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Einstellungen von Jugendlichen : Gut informiert, aber pessimistisch

Verständnis für globale Zusammenhänge: Demonstration von „Fridays for Future“ im September in Berlin Bild: Reuters

Deutsche Jugendliche können globale Probleme besonders gut erklären – aber sie glauben am wenigsten, dass sie etwas dagegen tun können. Das ergab eine Pisa-Befragung in 66 Staaten.

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          Deutsche Jugendliche sehen sich gut über globale Probleme wie den Klimawandel, Umweltschutz und Einwanderer informiert und bekunden hohen Respekt vor Menschen anderer Kulturen. Die Selbsteinschätzungen zeigen aber auch, dass ihr konkretes Interesse, etwas über andere Kulturen zu lernen genauso gering ausgeprägt ist wie ihr Wille, sich aktiv für globale Ziele zu engagieren. Allerdings glauben die 15 Jahre alten Deutschen auch nicht, dass sie die globalen Probleme ändern können. Das geht aus einer Zusatzbefragung zur Pisa-Studie in der Domäne „Global Competence“ hervor, die 2018 erstmals erhoben und am Donnerstag von der OECD vorgestellt wurde. Befragt wurden 3800 Schüler; insgesamt beteiligt waren 66 Staaten, darunter 27 Mitgliedsstaaten der OECD. Für die deutsche Pisa-Auswertung ist das Zentrum für Internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB) unter Kristina Reiss an der TU München zuständig.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Die deutschen Jugendlichen können im Ländervergleich am besten erklären, warum manche Länder mehr unter dem Klimawandel leiden als andere, und ihr Respekt vor anderen Kulturen ist deutlich höher ausgeprägt. Auch die Fremdsprachenkenntnisse liegen bei deutschen Jugendlichen über dem OECD-Durchschnitt.

          Bei der Handlungsfähigkeit allerdings landen sie auf dem letzten Platz einer Rangfolge der Länder. Aussagen wie „Ich kann etwas an den Problemen in der Welt ändern“ stimmen deutsche Jugendliche deutlich seltener zu als ihre Altersgenossen im OECD-Durchschnitt. Möglicherweise, vermutet Kristina Reiss, führe ein hohes Verständnis für die Komplexität der globalen Probleme eher zu der Einschätzung, dass ein einzelner wenig zur Lösung beitragen könne. Eine unterdurchschnittliche Handlungsfähigkeit zeigt sich auch in Österreich, im Vereinigten Königreich und in Frankreich. Die Handlungsmotivation deutscher Jugendlicher ist allerdings auch im Vergleich mit anderen europäischen Nachbarn am geringsten ausgeprägt.

          Hohe Beteiligung am Klimaschutz

          Zugleich zeigen die deutschen Jugendlichen viel positivere Einstellungen zu Aussagen wie jener, Kinder von Einwanderern sollten „dieselben Rechte haben wie jede andere oder jeder andere im Land“. Die Zustimmung zu dieser Aussage ist bei den Schülern aus Familien mit hohem sozioökonomischen Status höher.

          Um die Bereitschaft zu erfassen, sich etwa für den Klimaschutz einzusetzen, sollten sie zu der Aussage Stellung nehmen: „Ich reduziere den Energieverbrauch zuhause (z.B. indem ich die Heizung oder Klimaanlage herunter drehe oder das Licht ausschalte, wenn ich einen Raum verlasse), um die Umwelt zu schützen“.  71 Prozent der Befragten bejahten diesen Satz, allerdings sagten nur 19 Prozent ja zu der Aussage „Ich boykottiere Produkte oder Firmen aus politischen, ethischen oder ökologischen Gründen“. Im OECD-Durchschnitt stimmten dem 27 Prozent zu.

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          46 Prozent gaben an, regelmäßig Internetseiten über internationale gesellschaftliche Themen (Armut, Menschenrechte) zu lesen, während das in Deutschland nur 35 Prozent der Jugendlichen berichteten. 64 Prozent der Jugendlichen im OECD-Durchschnitt informierten sich über Twitter und Facebook über Weltereignisse, in Deutschland waren es 45 Prozent.

          Aufschlussreich ist, dass Jugendliche mit Einwanderungsgeschichte einen höheren Respekt für andere Kulturen und ein größeres Interesse zeigten, etwas über sie zu lernen. Waren die Jugendlichen mit Migrationshintergrund in allen Leistungsvergleichen zum Lesen, Mathematik und den Naturwissenschaften schwächer als die einheimischen, sind sie bei den globalen und interkulturellen Kompetenzen stärker und sensibler. Das ist auch in Österreich, Frankreich und im Vereinigten Königreich so. Allerdings erfahren die Jugendlichen mit Einwanderungsgeschichte das Klima an Schulen als diskriminierender als Jugendliche ohne Einwanderungshintergrund und beklagen sich eher über negative Äußerungen einiger Lehrer zu bestimmten kulturellen Gruppen.

          In Deutschland gilt das vor allem für die Jugendlichen an nicht-gymnasialen Schularten. An den Gymnasien scheint das Schulklima als weniger diskriminierend eingeschätzt zu werden. Das dürfte auch daran liegen, dass viel mehr Jugendliche aus Familien mit Einwanderungsgeschichte (14 Prozent mehr) nicht-gymnasiale Schulformen besuchen. Mädchen geben sowohl in Deutschland, Österreich, dem Vereinigten Königreich und im OECD-Durchschnitt positivere Einstellungen zu gleichen Rechten für Einwanderer an als Jungen und haben ein größeres Interesse, über andere Kulturen zu lernen. Dafür trauen sich die Jungen eher zu, die Aufgaben zu globalen Themen zu lösen, obwohl sie auch nicht mehr darüber wissen.

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