Die Coronahotline im Gesundheitsamt Neukölln wird von Woche zu Woche weniger genutzt, die Fallermittler kommen bei der Nachverfolgung der Kontaktpersonen gut hinterher. Wir staunen mitunter über die Berichterstattung über Gesundheitsämter. Die Kontaktpersonennachverfolgung funktioniert, Berlin hat seine Prozesse der epidemiologischen Lage angepasst. Wir können innerhalb kürzester Zeit Teams hinzuschalten oder für ihre originären Aufgaben auch wieder entlassen. Morgens starten wir ohne Fallrückständen in der Fallermittlung in den Tag, und das bei einer Inzidenz von etwa 200. Dies ist in Berlin unter anderem durch die stärkere Beteiligung der Quellfälle und Kontaktpersonen erreicht worden, was sich Empowerment der Beteiligten nennt. Mittlerweile findet dieses Vorgehen Niederschlag in den nationalen Empfehlungen des RKI.

          Unser Zuhausebleiben nützt vulnerablen Gruppen nichts

          Die zweite Abwehrsäule ist das Impfen. Hier haben wir für eine EU-weite Impflösung kostbare Zeit verloren, die uns teurer zu stehen kommen wird als der günstige Preis für die EU-Länder. Die Todeszahlen, die wir sehen, sind die Infizierten von vor einigen Tagen, eher von vor einigen Wochen. Sie befinden sich oft auf den Intensivstationen und schaffen es, so traurig es ist, viel zu häufig nicht mehr. Diese Menschen befinden sich bereits dort, für sie arbeiten die Pflegekräfte und Ärzte auf Hochtouren, das wissen wir. Dennoch werden die Todeszahlen uns noch einige Wochen begleiten, so lange, bis wir die vulnerablen Gruppen geimpft haben, so lange, bis wir es schaffen, unser Verhalten und unsere Schutzmaßnahmen so anzupassen, dass wir keine Schlupflöcher für Infektionen mehr zulassen, keine Infektionen mehr in die Pflegeheime hineintragen.

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