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Zigarettenpfand : „Es muss weh tun, Kippen wegzuwerfen“

Das Geld liegt auf der Straße: Bei 20 Cent Pfand pro Zigarette käme an diesem Parkplatz einiges zusammen. Bild: Imago

Giftige Zigarettenreste verschandeln Städte und Strände und sind zudem schädlich für die Umwelt. Der Berliner Stephan von Orlow will mit einem Pfandsystem dagegen vorgehen.

          Um sie zu finden, braucht es meist keinen weiten Weg. Denn sie liegen überall herum, auf den Straßen der Innenstädte, an Bushaltestellen und auf Bahnhöfen, auf Autobahnraststätten, im Park, an den belebten Stränden aller Seen und Meere und selbst auf Spielplätzen – die Rede ist von Zigarettenkippen. Überall, wo Menschen rauchen, hinterlassen sie die Reste dieses Vorgangs, allein in Paris fallen laut Stadtverwaltung jährlich 300 Tonnen Kippen an.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Denn geraucht wird weiterhin viel, in Deutschland tut es jeder Vierte. Damit liegt die Bundesrepublik innerhalb der Europäischen Union im oberen Mittelfeld. In deren Mitgliedstaaten werden täglich 72 Millionen Schachteln Zigaretten verkauft, in Deutschland brennen jeden Tag mehr als 200 Millionen Zigaretten ab, knapp 140 Millionen landen nach einer Berechnung der Hamburger Stadtreinigung auf Wegen, Plätzen und Straßen.

          Das ergibt nicht nur ein hässliches Bild an allen betroffenen Orten. Zigarettenreste enthalten neben Nikotin auch Arsen, Blei, Cadmium, Benzol, Blausäure und viele andere umweltschädliche Stoffe. Weggeworfene Kippen werden durch Regen und Sonneneinstrahlung in kleinere Bestandteile zerlegt und können von Vögeln und Fischen – ähnlich wie Plastik – mit Nahrung verwechselt werden. Und sie schädigen die Umwelt, weil die Stoffe ins Erdreich sickern oder in Gewässern gelöst werden. Was aber lässt sich dagegen tun?

          „Wir sind müllblind“

          Stephan von Orlow hat dazu eine Idee. Der 49 Jahre alte Berliner fordert ein Pfandsystem für Zigaretten und die dazugehörigen Schachteln: 20 Cent Pfand je Zigarette, das macht rund vier Euro Pfand pro Schachtel. Wer die Zigaretten samt Packung zurückgibt, bekommt das Pfand zurück. Wer es nicht tut, hat vier Euro auf die Straße geworfen.

          Klingt verrückt. Doch wer mit von Orlow, einem freundlichen Mann mit rotblondem Kurzvollbart, spricht, hat nicht den Eindruck, es mit einem Verrückten zu tun zu haben. Eher mit einem Menschen, der viel gelesen hat und sich Gedanken macht. Dem Berliner, Prozessmanager in einem mittelständischen Unternehmen, waren die vielen Kippen zunächst gar nicht aufgefallen. „Wir sind müllblind, manchen Müll sehen wir erst, wenn wir darauf aufmerksam gemacht wurden“, sagt er.

          Das Thema Müll habe er vor allem bei Spaziergängen mit seinen drei Kindern im heimischen Berliner Ortsteil Tegel entdeckt. Als einmal ein Mann ein Papier auf die Straße geworfen habe, da habe seine damals neun Jahre alte Tochter gesagt: „Da können wir gar nichts machen.“ Von Orlow wollte das so nicht hinnehmen. Über Facebook startete er einen Aufruf, einmal am Tag drei Müllteile von der Straße in einen Abfalleimer zu entsorgen – auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen etwa. Wenn hunderttausend mitmachen, so überlegte er, dann wären schon täglich 300.000 Teile Müll in der Stadt verschwunden. So entstand die Initiative „Die Aufheber“.

          Noch besser wäre es, wenn Müll erst gar nicht auf der Straße landet. Dass Zigarettenkippen ein Problem darstellen, haben die Städte durchaus erkannt. Doch bisher gehen die Kommunen nur mit Bußgeldern dagegen vor. Einheitliche Reglungen zur „unzulässigen Abfallentsorgung“, wie der Terminus für die Ordnungswidrigkeit heißt, gibt es in Deutschland nicht.

          In Düsseldorf, Hannover oder Dresden kostet das Wegwerfen einer Zigarettenkippe zehn Euro, in Berlin oder Dortmund 35, in Hamburg und München 55, in Stuttgart 75 und in Mannheim hundert Euro. Allein, es muss kaum jemand damit rechen, für das Wegschnippen einer Zigarette wirklich bestraft zu werden. Die Einnahmen aus Bußgeldern dürften marginal sein im Vergleich zu dem Schaden, den die Kippen anrichten. Einige Kommunen haben Rauchverbote auf Spielplätzen erlassen – das Verschlucken einer Kippe kann bei Kleinkindern Vergiftungen hervorrufen.

