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Pisa-Studie : Kein Grund zur Panik

  • -Aktualisiert am

Die Pisa-Studie 2015 zeigt einige Defizite des deutschen Bildungssystems. Bild: dpa

Die aktuelle Pisa-Studie zeigt zwar einige Defizite Deutschlands, ist jedoch kein Gradmesser für die Qualität des Bildungssystems. Sie sollte schon gar nicht dazu animieren, die ostasiatischen Siegerländer zu imitieren.

          Die Ergebnisse der Pisa-Studie 2015 sind weder Anlass für Jubel noch für Katzenjammer. Es ist Deutschland trotz einer wachsenden Zahl von eingewanderten 15 Jahre alten Jugendlichen und mehr behinderten Kindern in Regelschulen, die mitgetestet wurden, gelungen, den Leistungsstand in Mathe und Naturwissenschaften mit geringen Abweichungen zu halten und im Lesen sogar zu verbessern. Deutschland liegt damit im oberen Mittelfeld und deutlich über dem OECD-Durchschnitt. Es ist allerdings auch nicht gelungen, im Vergleich zu 2006, als ebenfalls Mathematik und Naturwissenschaften im Zentrum standen, substantielle Verbesserungen zu erreichen.

          Viele Befunde früherer Studien bleiben: die Spitzengruppe ist zu schwach, die Anzahl der Risikoschüler viel zu groß. Der Leistungsunterschied zwischen Kindern aus bildungsaffinen Elternhäusern und solchen aus bildungsfernen ist weit größer als im OECD-Durchschnitt, dasselbe gilt für den Leistungsunterschied zwischen zugewanderten und deutschen Kindern. Deutschland muss nicht nur gezielt die Leistungsspitze fördern. Es darf auch nicht bei den Leistungsschwächsten nachlassen. Im Grunde muss die Sprachförderung lange vor Schulbeginn einsetzen und sich bei sprachschwachen Schülern über die Schulzeit fortsetzen. Das ist aber aus Kostengründen nur selten der Fall. Hinzu kommt, dass bis heute unklar ist, wie Sprache als Schlüsselqualifikation schon im Kleinkindalter am effektivsten gefördert werden kann. Kita-Erzieher sind darauf häufig nicht vorbereitet oder selbst nicht sprachsicher.

          Ob es wirklich erstrebenswert ist, die Fachkenntnisse gering zu schätzen, wie die OECD meint, die darauf verweist, dass Google immer schon alles wisse, ist mehr als fragwürdig. Wer nichts weiß, wird nämlich auch im Internet nichts finden und vor allem keine Zusammenhänge herstellen können. Beim Fachwissen sind die deutschen Schüler im Vergleich zu anderen gar nicht so schlecht, ganz offenkundig sind sie darin geübt, dieses auch selbständig anzuwenden.

          Bedenklich ist auch, dass es den weiterführenden Schulen offenkundig nicht gelingt, die Begeisterung für Mathematik und Naturwissenschaften, die es bei den Grundschülern laut Timss-Studie (Viertklässler) noch gibt, aufrechtzuerhalten. Nur die wenigsten Schüler können sich vorstellen, einen naturwissenschaftlichen Beruf zu ergreifen, übrigens weit weniger als im OECD-Durchschnitt und wenn, vor allem Jungs. Irgendwie gelingt es also nicht, im naturwissenschaftlichen Unterricht die Experimentier- und Erkenntnislust wach zu kitzeln.

          Trotz aller Defizite in Deutschland, die ernst genommen werden müssen, ist Pisa kein Leistungsmesser für die Güte eines Bildungssystems. Pisa zeigt allenfalls Trends und erlaubt in ganz bestimmten Testbereichen einen internationalen Vergleich. Es eignet sich übrigens auch nicht dazu, die Siegerländer aus dem ostasiatischen Raum zu imitieren. Die hohen Leistungen dort werden mit einem enormen Druck, viel privat finanzierter Nachhilfe, ohne musische Fächer und zusätzliche Fremdsprachen und nicht zuletzt einer hohen Selbstmordrate unter Jugendlichen erkauft.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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