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Muslimische Schüler : „Ich kann nicht in die Freiheit einer Religion eingreifen“

Kommt die Debatte bei den Schülern überhaupt an?

Natürlich. Weil wir die Diskussion im Grundsatz ja auch hier haben. Wir haben an unserer Schule das gesamte Spektrum an religiösen Überzeugungen. Wir haben hier beispielsweise völlig säkularisierte Christen, völlig säkularisierte Muslime oder Menschen, für die Religion überhaupt keine Rolle spielt. Auf der anderen Seite haben wir auch strenggläubige Christen und strenggläubige Muslime an der Schule. Die Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen gleicher Konfession sind schon erhellend. Man beobachtet, dass die streng religiösen Muslime und ihre säkularisierten Glaubensgenossen miteinander diskutieren. Das ist die Auseinandersetzung, die wirklich hart geführt wird und wo man auch merkt, dass sie sich nicht auf die Schule beschränkt. Da geht der Riss auch teilweise durch Familien.

Inwiefern?

Es gibt muslimische Familien, die überhaupt gar kein Problem damit haben, wenn eine 15- oder 16-Jährige sich in einen Klassenkameraden verliebt, ihn mit nach Hause bringt und ihren Eltern vorstellt. Bei anderen ist das ein absolutes Tabuthema. Das wird eher totgeschwiegen, als dass man sich damit auseinandersetzen möchte. Das sind eher die Konflikte, die wir tagtäglich in der Schule haben. Wie gehen Familien damit um, dass ihre Kinder andere Interessen und Werte haben als sie selber? Also keine intellektuellen Debatten über Sexismus, sondern eher lebenspraktische Probleme.

Viele lehnen das Kopftuch ab, weil es angeblich nicht zu unserer Gesellschaft passt. Was sagen Sie, auch mit Blick auf Ihre Schüler, Leuten, die so argumentieren?

Was meiner Meinung nach unheimlich wichtig ist, ist eine Kultur der Anerkennung. Sie ist das A und O. Wenn ein Schüler sich wertgeschätzt fühlt, dann ist er auch bereit, Leistung zu zeigen und Verantwortung zu übernehmen. Er fühlt sich aufgehoben in einer Gemeinschaft und als echter Teil von dieser. Wenn ich einem Schüler aber ständig signalisiere, dass er nicht dazugehört, dass er das oder jenes nicht kann und kein Verständnis für etwas hat, dann wird sich auch seine Bereitschaft, sich auf neue Erfahrungen einzulassen, spürbar reduzieren. Es ist doch kein Zufall, dass die ganzen Leute, die in den letzten Jahren als islamistische Gewalttäter auffällig geworden sind, gescheiterte Existenzen waren. Das waren immer Leute, denen genau das verwehrt wurde. Ich verstehe das nicht. Wir haben in den letzten vierzig Jahren kulturell so viele Kämpfe ausgetragen, in denen es um gesellschaftliche Emanzipation ging, um Befreiung, um das Recht jedes einzelnen auf ein selbstbestimmtes Leben. Die Frage ist doch nicht, ob jemand ein Kopftuch trägt oder einen Nasenring, grüne, gelbe oder gar keine Haare hat. Das ist doch nicht das, worum es hier eigentlich geht. Wenn man mal genauer hinsieht, dann sind die Mechanismen, die bei den rechtsextremen Jugendlichen aus der Uckermark auftreten, genau die gleichen wie bei radikalisierten, jungen, muslimischen Heranwachsenden in den abgeschriebenen Ballungsregionen von Westdeutschland. Sie sind ausgeschlossen. Und dagegen muss man etwas tun.

Das Städtische Gymnasium in Wuppertal-Vohwinkel

Die Schule hat 795 Schüler, davon ist rund jeder vierte muslimisch, 128 haben kein Bekenntnis, die anderen sind christlich getauft. Von den 330 Schülern mit Migrationshintergrund stammen viele aus der Türkei, arabischen Ländern oder Staaten der ehemaligen Sowjetunion.

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