          Den vollen Aschenbecher zurückgeben

          Stephan von Orlow hält Strafen, Verbote und Aufklärungskampagnen zwar für richtig, aber doch für ungeeignet, das Problem zu lösen. Allenfalls könnte so erreicht werden, dass fünf bis zehn Prozent weniger Zigarettenkippen auf der Straße landen, schätzt er. Doch ihm geht es um Lösungen, die bis zu einhundert Prozent des Schadens vermeiden. „Der effektivste Weg geht immer noch über das Portemonnaie“, sagt er. Deswegen könne das Pfand auf eine Zigarette auch nicht etwa nur einen Cent betragen. „Es muss schon weh tun, die Zigarettenkippen wegzuwerfen.“

          Nach Orlows Vorstellungen wird in Zukunft beim Kauf einer Zigarettenpackung ein recycelbarer Taschenaschenbecher ausgegeben. In ihm soll in einem Teil die Asche Platz finden, im zweiten Teil die Kippen gesammelt werden. Wer einen vollen Taschenaschenbecher zurückgibt, erhält sein Pfand zurück. Auch die Schachtel, die innen Aluminium enthält und außen einen Kunststoffmantel hat, muss zurückgegeben werden.

          Um den Prozess schnell, hygienisch und automatisiert zu gestalten, soll ein Gerät die Taschenaschenbecher scannen, um zu prüfen, ob die volle Anzahl Kippen zurückgegeben wurde. „Ich bin sicher, 90 Prozent der Kippen landen dann nicht mehr auf der Straße“, sagt von Orlow. Die übrigen zehn Prozent könnten von „freien Sammlern“ aufgelesen werden, wie er sagt. Die dürften freilich nicht säckeweise Kippen anschleppen, sondern müssten ebenfalls die Taschenaschenbecher benutzen, die für zwei Euro Pfand ausgegeben würden. Je vollem Aschenbecher spränge immer noch ein Gewinn von zwei Euro heraus.

          Die gesammelten Kippen müssten nicht einfach weggeworfen, sondern könnten wiederverwendet werden. Denn Zigarettenfilter bestehen zu sechzig Prozent aus Zelluloseacetat, einem Kunststoffmaterial. Nach seiner Reinigung können daraus neue Kunststoffteile gefertigt werden. Das jedenfalls schlägt das Europäische Parlament für eine Richtlinie vor, mit der schädliche Auswirkungen von Kunststoffprodukten auf die Umwelt verringert werden sollen und die im März in erster Lesung verabschiedet wurde.

          „Wir hoffen auf Einsicht und Kooperation“

          Seinen Vorstoß hat Stephan von Orlow mit Mitstreitern seit Anfang des Jahres entwickelt, Anfang Juni haben sie ihn als Petition an Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) im Internet veröffentlicht. Bis zum Sonntagnachmittag hatten mehr als 55.300 Personen die Petition unterzeichnet. Schulze setzt allerdings auf eine andere Strategie. Die Ministerin will in Anlehnung an eine EU-Initiative die Tabakindustrie an den Kosten für die Reinigung der öffentlichen Räume und der Entsorgung der Zigarettenkippen beteiligen. Das sei der falsche Weg, sagt von Orlow. Er fürchtet, dass die Raucher dann erst recht ihre Zigarette wegwerfen, denn für die Müllbeseitigung bezahle ja das Tabakunternehmen. Recycling statt Entsorgung ist Orlows Devise.

          Auf die Zigarettenindustrie setzt allerdings auch der Initiator der Zigarettenpfand-Petition, wenn es darum geht, wie seine Idee Wirklichkeit werden könnte. „Wir brauchen Partner aus der Industrie und der Politik“, sagt er. Nur so ließen sich die erforderlichen Logistikwege entwickeln. Der Deutsche Zigarettenverband hat sich bisher allerdings skeptisch zu der Pfand-Idee geäußert. Pfandsysteme seien sinnvoll, um ein Produkt oder seinen Rohstoff wiederzuverwerten.

          „Für weggeworfene Zigarettenkippen gilt dies aus heutiger Sicht nicht“, sagt Jan Mücke, der Geschäftsführer des Verbands. Doch Pfand-Stratege von Orlow setzt darauf, dass seine Idee auch für die Tabakindustrie als Projekt zur Imagepflege attraktiv werden könnte. Er habe zumindest schon einen Gesprächstermin mit Mücke, sagt er. Der Lobbyist der Tabakindustrie hat auch von Politik Ahnung – er war zwischen 2005 und 2013 erst Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion und dann Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. „Wir hoffen auf Einsicht und Kooperation“, sagt von Orlow.

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