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Pflege früherer Gastarbeiter : Abteilung „Orient“

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Wo die Schwester arabisch spricht: Im Hamburger Pflegeheim am Husarendenkmal werden muslimische Senioren auf Wunsch in einer speziellen Abteilung betreut. Bild: Henning Bode

Immer mehr frühere Gastarbeiter aus der Türkei und anderen Ländern kommen in ein Alter, in dem sie Pflege benötigen. Doch in deutschen Heimen fühlen sich die Muslime oft unwohl - das hat seine Gründe.

          Einmal, da war Sümer Aksoy so ratlos, dass sie eine wildfremde Frau bat, sie zum Arzt zu begleiten. Ihr Mann Galip, der nach einem Schlaganfall nicht mehr richtig gehen und sprechen konnte, hatte einen wichtigen Termin bei einem Neurologen, und Sümer Aksoy fühlte sich wieder heillos überfordert. Denn die 69 Jahre alte Frau besitzt weder Auto noch Führerschein und spricht wie viele ehemalige Gastarbeiter kaum Deutsch. Doch in ihrem Bekanntenkreis hatte ausgerechnet an jenem Tag niemand Zeit, ihr zu helfen. Das Ehepaar war schon auf dem Weg zur Bushaltestelle, als Sümer Aksoy auf der Straße eine junge Deutschtürkin ansprach und ihre Situation schilderte. Falls diese von der Bitte überrascht war, so ließ sie es sich nicht anmerken. Sie fuhr mit dem Ehepaar in die Praxis, übersetzte und gab ihnen am Ende ihre Telefonnummer, falls sie mal wieder Hilfe brauchten.

          Aksoy, eine rüstige ältere Dame mit sanften hellblauen Augen und Kopftuch auf dem ergrauten Haar, erzählt diese Anekdote, während sie im Wohnzimmer ihrer winzigen Lübecker Altstadtwohnung die vielen Medikamente dosiert, die ihr Mann täglich einnehmen muss. Er sitzt auf dem Sofa, ein zarter, gebrechlicher Mann, und schaut schweigsam auf den Fernseher, in dem gerade eine türkische Talkshow läuft. Galip Aksoy ist 75 Jahre alt, er leidet seit seinem Schlaganfall an Parkinson-Symptomen und hatte auch schon einen Herzinfarkt. Von seinen Sprachstörungen hat er sich nicht erholt, bewegen kann er sich nur unter großer Mühe, er hat chronische Schmerzen und depressive Verstimmungen. Seit ein paar Wochen hat er einen vorläufigen Therapieplatz in einer Tagesklinik der Diakonie, doch dort fühle er sich nicht wohl, sagt seine Frau: „Es gibt da niemanden, der ihn versteht und mit ihm sprechen kann, und er isst nicht genug, weil es nur deutsches Essen gibt.“ Abends sei er immer so froh, wieder zu Hause zu sein, dass sie fast ein schlechtes Gewissen habe.

          820.000 Ausländer über 65 leben in Deutschland

          Wie lange sie es noch schafft, ihren Mann zu Hause zu pflegen, weiß Sümer Aksoy nicht, doch den Gedanken an das, was danach kommt, verdrängt sie. Seit mehr als 40 Jahren leben die Eheleute in Deutschland und standen einen großen Teil davon am Fließband einer Lübecker Verpackungsmittelfabrik. Jetzt, im Alter, fühlen sie sich aufgeschmissen, sagt die Frau: „Wir haben diesem Land unsere besten Jahre geschenkt, jahrzehntelang geschuftet und Steuern gezahlt. Aber in den Kliniken und Krankenhäusern, auf die wir jetzt angewiesen sind, finden wir niemanden, der unsere Sprache spricht und unsere Sorgen versteht.“

