https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/pilotprojekt-koeln-streitet-ueber-geplanten-muezzinruf-18385949.html

Pilotprojekt : Köln streitet über geplanten Muezzinruf

  • Aktualisiert am

Im Licht in der untergehenden Sonne ragen die Minarette der Zentralmoschee der Ditib (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) vor den Türmen des Kölner Doms in den Himmel. Bild: dpa

Die Moscheegemeinde in Köln-Ehrenfeld will Muslimen eine freie Glaubensausübung ermöglichen. Kritiker betonen jedoch die enge Verbindung zu Ankara und befürchten eine „Machtdemonstration des politischen Islams“.

          3 Min.

          Am Freitag ruft in Köln erstmals der Muezzin öffentlich zum Gebet. An der Zentralmoschee der Türkisch-Islamischen Union (Ditib) im Stadtteil Ehrenfeld werde deren Religionsbeauftragter Mustafa Kader den Gebetsruf um 13.24 Uhr rezitieren. An der Zentralmoschee soll der Ruf wöchentlich für maximal fünf Minuten zu hören sein.

          Zuvor ist Anwohnern das Vorhaben bei einer Informationsveranstaltung erklärt worden. Ditib versicherte dabei am Donnerstag, dass man niemanden „vergraulen“ wolle. „Es ist uns sicherlich daran gelegen, unsere Nachbarn nicht zu stören in ihrem Alltag“, sagte der Ditib-Vertreter Zekeriya Altuğ. Vorgesehen sei eine Lautstärke von etwa 60 Dezibel, das ist etwa so laut wie ein Gespräch. „Es geht nicht darum in 100, 200 Metern Entfernung noch hörbar zu sein“, sagte er. Es gehe darum, dass Muslime das Gefühl bekämen, dass sie ihre Religionspraxis ausleben dürften.

          Die Moscheegemeinde in Ehrenfeld ist die bislang einzige, die im Zuge eines auf zwei Jahre befristeten Modellprojekts der Stadt Köln einen Antrag gestellt hat. Rund zehn weitere haben Interesse bekundet. Der Kölner Muezzinruf ist nicht der erste in Deutschland: In rund 30 Moscheegemeinden ist das bereits üblich.

          Köln betont freie Religionsausübung

          Die Ankündigung der Stadt stieß vor einem Jahr in der Öffentlichkeit auf ein geteiltes Echo. Dass der Gebetsruf hierzulande genauso selbstverständlich zu hören sein sollte wie Kirchenglocken, lehnten drei von vier Befragten in einer Civey-Umfrage im Auftrag des „Bonner General-Anzeigers“ ab. Zwei von drei Befragten (64 Prozent) sagten sogar, dass der Gebetsruf „auf keinen Fall“ auf ähnliche Weise zu hören sein sollte wie christliche Kirchenglocken.

          Die Stadt Köln begründete ihr Vorhaben mit Toleranz und dem Recht auf Religionsausübung, der Islam sei seit vielen Jahren ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft. Oberbürgermeisterin Henriette Reker sprach von einem Zeichen der gegenseitigen Akzeptanz der Religion: „Wenn wir in unserer Stadt neben dem Kirchengeläut auch den Ruf des Muezzins hören, zeigt das, dass in Köln Vielfalt geschätzt und gelebt wird.“

          „Machtdemonstration des politischen Islam“

          Der Berliner Islamismus-Experte Ahmad Mansour bezeichnete den Muezzinruf als „Machtdemonstration des politischen Islam“. Er erinnerte dabei daran, dass die Ditib der verlängerte Arm der türkischen Religionsbehörde in Ankara sei und Präsident Recep Tayyip Erdogan die Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld 2018 persönlich eröffnet habe.

          Diese Sichtweise wies Zekeriya Altuğ von der Ditib am Donnerstag zurück. 70 bis 80 Prozent ihrer Mitglieder seien deutsche Staatsbürger. „Die Auslegung von Freiheit ist keine Machtdemonstration“, sagte er. Auch sei Köln auf dem Gebiet kein „Pionier“. Es gebe in vielen Gemeinden schon öffentliche Gebetsrufe. „Köln ist sogar eher im Mittelfeld, bestenfalls, bei dieser Thematik.“ Sicherlich sei die Stadt aber „symbolisch“ sehr wichtig.

          Verbindung nach Ankara

          Bereits 1996 hatte sich der Rat der Stadt Köln für einen repräsentativen Moscheebau starkgemacht und suchte ab 1999 nach geeignetem Grund für einen Zusammenschluss von zehn lokalen Vereinigungen von Muslimen vor allem aus nordafrikanischen und arabischen Ländern. Doch das Vorhaben geriet ins Stocken. 2001 beantragte dann der Verein Ditib mit eigenem Geld eine Großmoschee zu bauen. Sie positionierte sich mit einem integrativen Konzept einer Großmoschee, die allen Muslimen offen stehen sollte. Der damalige Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) wurde ein zentraler Fürsprecher des Baus, 2003 gab der Stadtrat grünes Licht.

          Den Auftrag für das Gotteshaus mit einer 34,5 Meter hohen Betonkuppel und zwei 55 Meter hohen Minaretten erhielt das Architekturbüro Paul Böhm. Die Präsentation seines Entwurfs 2006 markierte den Auftakt zu massiver Kritik, Demonstrationen und Gegendemonstrationen folgten.

          Ein Entwurf mit reduzierter Fläche erhielt schließlich die Genehmigung, die Höhe der Minarette blieb. 2009 begannen die Bauarbeiten, 2017 wurde der Kuppelsaal mit Platz für 1.100 Gläubige zum ersten Mal genutzt. Im September 2018 folgte die offizielle Eröffnung mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, begleitet von einem Großeinsatz der Polizei, Demo und Gegendemo.

          An dem Festakt nahm kein deutscher Politiker teil. Unterstützer aus Politik und Gesellschaft fühlten sich durch die Erdogan-Einladung brüskiert. Zudem wurde der Ditib vorgeworfen, türkische Oppositionelle in Deutschland im Auftrag von Ankara bespitzelt zu haben. Bund und Land Nordrhein-Westfalen gingen seither auf Distanz. Der Bund fördert keine Ditib-Projekte mehr. In NRW ist die Ditib als größter Moscheeverband aber bei der Gestaltung des islamischen Religionsunterrichts an Schulen in einer begleitenden Kommission vertreten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Lehrer braucht das Land.

          Empfehlung für Kultusminister : Was tun gegen den Lehrermangel?

          Ruheständler weiter beschäftigen, Teilzeit-Stellen begrenzen, größere Klassen: Das sind einige der Empfehlungen für die Kultusminister, um den Lehrermangel in den Griff zu kriegen. Für Lehrer würde das zu erheblichen Mehrbelastungen führen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.