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Pfahls in Freiheit : Flucht war „eine der größten Eseleien“

  • Aktualisiert am

Bild: Reuters

Drei Wochen nach Ende des Korruptionsprozesses ist der frühere Staatssekretär Pfahls aus der Haft entlassen worden. Mit der Sorge, kein „objektives Verfahren“ zu erhalten, begründete Pfahls seine fünf Jahre lange Flucht.

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          Die Entlassung in die Freiheit war das letzte Kabinettstückchen des „Phantoms“, der schon die Zielfahnder des Bundeskriminalamtes gehörig ausgetrickst hatte.

          Diesmal narrte Ludwig-Holger Pfahls die Journalisten, allerdings mit Hilfe der Justiz. Vergebens wartete ein Pulk von Fotografen, Kameraleuten und Journalisten am Donnerstag vor der Augsburger Justizvollzugsanstalt, um den ersten Schritt des früheren Rüstungsstaatssekretär in die Freiheit zu dokumentieren. Pfahls hatte sich am Abend zuvor in ein anderes Gefängnis verlegen lassen, war unbemerkt entlassen worden und mit dem Taxi zum Frühstück mit Speck und Eiern in ein Augsburger Hotel gefahren.

          Gut gelaunt in die Freiheit

          Der wegen Vorteilsannahme und Steuerhinterziehung zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilte Pfahls trat gut gelaunt im roten Polohemd vor die Presse. Er scherzte mit den Fotografen, machte einen erstaunlich fitten Eindruck und beantwortete auch Fragen nach seiner Zukunft.

          Wieder in Freiheit: Ludwig-Holger Pfahls

          Wer ihm denn jetzt finanziell helfen werde? „Freunde“, sagte Pfahls. Welche? „Ich hoffe, daß die Freunde aus der Deckung kommen.“ Der Waffenlobbyist Karlheinz Schreiber sei dies sicher nicht und auch nicht der Geschäftsmann Dieter Holzer. Beide hatten Pfahls früher Geld gegeben. Namen nannte er nicht.

          Revision zurückgenommen

          Sein Anwalt Volker Hoffmann sagte, die Revision gegen die Verurteilung sei zurückgenommen worden, das Urteil sei „mit dem heutigen Tage rechtskräftig“.

          Zu seiner fünf Jahre langen Flucht vor der deutschen Justiz sagte Pfahls:„Ich habe viele Dummheiten in meinem Leben gemacht, aber das war die größte Eselei“. Nach einem Schlaganfall und der damaligen Trennung von seiner Frau habe er falsch reagiert und später befürchtet, vor dem Hintergrund des CDU-Parteispendenskandals kein „objektives Verfahren“ zu bekommen, wenn er sich gestellt hätte.

          Auch das Bundeskriminalamt trage Verantwortung, daß er ein „Phantom“ blieb. Selbst nach den Anschlägen vom 11. September habe er immer noch als Nummer eins auf der deutschen Fahndungsliste gestanden, „noch vor allen Al-Qaida-Terroristen“, sagte Pfahls.

          Nun will er sich um seine Gesundheit kümmern, die er während seiner Flucht vernachlässigt habe. „Jedes Jahr der Flucht zählt doppelt und dreifach“, sagte der 62 Jahre alte Pfahl. Er hoffe, mit seinen Fähigkeiten auch wieder eine berufliche Zukunft zu haben.

          Meistgesuchte Person

          Zugleich kritisierte Pfahls das Bundeskriminalamt (BKA) scharf. Es sei „unverhältnismäßig“, daß er nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten auf der BKA-Homepage weiter als meistgesuchte Person bezeichnet worden sei - noch vor Al-Qaida-Mitgliedern.

          Der Haftbefehl gegen Pfahls war gegen diverse Auflagen auf Antrag der Verteidigung außer Vollzug gesetzt worden. Pfahls war vor knapp drei Wochen zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt worden, nachdem er gestanden hatte, rund 1,9 Millionen Euro vom Waffenlobbyisten Karlheinz Schreiber angenommen zu haben.

          Auflagen für Pfahls

          Unter Anrechnung der Untersuchungshaft und der Auslieferungshaft in Frankreich hat Pfahls nach Angaben seines Anwalts seit vergangenem Sonntag die Hälfte seiner Strafe abgesessen.

          Pfahls wurde vom Gericht verpflichtet, sich einen Wohnsitz in Deutschland zu suchen. Außerdem darf er das Bundesgebiet ohne Erlaubnis des Gerichts nicht verlassen. Zusätzlich muß er sich einmal pro Woche bei der für ihn dann zuständigen Polizeidienststelle melden.

          „Allgegenwärtige Atmosphäre der Gewalt“

          Seine Haftzeit im Pariser Gefängnis La Santé bezeichnete Pfahls als das „Schrecklichste, was man sich vorstellen kann“. Neben Ratten, Mäusen, Kakerlaken und dem Dreck herrschte nach seinen Angaben eine „allgegenwärtige Atmosphäre der Gewalt“. Allerdings hatte er beim ersten Auslieferungsantrag durch Deutschland eine Überstellung in die Heimat abgelehnt und dagegen sogar vor einem französischen Gericht - allerdings erfolglos - geklagt.

          Der Fall Pfahls ist jetzt abgeschlossen, das Urteil gegen ihn rechtskräftig. Unwidersprochen kann jetzt gesagt werden, ein Mitglied der Regierung des früheren Kanzlers Kohl war korrupt. Dies bestätigte ausdrücklich der Sprecher des Landgerichts, der Richter Karl-Heinz Haeusler.

          Jetzt wolle er sich an die Freiheit gewöhnen. Der persönliche Kontakt zu seiner Familie - der geschiedene Pfahls hat zwei erwachsene Töchter - habe ihm sehr gefehlt.

          Und dann? „Mit Hilfe meines Anwalts möchte ich eine kleine Wohnung mieten.“ Die könne in Bayern sein, sagt der einst engste Mitarbeiter des langjährigen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß. „Ich kann mir aber genauso gut die neuen Länder vorstellen.“

          Undurchschaubar

          Selbstbewußt tritt Pfahls auf. Nichts ist in diesem Moment mehr zu spüren von seiner Einlassung zum Prozeßende, in der er fast schon schwermütig über seine Perspektiven sinnierte: Ein Mann, schon fast im Rentenalter, obendrein vorbestraft und verschuldet, muß sich eine neue Existenz aufbauen.

          Ob das Selbstbewußtsein nur zur Schau getragen ist oder vielleicht die Aussagen im Gericht bewußt dick aufgetragen waren, läßt sich bei dem hochgebildeten früheren Staatsanwalt, Verfassungsschutzpräsidenten, Staatssekretär und späteren Daimler-Manager nicht durchschauen.

          Ob sich denn die lange Flucht angesichts des Ausgangs der ganzen Sache gelohnt habe, wurde Pfahls gefragt. Sicher nicht, denn „eine Flucht ist kein Abenteuer, sondern eine ziemlich elende Geschichte“, antwortete er. Einzelheiten wollte er nicht erzählen. Die hatte er auch vor Gericht für sich behalten. Und ein Buch über seine Abenteuer als „Phantom“ wolle er auch nicht schreiben. Lächelte und verabschiedete sich im Blitzlichtgewitter der Fotografen.

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