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Muslimische Schüler : „Ich kann nicht in die Freiheit einer Religion eingreifen“

Schülerin mit Kopftuch – an diesem Wuppertaler Gymnasium keine Seltenheit

Wie wird das Thema Schwimmunterricht an Ihrer Schule behandelt? Gibt es den als Teil des Sportunterrichts?

Auf jeden Fall. Unsere frühere Schulleiterin war selber Sportlehrerin und hat von Anfang an durchgesetzt, dass jeder Schüler und jede Schülerin an unserer Schule wirklich an jeder Unterrichtsveranstaltung teilnimmt. Mittlerweile gibt es auch Badebekleidung, die religiösen Glaubensvorschriften entspricht. Damit hat sich diese Diskussion erledigt.

Und das Thema Ramadan? Da passiert es, dass Schüler über den Fastenmonat unkonzentriert sind. Ist das ein Einschnitt in den deutschen Schulalltag?

Wir sind ja hier in der Peripherie des Rheinlandes. Wenn ich mir angucke, wie in Köln und Düsseldorf Karneval gefeiert wird, finde ich das scheinheilig. Da fragt auch keiner, ob das ein unzulässiger Eingriff in den Schulalltag ist. Es sind kulturelle Traditionen, und wenn man als ein weltoffenes Land dazu bereit ist, solche unterschiedlichen Traditionen als Gewinn zu begreifen, dann gehört es auch dazu, dass man bestimmte Sachen in Kauf nehmen muss. Manchmal muss ich als nichtgläubiger Philosophielehrer den Kindern aber auch erklären, was ihre religiösen Rechte und Pflichten eigentlich sind. Das ist mitunter ganz amüsant.

Gibt es da eine klare Altersregelung, wer fasten darf und wer nicht?

Im Islam gibt es klare Regelungen und Ausnahmen. Wir stellen den Kindern aber keine Bedingungen. Das können wir auch gar nicht machen. Das wäre ein unzulässiger Eingriff in die persönliche Religionsfreiheit und damit jedem Schüler und jeder Lehrkraft anheimgestellt. Was man aber sagen muss, ist, dass bei den Kindern und jüngeren Jugendlichen ein hohes Bedürfnis vorhanden ist, in ihrer eigenen religiösen Gemeinschaft den herrschenden Normen und Werten entsprechen zu wollen. Das ist den Schülerinnen und Schülern gerade in der sechsten, siebten und teilweise auch noch in der achten Klasse ganz wichtig. Bevor die Pubertät so richtig zuschlägt, sind viele Schülerinnen und Schüler sehr konformistisch. Sie wollen nicht auffallen, sondern als normales Mitglied in der Gruppe wahrgenommen werden – und für die Muslime gehört das Fasten dazu.

Es gibt derzeit die Debatte, die aus Österreich übergeschwappt ist: Kopftuchverbot für Kinder unter 14 Jahren. Was halten Sie davon?

Wir hatten in NRW ja ein Kopftuchverbot für Unterrichtende, also eine ähnliche Rechtsprechung, wie wir sie in Baden-Württemberg und Bayern auch haben. Diese Rechtsprechung ist gekippt worden. 2015 hat das Bundesverfassungsgericht gesagt, es ist ein nicht zu vertretender Eingriff in die persönliche Freiheit des Beamten, der Beamtin oder desjenigen, der im öffentlichen Dienst beschäftigt ist. Wenn für die Berufsgruppe, die zur weltanschaulichen Neutralität qua Amt verpflichtet ist, ein Kopftuchverbot gekippt ist, sehe ich persönlich keine Grundlage dafür, dass ich in die Religionsfreiheit eines Kindes oder der Eltern eingreifen soll. Wenn es eine religiöse Vorschrift ist, ähnlich wie das Tragen einer Kippa im Judentum oder eines Turbans bei den Sikhs, dann ist es ein eben ein Zeichen für die Ausübung der jeweiligen Religion. Ob das so ist, müssen die religiösen Gemeinschaften entscheiden, nicht ich oder der Gesetzgeber. Dann gibt es religiöse Praktiken wie zum Beispiel Beschneidungen, die deutlich vor der Religionsmündigkeit einsetzen. Daher liegt vor der Religionsmündigkeit der Ball bei den Eltern. Ich kann ja nicht so weit in die Freiheit einer Religion eingreifen, dass ich sage: „Moment mal, die Religionsausübung muss bis zum vierzehnten Lebensjahr warten.“ Ich glaube, kein christliches Elternteil würde dem zustimmen, wenn man sagen würde, wir müssen den Leuten die Taufe verbieten, weil das Kind noch nicht religionsmündig ist. Deswegen stehe ich dem sehr kritisch gegenüber.

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