          Untypisch ist am Fall von Sümer und Galip Aksoy nur, dass sie keine Kinder haben und deshalb zwangsläufig irgendwann auf fremde Hilfe angewiesen sein werden. In Deutschland leben heute schon etwa 820.000 Ausländer, die älter als 65 Jahre sind, eingebürgerte Einwanderer nicht mitgezählt. Die Generation der ehemaligen Gastarbeiter, die überwiegend muslimischen Glaubens sind, haben in jahrzehntelanger Schicht- und Akkordarbeit im Untertagebau, in Automobilfabriken oder auf Baustellen ihre Gesundheit ruiniert und leiden heute besonders häufig an chronischen Krankheiten. Viele von ihnen können schon heute ihren Alltag nicht mehr allein bewältigen und sind auf Unterstützung angewiesen, aber lassen sich nur ungern von Pflegern mit anderem religiösen Hintergrund betreuen – und in den Pflegeheimen fehlt es an mehrsprachigem Personal und an kultureller Kompetenz.

          Opulenz gegen das schlechte Gewissen: Ein Gebetsraum für Angehörige

          Die islamischen Verbände in Deutschland fordern daher schon seit mehreren Jahren einen muslimischen Wohlfahrtsverband, der neben Altenheimen auch Kindergärten und Jugendeinrichtungen betreiben soll. Der Wunsch nach einem organisierten, professionellen und nach islamischen Werten orientierten Verband nach dem Vorbild von Diakonie oder Caritas war Anfang des Jahres das große Thema der Deutschen Islamkonferenz (DIK). Bei vier Millionen Muslimen in Deutschland sei dieses Anliegen eine Selbstverständlichkeit, findet Samy Charchira, Vertreter des Paritätischen Landesverbandes Nordrhein-Westfalen und Sachverständiger der DIK: „Soziale Arbeit, die auf das muslimische Leben in Deutschland zugeschnitten ist, wäre verfassungsgemäß, denn dass Wohlfahrtspflege auf individuelle Ansprüche zugeschnitten sein sollte, lässt sich aus den im Grundgesetz verankerten Prinzipien der Sozialstaatlichkeit ableiten.“

          Schwieriger Markt

          Besonders im Bereich der Altenhilfe gebe es für Muslime kaum Angebote in Deutschland, und die muslimischen Gemeinden seien nicht in der Lage, die Versorgungslücken zu schließen. Das Problem werde immer gravierender, so Chachira: „Was machen wir mit den Muslimen, die dement werden, die mit zunehmender Erkrankung jeglichen Bezug zu ihrem Einwanderungsland verlieren und komplett in ihre erste Sprache zurückverfallen? Da wird es in Zukunft immer mehr Bedarf geben, auf den wir uns einstellen müssen.“ Ein muslimischer Wohlfahrtsverband, der selbst ausbilde, qualifiziere und Arbeitsplätze biete, würde Muslime in Deutschland von reinen Konsumenten zu Akteuren der Wohlfahrtspflege machen – und damit auch langfristig dem kulturellen Stigma, das der Pflege von Angehörigen durch Fremde anhaftet, entgegenwirken, glaubt Charchira.

          Denn dass sich in der deutschen Pflegelandschaft bisher nur wenige Angebote entwickelt haben, die auf muslimische Senioren zugeschnitten sind, liegt auch daran, dass der Markt äußerst schwierig ist. Das mussten vor ein paar Jahren die Marseille-Kliniken in Berlin feststellen. Das Unternehmen eröffnete 2007 unter großem Interesse der Öffentlichkeit und mit Unterstützung der Türkischen Gemeinde in Berlin das erste Heim für türkische Senioren. Doch mehr als die Hälfte der 150 Plätze in der Pflegeeinrichtung blieben dauerhaft leer, 2012 war das Konzept vollends gescheitert. Das Haus sei von der türkischen Bevölkerung nicht so angenommen worden wie erwartet, hieß es.

