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Zigarettenpfand : „Es muss weh tun, Kippen wegzuwerfen“

Den vollen Aschenbecher zurückgeben

Stephan von Orlow hält Strafen, Verbote und Aufklärungskampagnen zwar für richtig, aber doch für ungeeignet, das Problem zu lösen. Allenfalls könnte so erreicht werden, dass fünf bis zehn Prozent weniger Zigarettenkippen auf der Straße landen, schätzt er. Doch ihm geht es um Lösungen, die bis zu einhundert Prozent des Schadens vermeiden. „Der effektivste Weg geht immer noch über das Portemonnaie“, sagt er. Deswegen könne das Pfand auf eine Zigarette auch nicht etwa nur einen Cent betragen. „Es muss schon weh tun, die Zigarettenkippen wegzuwerfen.“

Nach Orlows Vorstellungen wird in Zukunft beim Kauf einer Zigarettenpackung ein recycelbarer Taschenaschenbecher ausgegeben. In ihm soll in einem Teil die Asche Platz finden, im zweiten Teil die Kippen gesammelt werden. Wer einen vollen Taschenaschenbecher zurückgibt, erhält sein Pfand zurück. Auch die Schachtel, die innen Aluminium enthält und außen einen Kunststoffmantel hat, muss zurückgegeben werden.

Um den Prozess schnell, hygienisch und automatisiert zu gestalten, soll ein Gerät die Taschenaschenbecher scannen, um zu prüfen, ob die volle Anzahl Kippen zurückgegeben wurde. „Ich bin sicher, 90 Prozent der Kippen landen dann nicht mehr auf der Straße“, sagt von Orlow. Die übrigen zehn Prozent könnten von „freien Sammlern“ aufgelesen werden, wie er sagt. Die dürften freilich nicht säckeweise Kippen anschleppen, sondern müssten ebenfalls die Taschenaschenbecher benutzen, die für zwei Euro Pfand ausgegeben würden. Je vollem Aschenbecher spränge immer noch ein Gewinn von zwei Euro heraus.

Die gesammelten Kippen müssten nicht einfach weggeworfen, sondern könnten wiederverwendet werden. Denn Zigarettenfilter bestehen zu sechzig Prozent aus Zelluloseacetat, einem Kunststoffmaterial. Nach seiner Reinigung können daraus neue Kunststoffteile gefertigt werden. Das jedenfalls schlägt das Europäische Parlament für eine Richtlinie vor, mit der schädliche Auswirkungen von Kunststoffprodukten auf die Umwelt verringert werden sollen und die im März in erster Lesung verabschiedet wurde.

„Wir hoffen auf Einsicht und Kooperation“

Seinen Vorstoß hat Stephan von Orlow mit Mitstreitern seit Anfang des Jahres entwickelt, Anfang Juni haben sie ihn als Petition an Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) im Internet veröffentlicht. Bis zum Sonntagnachmittag hatten mehr als 55.300 Personen die Petition unterzeichnet. Schulze setzt allerdings auf eine andere Strategie. Die Ministerin will in Anlehnung an eine EU-Initiative die Tabakindustrie an den Kosten für die Reinigung der öffentlichen Räume und der Entsorgung der Zigarettenkippen beteiligen. Das sei der falsche Weg, sagt von Orlow. Er fürchtet, dass die Raucher dann erst recht ihre Zigarette wegwerfen, denn für die Müllbeseitigung bezahle ja das Tabakunternehmen. Recycling statt Entsorgung ist Orlows Devise.

Auf die Zigarettenindustrie setzt allerdings auch der Initiator der Zigarettenpfand-Petition, wenn es darum geht, wie seine Idee Wirklichkeit werden könnte. „Wir brauchen Partner aus der Industrie und der Politik“, sagt er. Nur so ließen sich die erforderlichen Logistikwege entwickeln. Der Deutsche Zigarettenverband hat sich bisher allerdings skeptisch zu der Pfand-Idee geäußert. Pfandsysteme seien sinnvoll, um ein Produkt oder seinen Rohstoff wiederzuverwerten.

„Für weggeworfene Zigarettenkippen gilt dies aus heutiger Sicht nicht“, sagt Jan Mücke, der Geschäftsführer des Verbands. Doch Pfand-Stratege von Orlow setzt darauf, dass seine Idee auch für die Tabakindustrie als Projekt zur Imagepflege attraktiv werden könnte. Er habe zumindest schon einen Gesprächstermin mit Mücke, sagt er. Der Lobbyist der Tabakindustrie hat auch von Politik Ahnung – er war zwischen 2005 und 2013 erst Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion und dann Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. „Wir hoffen auf Einsicht und Kooperation“, sagt von Orlow.

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