          In den meisten muslimischen Familien ist die Pflege von Angehörigen Ehrensache, die Eltern ins Pflegeheim zu geben, gilt als Schande. Ali Rohani kennt solche Vorbehalte aus eigener Erfahrung. Der aus Afghanistan stammende Altenpfleger sitzt in der Gemeinschaftsküche einer speziell für Muslime eingerichteten Pflegeabteilung in Hamburg und redet beruhigend auf eine alte Dame im Rollstuhl ein. An der Wand hängt ein großflächiges Gemälde einer historischen Sufi-Prozession, auf dem Küchentresen dampft ein Samowar, aus dem eine junge, Kopftuch tragende Pflegerin schwarzen Tee in schmale Gläser zapft.

          Hervorragendes Angebot soll schlechtes Gewissen beseitigen

          Ali Rohani ist neben seiner Arbeit im Pflegeheim der Imam einer nahegelegenen afghanischen Moschee und beobachtet in der Gemeinde schon seit Jahren denselben Widerspruch: „Einerseits gibt es großen Bedarf. Viele Menschen, die in den Neunzigern vor dem Krieg in Afghanistan hierher geflohen sind, werden alt und kommen allein nicht mehr klar, aber ihre Kinder leben oft woanders oder sind beruflich eingespannt. Andererseits vermittelt die Gemeinde ihren Mitgliedern noch immer das Gefühl, dass es sich nicht gehört, für die Pflege der Eltern fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen.“

          Alles, nur kein Schweinefleisch: Das Essen liefert ein externer Anbieter.

          In der von ihm mitentwickelten Abteilung „Orient“ im Pflegeheim am Husarendenkmal sollen opulent ausgestattete Gebetsräume, persisch sprechendes Personal und nach muslimischen Vorschriften zubereitetes Essen den Bewohnern Heimatgefühle vermitteln und den Angehörigen das schlechte Gewissen nehmen. Muslimische Bewohner habe es in dem Heim auch schon früher gegeben, erzählt Rohani, aber es habe bei ihrer Betreuung oft geknirscht. Meist seien die Probleme sprachlicher Art gewesen, zudem fehle es Mitarbeitern ohne entsprechenden kulturellen Hintergrund naturgemäß oft an der notwendigen Sensibilität: „Deutsche Pfleger wissen zum Beispiel nicht, dass Muslime keine Speisen essen dürfen, die mit Schweinefleisch auch nur in Berührung gekommen sind. Sie denken, es sei damit getan, die Wurst aus dem Eintopf zu fischen, und wundern sich dann, dass die Leute das Essen nicht anrühren.“

          Besonders bei afghanischen Senioren komme noch ein weiterer wichtiger Aspekt hinzu: „Wir haben hier viele traumatisierte Bewohner, deren Kriegserfahrungen jetzt im hohen Alter wieder hochkommen. Die brauchen viel Zuwendung und Betreuer, die in Ruhe zuhören können.“ Zudem müsse man sich parallel oft noch um die Angehörigen kümmern, die mit Ängsten, Unsicherheiten und Schuldgefühlen zu kämpfen hätten.

          Die Entscheidung fiel schweren Herzens

          Die Liebe zum Detail, mit der die Abteilung gestaltet ist, hilft den Angehörigen offenbar dabei, sich mit ihrer Entscheidung wohl zu fühlen. Rohani führt durch Gebetsräume, die eingerichtet sind wie ein Traum aus Tausendundeiner Nacht, mit bunten Orientteppichen, Mosaiklampen und Zierfliesen an den Wänden. Von den Bewohnern selbst werden die Räume kaum genutzt, die meisten sind gar nicht mehr in der Verfassung, das tägliche Gebet zu verrichten. Das Angebot richtet sich viel mehr an die Angehörigen. Denn die meisten Bewohner bekommen fast täglich Besuch von Kindern, Enkelkindern und anderen Verwandten. Die Familien teilen sich auf und sorgen dafür, dass die Alten im Heim nie lange allein sind – ein Kompromiss zwischen den traditionellen Familienstrukturen und der wirtschaftlichen Realität, in der oftmals beide Ehepartner arbeiten und für die Pflege zu Hause keine Zeit haben.

          Am Bett von Hanifa Atikzada, die vor 20 Jahren mit ihrer Familie aus Afghanistan floh, sitzt ihr Sohn Safiullah. Eine Zeitlang pflegte er seine 82 Jahre alte Mutter allein, doch nachdem sie erst einen Schlaganfall und dann einen Herzinfarkt erlitten hatte, verschlechterte sich ihre Situation so sehr, dass es zu Hause nicht mehr ging. Die Mutter hier unterzubringen sei ihm und seinen Geschwistern schwergefallen, sagt er, aber inzwischen seien ihre Herzen leichter, weil sie sich hier zumindest nicht fremd fühle. Die zarte alte Dame sitzt aufrecht auf dem Bett und trägt ein pastellfarbenes Tuch lose ums graue Haar. Ja, sie sei zufrieden hier, flüstert sie, das Essen schmecke, und die Pfleger verstünden ihre Sprache, mehr könne sie sich nicht wünschen. Ali Rohani drückt ihr die Hand, blickt auf die Uhr und verabschiedet sich. Er hat Feierabend und muss schnell noch in die Moschee, wo er in seiner Funktion als Imam am selben Tag noch ein afghanisches Paar vermählen muss.

          Die vor etwa einem Jahr eröffnete Station wird von Pflegen & Wohnen betrieben, einem privaten Anbieter mit 13 Standorten und rund 2850 Pflegeplätzen in Hamburg. Die „Orientabteilung“ ist eine Art Experiment für das Unternehmen, sie bietet 28 Plätze, von denen zurzeit etwa 16 belegt sind. Ob das Angebot erweitert wird, hängt davon ab, wie die Nachfrage sich entwickelt. Dass es überhaupt funktioniert, liegt an der engen Zusammenarbeit zwischen Heimleitung und der afghanischen Gemeinde, an deren Erfahrungen und Bedürfnissen sie sich orientiert.

          Bislang ist es bei Diskussionen geblieben

          Ähnliche Projekte gibt es auch in anderen großen Städten, doch für eine flächendeckende und verlässliche Versorgung muslimischer Senioren reichen diese Angebote nach Ansicht der Islamverbände und der DIK-Experten nicht aus. Ein Islamischer Wohlfahrtsverband, der sich historisch entwickele, an vorhandenen Strukturen entlang von unten heraus wachse und als zentraler Ansprechpartner für Bund, Länder und Kommunen dienen könnte, ist nach Ansicht von Samy Chachira zurzeit „das allerwichtigste Projekt von Muslimen in Deutschland“.

          Bisher ist es allerdings bei Diskussionen zu dem Thema geblieben. Die kirchlichen Verbände haben Verständnis für das Vorhaben ausgedrückt und ihre Unterstützung signalisiert, doch die Politik ist zurückhaltend. Auch, weil unklar ist, welcher der verschiedenen muslimischen Verbände in Deutschland Träger des Verbands werden soll. Dass Ditib, der größte Dachverband deutschtürkischer Muslime, Ende vergangenen Jahres vorpreschte und die Gründung eines eigenen Wohlfahrtsverbands ankündigte, sorgte bei allen anderen Islamvertretern für Unmut. „Ein solcher Verband macht nur Sinn, wenn wir das alle zusammen anpacken“, sagt Samy Charchira.

          Sümer Aksoy würde sich jetzt schon ein von Muslimen für Muslime betriebenes Pflegeheim in ihrer Stadt wünschen. Die Ärzte haben ihr kürzlich wegen anhaltender Beschwerden eine Bandscheibenoperation empfohlen, doch sie schiebt den Eingriff vor sich her, weil sie dann mehrere Wochen ausfallen würde und sich nicht mehr um ihren Mann kümmern könnte. „Wenn es gar nicht mehr anders geht, kehren wir in die Türkei zurück und lassen uns da pflegen, auch wenn die medizinische Versorgung dort viel schlechter ist“, sagt sie, und Galip Aksoy nickt und wirkt dabei zum ersten Mal an diesem Tag richtig energisch.

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